Sprich Sprachen, wie du es schon immer wolltest

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Geheime Sprachen und diskrete Affären

Weltweit hat die queere Community Kommunikationsformen entwickelt, die Außenstehende nicht verstehen. Was macht diese geheimen Sprachen aus?

Artikel von: Vitor Shereiber

Illustriert von Jana Walczyk

Hast du auch diese Freunde, mit denen du ständig Insiderwitze machst? Bis zu dem Punkt, an dem Außenstehende euch so gut wie gar nicht mehr verstehen? Diese beinahe telepathische Form der Kommunikation hat, abgesehen davon, dass sie jede Menge Spaß macht, ihre Vorteile. Manchmal würden wir gerne etwas kommentieren, müssen uns aber wegen der Menschen um uns herum zurückhalten.

Nicht nur Freunde nutzen diese Art der Kommunikation untereinander. Manche Slangs sind zum Beispiel charakteristisch für eine bestimmte Generation, Berufsgruppe oder Region. Die Sprachen mancher Gruppen sind sogar so ausdifferenziert, dass sie praktisch zu „Geheimsprachen“ werden, die von Nichteingeweihten überhaupt nicht verstanden oder gesprochen werden können. Diese Sprachform der Soziolekte wird auch Argot (französisch für „Gaunersprache“) genannt.

Nur zwischen uns beiden …

Eine der zahlreichen Gruppen, die ihren eigenen Argot haben, ist die queere Community – also Menschen, die sich nicht mit normierten Genderidentitäten identifizieren. Angesichts der Diskriminierungen und Marginalisierungen, welchen die LGBTQ-Community ausgesetzt war und ist, ist dies nicht verwunderlich. Wenn dir nicht die Freiheit gewährt wird, offen über deine Identität und Sexualität zu sprechen, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als eine alternative Sprache zu entwickeln, mittels der du frei mit Gleichgesinnten kommunizieren kannst. Das Interessante daran ist, dass dies nicht auf einen bestimmten Freundeskreis beschränkt sein muss. Bestimmte Vokabeln dieses Argots in ein Gespräch mit Fremden einzubauen und zu schauen, wie sie darauf reagieren, kann eine subtile Methode sein, um herauszufinden, ob ihr euch versteht und Gleichgesinnte seid – was der Beginn einer Freundschaft oder sogar einer Romanze sein kann.

Wir haben im Babbel-Magazin bereits über Geheimsprachen berichtet und sind dabei auf Polari, den britischen queeren Argot, eingegangen. Wie wär’s, wenn wir uns noch weitere geheime Sprachen aus anderen Ländern anschauen?

Brasilien

Der brasilianische queere Argot wird pajubá oder bajubá genannt. Er wird im gesamten Nationalgebiet gesprochen und variiert jeweils leicht von Region zu Region. Neben dem Portugiesischen ist ein weiterer Grundpfeiler dieser Sprache die Yoruba-Kultur und ihre Sprachen. Denn viele afrobrasilianische Religionen – die stark von der Yoruba-Kultur beeinflusst sind – stehen queeren Menschen sehr offen gegenüber und bieten einen geschützten Raum, in dem sie sich offen entfalten und ausdrücken können.

Manche dieser Vokabeln sind Brasilianern bestens bekannt, wie zum Beispiel erê („Kind“). Andere sind weniger eindeutig, wie aqué („Geld“) und alibã („Polizist“). Ein besonders auffälliges Merkmal dieses Argots ist der Gebrauch weiblicher Namen. Dar a Elsa (wörtl. „Elsa (etwas) geben“) steht beispielsweise für „stehlen“. Diese Namen sind von Seifenopern, berühmten Sängerinnen und Schauspielerinnen inspiriert. Manche pajubá-Ausdrücke werden mittlerweile auch außerhalb der queeren Community gebraucht. Durch die massenmediale Verbreitung und die wachsende akademische Forschung dazu sind sie Teil des Mainstreams geworden. Es gibt sogar ein pajubá-Wörterbuch. Sein Titel, Aurélia, ist eine Anspielung auf das bekannte einsprachige portugiesische Wörterbuch Aurélio.

Türkei

Auch der türkische queere Argot lubunca ist mittlerweile aus der Marginalisierung herausgetreten und Teil der Leitkultur geworden. Dieser Slang basiert auf den in der Türkei vertretenen Minderheitensprachen wie Griechisch, Kurdisch und Bulgarisch. Der Großteil des Wortschatzes stammt dabei aus der Sprache der marginalisierten Roma-Community Romanes. Der Einfluss von Romanes auf die Umgangssprache der queeren Community ist einerseits auf die von beiden Gruppen geteilte Erfahrung der Diskriminierung zurückzuführen. Andererseits sind viele Menschen in der Türkei Teil beider Communitys, sodass es oft gar keinen Sinn ergibt, von zwei unterschiedlichen Gruppen zu sprechen.

