Dialekte in Deutschland: Eine Einführung in die Mundarten (und Hochdeutsch)

Im deutschsprachigen Raum schnacken, vertellen, quatschen, schwätze und babbele wir, was das Zeug hält – wir reden, und das im Dialekt.
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Dialekte in Deutschland: Eine Einführung in die Mundarten (und Hochdeutsch)

Die Landkarte der deutschen Dialekte ist illustriert von Theresa Grieben

Warum ist Hochdeutsch ein Dialekt – und wie viele Dialekte hat die deutsche Sprache eigentlich? Vielleicht platzt dir schon die Hutschnur, weil ich ganz frech behauptet habe, dass Hochdeutsch ein Dialekt ist, und du willst gleich mit dem Lesen und Diskutieren loslegen. Gut so! Aber bevor wir wirklich anfangen, sollten einige Begriffe geklärt werden.

Akzent, Dialekt oder Mundart?

Ein Akzent bezeichnet die Aussprachegewohnheiten einer Muttersprache in einer anderen Sprache. Wenn ein deutscher Muttersprachler beispielsweise das englische [th] wie ein [s] ausspricht, dann macht sich sein deutscher Akzent im Englischen bemerkbar. Derselbe Muttersprachler kommt eventuell aus Bayern und spricht seinen regionalen Dialekt, also die Sprachvarietät des Deutschen, die in seiner Heimat verbreitet ist. Unser deutscher Muttersprachler hat also genauso wenig einen bairischen Akzent im Deutschen, wie eine englische Muttersprachlerin aus Großbritannien einen British accent hat, wenn sie Englisch spricht.

Während ein Akzent nur die Aussprache meint, umfassen Dialekte auch die Grammatik und Lexik. Wie nennst du zum Beispiel das kleine Gebäck, das du dir morgens belegt beim Bäcker holst: ein Brötchen, eine Bemme, eine Schrippe, eine Semmel oder doch ganz anders?

Im 19. Jahrhundert versuchte Jacob Grimm (genau, einer der Gebrüder Grimm!), zwischen Dialekten (großräumig) und Mundarten (kleinräumig) zu unterscheiden. Diese Differenzierung hat sich nicht durchgesetzt und heutzutage werden die Begriffe Dialekt und Mundart synonym verwendet.

Und nun zum kontroversen Teil: Was ist Hochdeutsch?

„Du hast gar keinen Dialekt, du sprichst ein richtig schönes, sauberes Hochdeutsch!“ – dieses Kompliment habe ich schon öfter in meinem Leben bekommen, aber als Linguistin kann ich es nicht so ganz annehmen. Das hat zwei Gründe.

Standarddeutsch, nicht Hochdeutsch!

Der erste Grund kennzeichnet mich zugegeben als Krümelkackerin – oder Tüpflischisserin, wie die Schweizer sagen. Im allgemeinen Volksmund wird gerne von (amtlichem) Hochdeutsch gesprochen, wenn eigentlich Standarddeutsch gemeint ist.

Standarddeutsch ist das Ergebnis der Normung der deutschen Sprache. Es ist das Deutsch, das allgemein als „richtig“ und „dialektfrei“ angesehen wird, wobei beide Prädikate linguistisch gesehen sehr fragwürdig sind.

Probleme mit der Normung des Deutschen gibt es schon dadurch, dass es in Deutschland keine Instanz gibt, die Regeln für die deutsche Grammatik und Aussprache festlegen könnte, so wie beispielsweise die Académie française in Frankreich das Standardfranzösisch reguliert. Der Duden wird oft als regulierendes Werk für die deutsche Sprache zurate gezogen. Die Dudenredaktion selbst argumentiert allerdings, dass sie die Sprache nicht mache, sondern objektiv abbilde – also aufzeichnet, wie deutsche Muttersprachler Deutsch verwenden, anstatt ihnen vorzuschreiben, wie sie es zu verwenden haben.

