Sprachenlernen im Ausland – 6 Anekdoten

Beim Sprachenlernen geht nichts über einen Auslandsaufenthalt. Aber wie solltest du es am besten angehen? In unserem Artikel berichten Menschen aus sechs verschiedenen Ländern von ihren Erfahrungen.
Sprachenlernen im Ausland – 6 Anekdoten
Illustration von Pintachan

Wir alle wissen, dass beim Sprachenlernen fast nichts so gut ist, wie tatsächlich in dem Land, dessen Sprache du lernen möchtest, zu leben! Aber leider… Deine Schulzeit mit internationalen Brieffreundschaften liegt schon weit zurück und auch die Gelegenheit für einen Auslandsaufenthalt während deines Studiums hast du verpasst. Wir sagen: Macht nichts! Es ist trotzdem nicht zu spät, beim Sprachenlernen von den Vorteilen eines längeren Auslandsaufenthaltes zu profitieren! Denn es muss nicht immer ein Erasmus-Jahr sein. Die folgenden sechs Anekdoten zeigen, wie verschiedene Herangehensweisen an einen Auslandsaufenthalt in sehr verschiedenen Erfahrungen enden können. Manche unserer Erzähler haben am Erasmus-Programm teilgenommen, während andere schlicht ihre Koffer gepackt und fremde Länder auf eigene Faust erkundet haben.

Giulia: Eine Italienerin in Paris, Frankreich

Als ich 23 Jahre alt war, beschloss ich, dass ich richtiges Französisch lernen wollte. „Schluss mit diesen blöden Grammatikregeln“, sagte ich mir; ich wollte das echte Verlan lernen. Ich entschloss mich also, nach Paris zu gehen – allein, ohne italienische Mitreisende, um zu vermeiden, dass ich wieder nur meine Muttersprache in einem fremden Land sprechen würde. Ich war Studentin (und damit pleite) und buchte mir das billigste Hotel, das ich finden konnte, in Pigalle, in der Nähe des Place de Clichy. Obwohl ich in der Schule Französisch gelernt hatte, merkte ich sofort, dass ich total unvorbereitet war und kaum bonjour und comment ça va sagen konnte. Die einfachsten Sachen schienen mir zu schwierig.

Diese Situation änderte sich schlagartig, als ich herausfand, dass ich nicht allein in meinem Hotelzimmer war: Eine schwarze Ratte saß friedlich in einer Ecke und dachte über ihr Leben nach. Ich musste sie loswerden. Der Film Ratatouille war noch nicht erschienen und ich wusste nicht, welch großartige Freundschaft wir hätten haben können. Ich nahm all meinen Mut zusammen und klingelte um drei Uhr morgens den Concierge wach. Mit dem Telefon in der einen und einem Wörterbuch in der anderen Hand schrie ich: „Monsieur, Monsieur, aidez-moi! Il y a une souris dans ma chambre!“ („Helfen Sie mir, eine Maus ist in meinem Zimmer!“) Als der Concierge mit einem Besen bewaffnet in meinem Zimmer erschien, fing ich erneut an zu schreien: „Non! Non! Ne le tuez pas!“ („Nein, nein, töten Sie ihn nicht!“). Der Concierge war durcheinander von meinem plötzlichen Sinneswandel und seine kurzzeitige Verwirrung gab der Ratte die Gelegenheit, durch ein Loch in der Wand zu flüchten. Alle, inklusive der Ratte, waren zufrieden mit dem Ausgang der Geschichte.

Und die Moral von der Geschicht’: Wenn es sein muss, werden dir die richtigen Wörter einfallen.