Südafrika

Queere Argots unterscheiden sich meist nicht gänzlich von der Sprache der gesellschaftlichen Mehrheit. Denn während sie sich zwar Vokabeln und Ausdrücke anderer Sprachen bedienen, basiert ihre Grammatik meist auf der jeweils offiziellen Nationalsprache, von der sie sich abzugrenzen versuchen. Doch wie sieht das in Ländern aus, in denen es mehrere offizielle Amtssprachen gibt? Südafrika ist ein gutes Beispiel dafür. Neben der Tatsache, dass es als eines der ersten Länder weltweit die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hat, gibt es dort ganze elf offizielle Sprachen. Zwar gibt es nicht elf dementsprechende queere Argots – es gibt allerdings zwei. Diese beiden reflektieren die Geschichte der Apartheid, also der Rassentrennung.

Ein Argot davon ist gayle, der hauptsächlich von weißen Bevölkerungsgruppen und von Sprechern mit verschiedenen ethnischen Hintergründen gesprochen wird. Er basiert auf Englisch und Afrikaans, wobei viele Elemente aus dem britischen Polari und dem amerikanischen queeren Slang übernommen wurden. Wie beim brasilianischen pajubá sind auch hier viele Vokabeln weibliche Namen. In manchen Fällen sind diese Namen den englischen Ausdrücken, für die sie stehen, sehr ähnlich. So klingt Monica, was für „Geld“ steht, so ähnlich wie money. Priscilla bedeutet „Polizist“ und ist vom englischen policeman abgeleitet. Jessica wiederum ähnelt dem Wort jewelry – „Schmuck“. Der Begriff gail, von dem sich der Name für den gesamten Slang ableitet, bedeutet „plaudern, schwatzen“.

Die schwarze südafrikanische Community spricht ihren eigenen Argot, nämlich isiNgqumo. Dieser Begriff bedeutet soviel wie „Entscheidungen“. Der Slang beruht auf verschiedenen Nguni-Sprachen, eine Gruppe der Bantu-Sprachen. Im Vergleich zu gayle ist dieser Soziolekt kaum dokumentiert oder erforscht. Dies reflektiert die immer noch in Südafrika präsenten sozialen Spannungen aus der Zeit der Apartheid.

Indonesien

Wenn es schon in Südafrika elf Amtssprachen und zwei Argots gibt, wie sieht es dann erst in Indonesien aus, wo hunderte verschiedenste Sprachen gesprochen werden? Interessanterweise gibt es dort nur einen einzigen, überregionalen queeren Argot namens bahasa gay. Oder bahasa banci. Oder bahasa bengcong. Oder bahasa binan. Diese Uneindeutigkeit bei der Bezeichnung spiegelt den Prozess der Neuschaffung von Wörtern in diesem Soziolekt recht gut wider. So besteht eine geläufige Methode darin, einfach die Silbe -ong an das Ende eines Wortes zu setzen. So wird aus banci, was „Transfrau“ bedeutet, das Wort bancong. Daher der Name bahasa bencong (okay, hier hat sich die Schreibweise dann doch etwas verändert). Eine weitere Methode, neue Wörter zu schaffen, ist die folgende: Zwischen zwei Silben wird ein -in gesetzt. So wird aus banci das Wort binancin. Von einer vereinfachten Version von binancin leitet sich wiederum der Begriff bahasa binan ab. Verwirrt? Keine Bange. Im Endeffekt sind Argots ja genau dafür da, um Außenstehende zu verwirren.

Abschottung oder Zusammenführung?

Indem sie eine Sprache und kulturelle Referenzen miteinander teilen, rückt die queere Community näher zusammen. In diesem Sinne vereinen Argots diejenigen, die eingeweiht sind. Andererseits, wenn alle sich miteinander verstehen würden, bräuchten wir solche Soziolekte nicht mehr, stimmt’s? Zwar ist das primäre Ziel von Argots, eine bestimmte Gruppe vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen, um für sie einen Schutzraum zu schaffen. Gleichzeitig stellt sich angesichts der steigenden Popularität dieser besonderen Sprachen – zu der Artikel wie dieser beitragen – die Frage: Ist die damit einhergehende Entgrenzung wünschenswert? Einerseits ermöglichen Argots den Zugang zu einem immensen Reichtum an kulturellen und sozialen Potenzialen. Es ist verständlich, dass auch andere Gruppen daran teilhaben wollen. Andererseits geht mit der Akzeptanz von Wörtern und Redewendungen nicht zwangsläufig die Akzeptanz der Lebensweisen, der sozialen und kulturellen Praktiken einher, aus denen dieser Sprachreichtum hervorgeht. So sind Argots im Endeffekt nicht nur interessant und unterhaltsam, sondern vor allem eins: notwendig, um diejenigen zu schützen, die unter Ausschluss und Diskriminierung leiden.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle? Sollen Soziolekte geteilt und offengelegt werden oder nicht? Von einer Lösung dieses Dilemmas sind wir noch weit entfernt. Nicht zuletzt, weil die Sprachentwicklung unaufhaltsam fortschreitet: Während die einen an Wörterbüchern schreiben, sind die anderen schon wieder dabei, immer neue Wörter zu erfinden.

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