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Slang und Gaunerjargon – Die verborgene Welt der Geheimsprachen

Nicht alle Sprachen sollen auf Anhieb verstanden werden: Geheimsprache, Gegensprache, Jargon oder Slang können für die Abschottung und den Zusammenhalt innerhalb einer Subkultur sorgen und ungebetene Gäste fernhalten.

Artikel von: Nuno Marques

Akzente und Dialekte sind unter Linguisten hinreichend bekannt und erforscht, aber Geheimsprachen sind für die meisten weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln – und diese Siegel haben ihren Grund. Denn die sogenannten Kryptolekte – auch Slangs oder Jargons – bedienen das Bedürfnis bestimmter, oft marginalisierter sozialer Gruppen, sich nach außen hin abzuschotten, um so ihre sozialen Dynamiken aufrechterhalten zu können.

Das gilt verstärkt für Gruppen, die sich am Rande der Legalität oder außerhalb davon bewegen. Diese sogenannten Gauner- oder Diebessprachen wurden entwickelt, um besonders Vertreter des Gesetzes über das tatsächlich Gesagte im Unklaren zu lassen.

Thieves’ cant

Schriftlich erwähnt wurde der als thieves’ cant bekannte Slang – auch rogues’ cant oder peddler’s French genannt – zum ersten Mal im England des Elisabethanischen Zeitalters. Der Magistrat Thomas Hartman dokumentierte im 16. Jahrhundert diverse solcher Sprachcodes. Die Informationen darüber bekam er von Bettlern, denen er im Gegenzug Geld und Nahrung anbot. 1811 erschien dann bereits das erste Wörterbuch englischsprachiger Gaunerslangs: The Dictionary of the Vulgar Tongue: A Dictionary of Buckish Slang, University Wit and Pickpocket Eloquence. Hier konnte man Wörter nachschlagen wie cloy = „klauen“, game = „Überfall“, jail bird = „Knastvogel, Gefangener“ und pig = „Bulle, Polizist“. Die letzten zwei werden auch heute noch in der alltäglichen britischen Umgangssprache verwendet.

Kleines thieves’ cant-Wörterbuch

thieves’ cant Deutsche Übersetzung
bawd Prostituierte
birds of a feather Mitglieder einer Bande
fagger ein Junge, der klein genug ist, um durch ein Fenster in ein Haus einzusteigen und es von innen zu öffnen
to flog peitschen
to hike weglaufen
to lift stehlen
palaver Ausrede für ein begangenes Verbrechen, um der Strafe zu entgehen
pound Gefängnis
prig Dieb
rap Meineid, falsche Aussage
rascal Gangster, Gauner
rat Spion, Informant
shoplifter Ladendieb
sham Betrug, Mogelei
slang thieves’ cant
to sqeak etw. gestehen (umgangssprachlich im Deutschen: singen)
swag Hintern


Auch diese Sprache hat sich im Laufe der Zeit verändert und entwickelt: Neue Begriffe sind hinzugekommen, viele werden auch heute weiterhin benutzt. Trotzdem hat der Slang seine für die englische Unterwelt einst so große Bedeutung mittlerweile verloren. Heutzutage lebt er eher als Mythos weiter; als Symbol für eine Welt außerhalb der Fesseln der Gesellschaft mit ihren eigenen Regeln. Aus diesem Sprachcode haben sich direkt und indirekt weitere Kryptolekte entwickelt, die eine ebenso abschottende, für die jeweilige Gruppe schützende Funktion haben.

Cockney

Das Epizentrum des Cockney-Slangs ist die Kirche St. Mary-le-Bow im East End von London. Hier hat im 19. Jahrhundert alles angefangen. Heute gibt es im multikulturellen Zentrum Großbritanniens natürlich eine wahre Fülle von Slangs und Dialekten aus aller Welt, die nichts mit Cockney zu tun haben. Und doch ist dieser faszinierende Slang immer noch eine genauere Betrachtung wert.

Das Grundprinzip ist ein Kokettieren mit verkürzten und abwesenden Reimen. So reimt sich zum Beispiel face mit boat race. Von Letzterem wird das zweite Wort weggelassen, sodass nur boat übrig bleibt, was somit Cockney-Slang für „Gesicht“ ist. Das gleiche Prinzip gilt für den Ausdruck He is on the phone, also „Er ist am Telefon“ oder eher „Er telefoniert gerade“. Das Wort für „Telefon“, also phone, wird durch das sich darauf reimende dog and bone ersetzt. Dann wird and bone weggelassen, sodass als Cockney-Ausdruck für phone schließlich dog übrig bleibt: He is on the dog.