Cristina: Eine Spanierin in Viterbo, Italien

Ich ging mit dem Erasmus-Programm für etwa zehn Monate in das Städtchen Viterbo in Mittelitalien, um dort zu studieren. Schnell bemerkte ich, dass ich die Sprache nicht allein lernen konnte: Ich brauchte Freunde, Erfahrungen, Musik, Essen und all die Dinge, die aufregend genug waren, um mein Interesse am Lernen zu wecken – einfach nur in dem Land zu leben, war eben nicht genug. Darum bat ich meine Mitbewohner, mir Filme und Musik zu empfehlen: Ana, aus Slowenien, hatte solch eine Leidenschaft für italienische Musik, dass sie bald zu meinem ersten Anlaufpunkt für Empfehlungen wurde, obwohl sie keine Italienerin war. Ich habe unglaublich viel von ihr gelernt und nach all diesen Jahren singen wir immer noch Parole, parole zusammen, wenn wir uns wiedersehen. Ich fing an, die Oldies zu hören, so wie Lucio Battisti, die unglaublich talentierte Mina, Adriano Celentano und Paolo Conte – um nur einige zu nennen. Für mich waren italienische Musik, Mafia- und neorealistische Filme der beste Weg, die Sprache zu lernen.

Und die Moral von der Geschicht’: Gemeinsam sind wir stark – lass dir von anderen den Weg weisen. Sei nicht schüchtern und sei bescheiden genug, um dir helfen zu lassen.

Ed: Ein Engländer in Valladolid, Spanien

Nachdem ich die Universität in Southampton, England, abgeschlossen hatte, nahm ich an einem TEFL-Kurs in Zamora, Spanien, teil. Ich fand schnell einen Job in Spaniens ehemaliger Hauptstadt, Valladolid. Ich wusste nichts über die Stadt, abgesehen davon, wo sie ungefähr lag und dass sie eine mittelmäßige Fußballmannschaft hatte. Als ich ankam, wurde ich sofort ins kalte, beziehungsweise warme Wasser des spanischen Zusammenlebens gestoßen. Ich hatte außerhalb der Arbeit keinen Kontakt zu englischen Muttersprachlern. Ich verbrachte meine Wochenenden damit, schüchtern am Rand von Gesprächsgruppen zu sitzen und darüber nachzudenken, ob es eine Möglichkeit gab, diesem neuen und für mich etwas peinlichen Küsschenritual, mit dem sich die Leute gegenseitig begrüßen, zu entkommen. Nach sechs Monaten hatte ich mich ausreichend mit der spanischen Sprache und Kultur angefreundet, um durch Unterhaltungen voller unfreiwilligem Slapstick zu stolpern, Freunde zu finden und nur zweimal darüber nachzudenken, bevor ich Küsschen mit angemessenem Druck auf weibliche Wangen presste.

Dann schmiss ein Freund in seiner Wohnung eine Party und ein zusammengewürfelter Haufen entschiedener Nicht-Spanier rollte herein. Für mich war das etwas schockierend – ich dachte, dass ich der einzige Ausländer im Städtchen war. Als ich sie fragte, was zur Hölle sie in Valladolid wollten, sahen sie mich mit großen Augen an und antworteten: „Erasmus, natürlich.“ Jetzt kann ich es kaum glauben, aber damals hatte ich tatsächlich keinen blassen Schimmer davon, was Erasmus war – bedauerlicherweise ist das Austauschprogramm in England nicht besonders bekannt – aber als ich mir ihre Geschichten anhörte, wurde ich sehr, sehr, neidisch. Ich habe den Neid durch Imitation ausgetrieben: Obwohl ich Vollzeit arbeitete, tat ich für die nächsten zwölf Monate so, als würde ich ein Erasmusjahr verbringen. Ich ging lange feiern, wachte spät auf, lernte Spanisch in Büchern und Bars und verlor mich in Gesprächen darüber, wie wir Grenzen und jahrhundertelange kulturelle Differenzen überwinden könnten, indem wir einfach nur zu dieser Zeit und an diesem Ort am Leben waren.

Und die Moral von der Geschicht’: Dich von einem vollkommen Fremden zu einem vertrauten Gesicht zu mausern, wird dir eine interessante Mischung aus Bescheidenheit und Selbstvertrauen bescheren.

