Welche Sprachen sind Deutsch am ähnlichsten?

Die deutsche Sprache hat nicht nur viele Dialekte, sondern auch viele nahe Verwandte. Doch welcher von ihnen ist Deutsch am ähnlichsten?
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ARTIKEL VON Sarah Waldmann
Welche Sprachen sind Deutsch am ähnlichsten?

Die deutsche Sprache ist wie ein kunterbuntes Haus. Sie versammelt unter ihrem Dach eine Vielzahl von Dialekten, die sich teilweise so stark voneinander unterscheiden, dass sie schon fast wieder als eigene Sprachen gelten könnten (tun sie aber nicht). Gleichzeitig finden sich in ihrem weitverzweigten Stammbaum nahe Verwandte, die man überraschend gut versteht, weil sie dem Deutschen ziemlich ähnlich sind. Die Lage ist also verzwickt: Wer ist denn jetzt der ähnlichste Verwandte und wer nur ein entfernter Dialekt? Und heißt „nah verwandt“ zwangsläufig auch „gut verständlich“? Hier erfährst du, welche sechs Sprachen Deutsch am ähnlichsten sind.

1. Ähnlichste Sprache mit umstrittenem Status: Niederdeutsch

Dialekt oder Sprache? Trotz der 5 Millionen Menschen, die Niederdeutsch als Erst- oder Zweitsprache im Norden Deutschlands und im Osten der Niederlande sprechen, ist das Niederdeutsche hinsichtlich seines Status’ als Sprache ein Wackelkandidat. Einige Sprachforschende bewerten es lediglich als Dialekt des Deutschen, während die Sprechenden ihr Plattdüütsch als eigenständige Sprache empfinden. Als Argument für einen Status als Sprache wird häufig der unterschiedliche Wortschatz (schon mal was von schirrwarken gehört?) und eine vom Standarddeutschen abweichende Grammatik (nur drei Fälle, nur zwei Artikel) angeführt. Auch bei der zweiten Lautverschiebung wollte Niederdeutsch im Gegensatz zum Hochdeutschen nicht mitmachen, weshalb es Tied, Ploog und slapen statt Zeit, Pflug und schlafen heißt. Aber die Ähnlichkeiten sind natürlich nicht von der Hand zu weisen. Versuch doch mal diesen Wikipedia-Eintrag auf Plattdüütsch zu lesen! Ik denk, du kunnst binah all verstahn! Wenn wir also ein Auge zudrücken und Niederdeutsch als eigene Sprache durchgehen lassen, dann ist es der nächste Verwandte des Deutschen.

2. Ähnlichste Amtssprache: Luxemburgisch

Mit dem Luxemburgischen bleiben wir im Spannungsfeld zwischen „naher Verwandter“ und „eigensinniger Dialekt“. Aber immerhin handelt es sich hier um eine der drei offiziellen Amtssprachen von Luxemburg, die von der Europäischen Union sogar als Minderheitensprache anerkannt wird. Lëtzebuergesch wird weltweit von ca. 300.000 Menschen gesprochen, davon leben 250.000 im Großherzogtum Luxemburg. Es ist eng verwandt mit den moselfränkischen Dialekten des Deutschen, hat aber viele Wörter aus dem Französischen übernommen. Ein paar Beispiele:

Deutsch Luxemburgisch Französisch
ich ech moi
Gabel Forschett fourchette
Haus Haus maison
Straße Strooss rue
bitte wann ech gelift s’il vous plaît

Luxemburgisch ist also ein echtes Sprachenmischmasch, oft werden französische Ausdrücke sogar einfach eingedeu… äh, luxemburgisiert. Aber auch wenn du des Französischen nicht mächtig bist, kannst du sicher vieles auf Lëtzebuergesch verstehen.

3. Ähnlichste eigenständige Sprache: Friesisch

Wir bewegen uns ein wenig weiter weg vom Deutschen und seinen umstrittenen Dialekten und stoßen auf einen nahen Verwandten, der definitiv eine eigene Sprache ist: Friesisch. Genau genommen ist Friesisch (auch Frysk, Fresk oder Frasch) sogar eine Gruppe aus drei Sprachzweigen, die im Norden Deutschlands, Dänemark und vor allem in den Niederlanden gesprochen werden. Begriffe wie kaai (“Schlüssel”), wiet (“nass”) oder skiep (“Schaf”) lassen die nahe Verwandtschaft zum Englischen erkennen, aber auch dem Deutschen sind die drei friesischen Sprachen noch ziemlich ähnlich:

Deutsch Westfriesisch Nordfriesisch Saterländisch
willkommen wolkom wäljkiimen wäilkuumen
guten Morgen goeie moarn moin moarn

Im Mittelalter war Friesisch eine wichtige Sprache, galten doch die Friesen als bedeutende Seefahrer und Händler der Nordseeküste. Um das Jahr 1500 wurde Niederländisch zur offiziellen Sprache der Region, seitdem verlor das Friesische immer mehr an Bedeutung. Heute sprechen noch um die 550.000 Menschen eine der friesischen Sprachen, die meisten davon in den Niederlanden.