Das Fehlen einer regulierenden Instanz heißt, dass es kein „richtiges“ Deutsch für alle Bürger gibt. Zwar besteht durch Dienstvorschriften für Beamte (somit auch für verbeamtete Lehrende) und Mitarbeitende des öffentlichen Dienstes ein amtliches Hochdeutsch, aber eine Privatperson darf Deutsch schreiben und sprechen, wie es ihr beliebt. In anderen Einrichtungen wie Verlagen regeln Hausorthographien die anzuwendende Rechtschreibung, die durchaus von den aktuellen Dudenempfehlungen oder vom amtlichen Hochdeutsch abweichen können. Häufige Unterschiede sind zum Beispiel die Groß- oder Kleinschreibung der du-Anrede sowie Konsonantenhäufungen (oder deren Vermeidung), wie sie in „Schifffahrt“ vorkommen.

Das Standarddeutsch Österreichs, der Schweiz und Deutschlands sind alle Varietäten der deutschen Standardsprache.

Aber Standarddeutsch ist das „richtige“ Deutsch, oder?

Nein, Standardsprachen sind nicht unbedingt logischer oder regelmäßiger als Dialekte. Oft ist das Gegenteil der Fall, weil Sprecher von Dialekten sich weniger für „richtige“ oder „falsche“ Sprache interessieren und daher beim Sprechen zu mehr Regelmäßigkeit neigen.

Und auch die standardisierte Aussprache beruht auf willkürlichen Auswahlen für eine „richtige“ Aussprache und wählt nicht etwa die Variante aus, die dem Schriftbild am nächsten kommt. Die „dialektfreie“ Aussprache des Zahlworts vierzig ist zum Beispiel [virzich] mit kurzen [i]s und [ch] am Ende. Glaubst du nicht? Hör es beim Dudeneintrag nach. Bestimmte dialektale Aussprachen orientieren sich mehr an der Rechtschreibung: mit langem [i] und einem [g] am Ende. Adleraugen und Schlaufüchsen wird an dieser Stelle aufgefallen sein, dass zweitere Sprechende das Wort immer noch nicht genauso aussprechen, wie es geschrieben wird: Das geschriebene „e“ ist stumm, denn unsere Rechtschreibkonvention sagt, dass es lediglich anzeigt, dass das vorhergehende „i“ länger ausgesprochen wird.

Von der Moralität mal ganz abgesehen ist es problematisch, Standarddeutsch als besser, richtiger, oder als einzig gültige Sprachvariante anzusehen.

Sollte man dann keinen Standard haben und nur noch Dialekte sprechen?

Obwohl regionale Färbungen sehr schön kein können, spricht für eine Normung, dass sie eine deutschlandweite Kommunikation zwischen Sprechenden verschiedener Dialekte erlaubt. Bis zum Ende des Mittelalters war die Lingua franca das Lateinische. Das Volk sprach Dialekt, und zwar breit gefächert. Die zum Teil klaffenden Unterschiede zwischen den Dialektsprechenden traten mit Luthers Bibelübersetzung und dem Buchdruck zutage. Es musste ein einheitliches, überall verständliches Deutsch geschaffen werden, um in möglichst hoher Auflage zu verkaufen. Wie wäre es also, wenn wir Standarddeutsch als Lingua franca ansehen, statt als einziges, richtiges Deutsch, das Dialekten überlegen ist? Und wo wir gerade von Dialekten reden, was ist denn nun Hochdeutsch? Die Unterscheidung zwischen Standarddeutsch und Hochdeutsch ist darum wichtig, weil der Begriff „Hochdeutsch“ linguistisch bereits besetzt ist, und zwar für eine Gruppe von Dialekten!

Welche Dialekte gibt es in Deutschland?

Generell werden die deutschen Dialekte in hochdeutsche und niederdeutsche Mundarten unterteilt. „Hoch“ und „nieder“ gelten hier nicht als wertende Attribute, sondern bezeichnen lediglich Dialekte der „höheren“ und der „niederen Lande“, also der bergige Süden und der platte Norden. Anders als die Namensgebung vermuten lässt, wurden die Dialekte nicht nur aufgrund ihrer geografischen Lage klassifiziert – denn Sprache hält sich nicht immer an naturgegebene oder politische Grenzen.

Wie werden die Dialekte im deutschsprachigen Raum abgegrenzt?

Als Maßstab gilt, in welchem Ausmaß der Landstrich von der sogenannten zweiten oder hochdeutschen Lautverschiebung betroffen war. Eine Lautverschiebung bezeichnet eine langfristige und mehrphasige Art des Sprachwandels, die darin besteht, dass die Aussprache von Lauten mit der Zeit geändert wird. Die zweite Lautverschiebung vollzog sich etwa während des 6. bis 8. Jahrhunderts nach Christus und betraf vor allem die Konsonanten [p], [t] und [k]. Das klingt erstmal alles sehr theoretisch und kompliziert, wird aber durch einige Beispiele schnell klarer.