Sarah: Eine Brasilianerin in London

In Brasilien gibt es kein Erasmus-Programm, aber viele Leute nehmen an anderen Austauschprogrammen teil – entweder in der Oberstufe oder nach der Schule an einem Work-and-Travel-Aufenthalt. Ich entschied mich, nach London zu gehen, um dort Englisch zu lernen und Teilzeit zu arbeiten. Es war das erste Mal, dass ich allein reiste, und das erste Mal, dass ich in Europa war – genau darum war ich sehr anfällig für die typischen Fehler einer unerfahrenen Reisenden: Ich hatte keine Ahnung, wie die U-Bahn-Stationen angelegt waren oder wie weit Zone 4 ging, aber ich entschied mich dazu, trotzdem mit den Öffentlichen zu meiner Gastfamilie zu fahren. Das Haus war in Wood Green, Nordlondon, einer beschaulichen Wohngegend. Ich verließ die U-Bahn-Station voller Energie und der Überzeugung, dass ich nur fünf Minuten von meinem Ziel entfernt war. Großer Fehler. Ich fand mich in inmitten einer typisch britischen Wohngegend wieder, weit und breit war niemand zu sehen, den ich nach dem Weg hätte fragen können, mein Koffer war 30 Kilo schwer und es würde noch etwa zehn Jahre dauern, bis Handys ihren Status als alltägliche Begleiter erreicht hätten. Gerade als sich die vollkommene Verzweiflung einstellte, traf ich auf einen anderen Menschen und fing an, ihn mit meinem Neandertaler-Englisch zu quälen. Nachdem ich zehn Minuten damit gekämpft hatte, seinen starken nordlondoner Akzent zu verstehen, erbarmte er sich meiner und bot mir an, mich einfach zu dem Haus mitzunehmen. Ich hätte nicht dankbarer sein können.

Und die Moral von der Geschicht’: Lieber einmal zu viel fragen als einmal zu wenig. Hab keine Angst davor, dich zu blamieren, wenn du nicht genau weißt, was die Leute dir eigentlich sagen. So lernen wir alle Sprachen.

Marion: Eine Französin in Berlin

Als ich in meinem Erasmus-Jahr nach Berlin zog, merkte ich schnell, dass es besser gewesen wäre, mehr über meine Unterkunft nachzudenken. Als Teil der L’auberge espagnole-Generation war ich der festen Überzeugung, dass ich sofort drei oder vier gebildete und entzückende Mitbewohner in einer wunderschönen Wohnung in Berlins coolstem Kiez finden würde. Unglücklicherweise passiert das im wahren Leben meist nicht einfach so und alle anderen hatten sich im Voraus um ihre Unterbringung gekümmert. Meinen zweiten Tag in der Hauptstadt verbrachte ich damit, auf einem flackernden Computerbildschirm jede einzelne Wohnungsanzeige Berlins zu lesen. Mein französischer Akzent kam mir zugunsten und nach nur zwei Wohnungsbesichtigungen boten mir zwei Deutsche an, in ihre wunderschöne Wohnung einzuziehen.

Das folgende Jahr war eins der schönsten meines Lebens – voller Abenteuer und Entdeckungen, aber auch manchmal Herzschmerz. Mit der Frustration, mich nicht frei ausdrücken zu können und Gespräche nur teilweise zu verstehen, konnte ich manchmal nur schlecht umgehen. Meine Mitbewohner machten nicht die geringsten Anstalten, langsam oder einfach zu sprechen, und fielen zu ihrer Verteidigung immer auf dasselbe Argument zurück: „Aber du musst lernen!“ Sie waren beide aus Thüringen und waren zusammen aufgewachsen. Rechne es dir selbst aus: Freunde seit der Kindheit (geheime Sprache) + aus einem Dorf im Osten (starker regionaler Akzent) + WG (Witze, Alkohol, alle reden aufgeregt durcheinander) = eine Menge Verwirrung! Am Anfang war ich total verloren, aber trotzdem bemühte ich mich beharrlich, die Sprache weiterzulernen – auch wenn ich dafür manchmal meinen Stolz herunterschlucken musste. Jetzt spreche ich fließend Deutsch und Thüringisch. Manchmal werfe ich ein wenig schadenfroh ein thüringisches Wort in das Gespräch mit deutschen Muttersprachlern ein, nur um die Frage „Was heißt das denn?“ zu hören.