4. Ähnlichste Minderheitensprache: Jiddisch

Dieser Verwandte des Deutschen ist so facettenreich wie seine bewegte Geschichte. Jiddisch wurde vor allem von den aschkenasischen Juden in Europa verwendet. Es ging aus dem Mittelhochdeutschen hervor und ist somit ebenfalls eine westgermanische Sprache. Außerdem flossen hebräisch-aramäische, romanische und slawische Elemente mit ein. Ein bisschen von allem also. 1939 war Jiddisch mit 11 bis 13 Millionen Sprechenden nach Englisch und Deutsch die drittgrößte germanische Sprache, heute schätzt man die Anzahl der Sprechenden auf ungefähr 1,5 Millionen. Die meisten von ihnen wohnen seit dem Holocaust nicht mehr in Europa, sondern in New York, London, Antwerpen und Jerusalem.

Auf den ersten Blick ist Jiddisch für Deutsche ein Buch mit sieben Siegeln, denn es wird mit dem hebräischen Alphabet geschrieben. Aber schaut man sich Umschriften in lateinischen Buchstaben an, sieht die Sache gleich ganz anders aus (hier der Anfang des ersten Buches Mose):

Deutsch Jiddisch

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;

und die Erde war wüst und wirr, und Finsternis lag über der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

In onheyb hot got bashafn dem himl un di erd.

Un di erd iz geven vist un leydik, un fintsternish iz  geven oyfn  gezikht fun thom, un der gayst fun got hot geshvebt oyfn gezikht fun di  vasern.

Das Jiddische hat nicht nur vieles aus dem Deutschen übernommen, es hat auch selbst seine Spuren hinterlassen. Begriffe wie ausbaldowern, Kaff, Schlamassel, meschugge, Stuss und Zoff sind nur einige der zahlreichen jiddischen Wörter, die ihren Eingang ins Deutsche gefunden haben.

5. Ähnlichste große Sprache: Niederländisch

Endlich kommen wir zu der Sprache, die wahrscheinlich vielen zuerst einfällt, wenn sie an Sprachen denken, die Deutsch am ähnlichsten sind. Ja, auch Nederlands gehört zu den uns mittlerweile sehr vertrauten westgermanischen Sprachen. Sie wird von schätzungsweise 25 Millionen Menschen gesprochen und lässt sich irgendwo zwischen Niederdeutsch, Friesisch und Englisch verorten. Die Satzstellung ist weitgehend wie im Deutschen, selbst Konstruktionen wie die deutsche Verbalklammer sind möglich: Hij gaat niet op de vraag in („Er geht nicht auf die Frage ein“). Auch in Sachen Artikel, Adjektive und Pluralendungen ist alles ein bisschen wie im Deutschen.

Deutsch Niederländisch
Artikel der Mann
die Frau
das Buch
de man
de vrouw
het boek
Adjektive der große Mann
die große Frau
das große Haus
de grote man
de grote vrouw
het grote huis
Pluralformen viele verschiedene:
die Frauen
die Häuser
die Löffel
immer auf -en oder -s:
de vrouwen
de huiz
en
de lepel
s

Deshalb gehört Niederländisch auch zu den Sprachen, die für Deutsche am einfachsten zu lernen sind. Und quasi als Bonus obendrauf versteht man mit Niederländischkenntnissen auch Afrikaans, das in Südafrika und Namibia gesprochen wird.

6. Ähnlichste Weltsprache: Englisch

Auch die Weltsprache Englisch zählt zur engeren Verwandtschaft und ist dem Deutschen somit in vielem ähnlich. Im frühen Mittelalter importierten nordseegermanische Völker wie die Angeln ihre Sprache nach Britannien, wo sie sich vom frühen Angelsächsischen zum heutigen Englisch entwickelte. Im Vergleich mit den anderen westgermanischen Sprachen hat Englisch aber die ein oder andere Eigenheit entwickelt. So hat es die Verbzweiteigenschaft verloren (die Regel, dass das Verb im Hauptsatz immer an zweiter Position steht) und die Verbflexionen wurden auf ein Minimum heruntergeschraubt (im Präsens gibt es nur noch das -s bei der dritten Person Einzahl: he makes). Des Weiteren weist das Englische nur noch einen bestimmten Artikel auf (the) und auch Kasusmarkierungen und die Endungen von Adjektiven gingen nach und nach flöten. Somit sollte Englisch als eine abgespeckte Variante seiner germanischen Vorfahren für Personen mit Deutsch als Muttersprache eigentlich ganz leicht zu verstehen sein, oder?

Nun, es gibt da zwei Problemchen: Die Rechtschreibung des Englischen wurde im 15. und 16. Jahrhundert mit Erfindung der Bücherpresse fixiert – und seitdem nicht mehr großartig angepasst, während sich die Aussprache stetig veränderte. Das bedeutet, dass die Schreibung mit der Aussprache nicht mehr viel zu tun hat. Der zweite Aspekt, der das Englische von seinen Verwandten abhebt, ist die starke französische Prägung aufgrund der normannischen Besetzung. Dennoch erleichtert die Sprachverwandtschaft es den Deutschen, Englisch zu lernen. Und welche Sprache könnte praktischer sein als die Weltsprache Nummer eins?

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