  • Durch die Lautverschiebung wurde [p] zu [pf] oder [f]. Das Wort [appel] wurde zum Beispiel zu [Apfel], das Wort [schip] wurde als [Schiff] ausgesprochen.
  • Der Konsonant [t] wandelte sich zu [s] und [ts] (was wie ein [z] klingt). So sagen Sprecher im Norden bis heute weiterhin [dat], [wat] und [Water] wie vor der Lautverschiebung, während südlichere Sprecher [was], [das] und [Wasser] sagen.
  • Der [k]-Laut wandelte sich zum Reibelaut [ch], [ik] wurde zu [ich] und [maken] wurde zu [machen]. In der Schweiz ist diese Lautveränderung besonders gut zu beobachten, sogar im Anlaut spricht man hier ein [k] als [ch] aus, das Wort [Kind] klingt wie [Chind].

Wie bereits aus unseren Beispielen erkennbar ist, blieben die niederen Lande (Niederdeutsch) von der zweiten Lautverschiebung weitestgehend unberührt, während die Dialekte der höheren Lande (Hochdeutsch) in verschiedenem Ausmaß betroffen waren. Die hochdeutschen Mundarten werden noch weiter in mitteldeutsche und oberdeutsche Dialekte gegliedert. Die Auftrennung der Dialekte erfolgt also anhand bestimmter sprachlicher Regelmäßigkeiten wie Lautverschiebungen.

Was sind Beispiele für nieder-, mittel- und oberdeutsche Dialekte?

Dialekte im niederdeutschen Sprachraum sind relativ offensichtlich nördliche Mundarten wie Schleswigisch, Holsteinisch und Ostfriesisch, aber auch eher mittig angesiedelte Dialekte wie Märkisch Platt (in der Mark Brandenburg) oder Südniederfränkisch (auch Limburgisch genannt), das in Nordrhein-Westfalen rund um die Städte Mönchengladbach, Düsseldorf, bis Krefeld und im Süden von Duisburg gesprochen wird. Limburgisch ist, wie der Name es vermuten lässt, auch in Niederländisch-Limburg (in den Niederlanden) und in Belgisch-Limburg (in Belgien) verbreitet.

Der mitteldeutsche Sprachraum umfasst Gebiete wie Köln (Ripuarisch), Hessen (Hessisch), aber auch Erfurt (Thüringisch), Dresden (Obersächsisch) und Bautzen (Schlesisch-Lausitzisch). Berlin liegt übrigens auch im mitteldeutschen Dialektgebiet, ist aber ein Metrolekt, also eine Stadtsprache, die eine Mischung unterschiedlicher Mundarten (hauptsächlich Nieder- und Mitteldeutsch) ist.

Der oberdeutsche Sprachraum reicht in etwa von Franken bis nach Österreich und in die Schweiz. Die wohl prominentesten Mundarten hier sind Bairisch (Ostoberdeutsch), Alemannisch (Westoberdeutsch) und Fränkisch (Nordoberdeutsch).

Wie viele Dialekte hat die deutsche Sprache?

In wie viele Dialekte genau sich die großen Dialektgruppen Nieder-, Mittel- und Oberdeutsch aufgliedern, ist schwer zu sagen. Zu den linguistischen Kriterien kommen politische: Neben Deutschland und angrenzenden Gebieten gibt es deutsche Sprachinseln in Polen, Slowenien oder der Ukraine, um nur einige zu nennen. Wie gehen wir mit der luxemburgischen Sprache um – betrachten wir sie als Dialekt des Deutschen oder als eigenständige Sprache? Was ist mit Plautdietsch in Mittel- und Südamerika, mit Pennsylvania Dutch oder Texasdeutsch in Nordamerika? Sind diese Varianten schon eigenständige Sprachen oder Dialekte? Während Fragen dieser Art die Sache kompliziert machen, heben sie auch ein Merkmal von Sprache hervor:

Sprache lebt, verändert sich und atmet. Es gibt sie in vielen Farben und Facetten – und genau das macht es so interessant, Sprachen zu lernen.

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