Und die Moral von der Geschicht’: Lass es ruhig angehen und sei nicht entmutigt, wenn es mal schwer oder frustrierend wird. Du kannst eine Sprache nur fließend sprechen, wenn du übst und geduldig bist. Wenn du dich dann aber in der Sprache ausdrücken kannst – einen Witz machen oder Slang richtig benutzen kannst – wird es den Aufwand auf jeden Fall wert sein und dich mit Freude und Stolz erfüllen.

Katrin: Eine Deutsche in Toronto, Kanada

Als ich 15 war, bewarb ich mich auf ein staatlich gefördertes Austauschprogramm in die USA. Um es kurz zu machen: Ich habe den Platz nicht bekommen. Vielleicht war es, weil meine Zensuren nicht gut genug waren; oder weil ich in dieser Zeit etwas gegen das System war und es sich immerhin um ein staatlich gefördertes Programm handelte; oder vielleicht war es, weil die anderen Bewerber ein netteres Lächeln hatten. Was auch immer der Grund: Damals nahm ich es ein bisschen persönlich. Rückblickend war abgelehnt zu werden jedoch das Beste, was mir passieren konnte. Ich beschloss, stattdessen nach der Schule nach Kanada zu gehen, und zwar auf eigene Faust. Ich musste mich um einen Job bewerben, einen Handyvertrag abschließen, eine Wohnung suchen, das Finanzamt anrufen und herausfinden, wie man kanadische cup-Maße in Gramm umwandelt, als ich einen Kuchen backen wollte – alles alleine und alles in einer zweiten Sprache. Es war nicht immer einfach, aber jeden Aspekt meines Lebens in einer anderen Sprache zu organisieren, half wir wirklich dabei, fließend zu werden – ganz zu schweigen davon, wie es mich in meiner persönlichen Entwicklung vorangebracht hat.

Und die Moral von der Geschicht’: Du bist also nicht offiziell mit einem Schüler- oder Studentenprogramm zum Lernen ins Ausland gegangen – lass dir davon aber nicht den Spaß am Im-Ausland-lernen verderben! Eine verpasste Chance sollte dich nicht davon abhalten, es später noch einmal zu versuchen. Ein Auslandsaufenthalt ist eins der besten Dinge, die du tun kannst – sowohl für deine sprachliche als auch deine persönliche Entwicklung!

Lust auf einen Auslandsaufenthalt bekommen? Lerne vorher etwas von der Sprache!

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Katrin Sperling
Katrin Sperling ist in Potsdam geboren und aufgewachsen und hat nach dem Abitur ein Jahr in Toronto, Kanada verbracht. Weil ihr Hogwarts-Brief zu ihrem 20. Geburtstag im Jahr 2011 immer noch nicht angekommen war, musste sie schließlich die Realität akzeptieren und studierte Englische und Deutsche Linguistik in Berlin. Zum Glück erwies sich die Linguistik als genauso magisch, weswegen Katrin sehr glücklich ist, jetzt für das Babbel Magazin über Sprachen zu schreiben.
Katrin Sperling ist in Potsdam geboren und aufgewachsen und hat nach dem Abitur ein Jahr in Toronto, Kanada verbracht. Weil ihr Hogwarts-Brief zu ihrem 20. Geburtstag im Jahr 2011 immer noch nicht angekommen war, musste sie schließlich die Realität akzeptieren und studierte Englische und Deutsche Linguistik in Berlin. Zum Glück erwies sich die Linguistik als genauso magisch, weswegen Katrin sehr glücklich ist, jetzt für das Babbel Magazin über Sprachen zu schreiben.