Kleines Cockney-Wörterbuch

Cockney-Ausdruck zugrunde liegender Reim Bedeutung
They never do anything, just rabbit! rabbit and pork talk = Gerede
My plates are killing me! plates of meat feet = Füße
My trouble phoned me yesterday. trouble and strife wife = Ehefrau
She’s my skin. skin and blister sister = Schwester
He’s my treacle. treacle tart sweetheart = Schatz, Liebling
Have you got any Veras? Vera Lynn (berühmte Sängerin) gin, skin = Zigrettenpapier
I’ve just bought an expensive whistle! whistle and flute suit = Anzug


Polari

Gesellschaftliche Gruppen, die wegen ihrer Sexualität diskriminiert und marginalisiert werden, tendieren ebenfalls dazu, einen eigenen Slang zu entwickeln. Einer davon, nämlich Polari, auch Parlari genannt (Italienisch für „sprechen“), schaffte es im 20. Jahrhundert sogar bis in die Mainstream-Kultur. Seine genauen Ursprünge sind recht schwer festzusetzen, weil sich hier mehrere Entwicklungen überlagern. Sie liegen auf jeden Fall weiter zurück als weithin vermutet. Mit Sicherheit stammt er aus den Jahren um 1800, in denen Polari zu einem kulturellen Phänomen avancierte. Populär wurde der Slang um 1900 im Zuge der Verurteilung Oscar Wildes, und blieb es bis in die 1960er Jahre – bis er in den 70er Jahren schließlich immer mehr an Bedeutung verlor.

Oft wird auch noch ein Subslang, nämlich Parlyaree, unterschieden, der mit der Handelsmarine, Reisenden und Zirkusleuten, dem „fahrenden Volk“ also, in Verbindung gebracht wird. Polari selbst wurde eher von der schwulen Szene verwendet, um der Stigmatisierung und Zensur durch die Mehrheitsgesellschaft zu entgehen. Es setzt sich aus verschiedensten Anleihen aus dem Italienischen, Jiddischen und Englischen (darunter auch aus Dialekten wie dem Cockney-Slang) zusammen, hinzu kommen Einflüsse aus den Slangs des Zirkusmilieus und der Sinti und Roma.

Streng genommen ist Polari kein Dialekt, weil er im Grunde nur einen Begriff durch einen anderen ersetzt. Nehmen wir zum Beispiel den Satz: How bona to vada your dolly old eek! Hier steht bona für „lieb“, vada für „sehen“, dolly für „hübsch, schön“, eek für „Gesicht“. Weite Verbreitung fand diese Art zu reden Mitte der 60er Jahre durch die BBC-Radioshow Round the Horne. Hier spielten die zwei schwulen Schauspieler Hugh Paddik und Kenneth Williams die schillernden Figuren Julien und Sandy. Dieser Einfluss der Unterhaltungskultur und somit der Sprache einer bis dahin öffentlich kaum sichtbaren Subkultur auf den Rest der Gesellschaft trug mit zur einer fortschreitenden Liberalisierung bei, die sich 1967 schließlich in der Legalisierung von Homosexualität in Großbritannien auch juristisch manifestierte. Damit wurde Polari als Schutzstrategie nun nicht länger benötigt, da die Ausgrenzungsmechanismen, die damit einst umgangen werden sollten, nun stattdessen mit dem Slang selbst assoziiert wurden.

In der Generation Y erlebt Polari mittlerweile ein Revival. Hier fungiert es eher als Gegensprache, die eine identitätsstiftende und kritische Funktion erfüllt. Denn im oft spitzfindigen und scharfen Tonfall von Polari finden sich häufig kritische Anspielungen gegenüber dem Staat und seinen Institutionen, der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft oder auch gegenüber religiösen Systemen. Im Wiederaufleben dieses Slangs zeigt sich die Sehnsucht nach veralteten oder verlorenen Ritualen und Kulturtechniken sowie das Bedürfnis nach Abgrenzung, wodurch eine einst überlebenswichtige Taktik schließlich zur Modeerscheinung wird. Sogar Apps kann man sich mittlerweile herunterladen, die dabei helfen, Polari zu lernen.

Kleines Polari-Wörterbuch

Polari Deutsche Übersetzung
bona gut
drag Kleidung
vada sehen
eek Gesicht
dolly hübsch, nett
riah Haar
slap Make-up
fantabulosa Mischung aus fantastic („fantastisch“) + fabulous („fabelhaft“)
dish Tratsch, attraktiv
handbag Geld


Verlan

Auch im Französischen haben sich diverse Slangs, sogenannte Argots, entwickelt, von denen der wohl berühmteste Verlan ist. Hier werden die Silben von Wörtern miteinander vertauscht, sodass ein gebrochenes Spiegelverhältnis der Sprache entsteht.

Verlan ist in den jugendlichen Migranten- und Arbeitermilieus der Pariser Vorstädte, den banlieues, entstanden. Die Methode gibt es allerdings schon länger: Im 12. Jahrhundert hat Gottfried von Strassburg in Tristan, seiner Version von Tristan und Isolde, die Hauptfigur inkognito nach Irland reisen lassen. Zur Tarnung nannte sie sich Tantris – eine Umkehrung der beiden Wortsilben (Tris-tan wird zu Tan-tris).

Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch der französische Jugendslang, der zunächst im 19. Jahrhundert unter französischen Gefängnisinsassen entstand, und zwar aus den gleichen Gründen wie thieves’ cant: um ungestört untereinander kommunizieren zu können, ohne dass die Autoritäten die jeweiligen Informationen aufschnappten. In den 1970ern durchbrach der Slang die Gefängnismauern und verbreitete sich in der Hip-Hop-Kultur der banlieues. In den 80ern wurde Verlan schließlich auch in anderen weniger privilegierten Jugendkulturen populär.

Selbst der Name selbst ist bereits das Ergebnis einer Silbenvertauschung: (à) l’envers („umgekehrt“) wird zu vers-l’en, vereinfacht verlan. Nicht nur der Aufbau der Wörter wird hier verändert, sondern oft auch deren Bedeutung. So wurde beispielsweise das Wort für „Frau“, femme, zu meuf: Aus dem ursprünglichen me-fem wurde mef und schließlich meuf. Der Ausdruck ma meuf wiederum wird heute mit „meine Freundin“ oder „mein Mädchen“ übersetzt, während ma femme mittlerweile eher für „meine (Ehe-)Frau“ steht.

Ein weiteres Beispiel für ein Verlan-Wort, das es in den Mainstream geschafft hat, ist ouf von fou, also „verrückt“. Dieses wird gerne benutzt, um eine verrückte, abgefahrene Nacht oder Party zu beschreiben. Hat diese Nacht für Kater und Kopfschmerzen gesorgt, kann man das mit vénère (von énervè, „entnervt“) zum Ausdruck bringen.

Verlan Französisch Deutsche Übersetzung
zarbi bizarre bizarr
chelou louche merkwürdig
laisse béton laisse tomber lass es, vergiss es
relou lourd schwer (eine nervige, anstrengende Person)
ripou pourri faul, vergammelt
beur arabe arabisch
teuf fête Party


Interessanterweise hat sich Verlan in den letzten Jahren noch einmal verändert: Durch seine Überführung in den Mainstream haben einige Wörter ihren Reiz verloren, sodass deren Silben wiederum zu neuen Wörtern vertauscht wurden. Durch dieses sogenannte Re-verlan soll die ursprüngliche Subversivität des Slangs wiederbelebt werden.

Französisch Verlan Re-verlan Deutsch
arabe beur rebeu arabisch
flic keuf feuck Polizist


Re-verlan ist der Versuch, eine Subkultur vor der Übernahme durch denMainstream und somit vor dem langsamen Verschwinden zu bewahren. Im digitalen Zeitalter ist das natürlich schwierig, wenn die Übersetzung eines Slangbegriffs stets nur einen Mausklick entfernt ist.

Allerdings funktioniert auch die Übernahme nicht immer. So hat sich das französische Bahnunternehmen SNCF mit einer gewollt lässigen Werbekampagne bis auf die Knochen blamiert, weil es den Ausdruck c’est blessipo, eine Verlan-Version von c’est possible („Es ist möglich“) verwendet hat. Statt jovial wirkte das nur unfreiwillig komisch, da niemand tatsächlich so reden würde.

Rotwelsch

Auch dieser deutschsprachige Jargon wurde von eher armen, marginalisierten Gruppen entwickelt. Er entstand im Laufe des 17. Jahrhunderts in den Reihen von Berufen, die von der spätmittelalterlichen Gesellschaft geächtet wurden: beim sogenannten fahrenden Volk, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, der die meisten handwerklichen Berufe verboten waren, und unter Sinti und Roma.

Die Herkunft des Begriffs Rotwelsch ist nicht ganz geklärt. Er taucht in der Form rotwalsch bereits im 12. Jahrhundert auf und bezeichnet so etwas wie unehrliche Rede. Von Außenstehenden wurde er teilweise als abwertender Begriff genutzt, aber auch die Sprecher verwendeten ihn als Eigenbezeichnung.

Rotwelsch baut auf einer Vielzahl von Sprachtechniken auf, hauptsächlich auf Entlehnungen aus dem Westjiddischen, den Sprachen der Sinti und Roma sowie aus dem Niederländischen und Französischen. Oft findet auch eine Bedeutungsverschiebung deutscher Wörter statt, oder es werden Wörter neu zusammengesetzt, zum Beispiel durch das Vertauschen von Silben, wie bei Verlan .

Heute ist Rotwelsch kaum noch als eigenständige Mundart zu finden. Viele seiner Begriffe sind dafür in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.

Kleines Rotwelsch-Wörterbuch

Rotwelsch Deutsch Herkunft
ausbaldowern bzw. baldowern auskundschaften jiddisch baal: „Herr“, und jiddisch dowor: „Sache, Wort“, also: „Herr der Sache“, baal davar
Bock Hunger, Gier, Lust romani bokh: „Hunger“
Bulle Polizist niederländisch bol: „Kopf, kluger Mensch“
Kachny Huhn romani kaxni, kahni: „Huhn“
kaspern herumalbern vom Substantiv „Kasper“ abgeleitet
Kober Wirt jidd. kowo, kübbo: „Schlafkammer, Bordell, Hütte, Zelt“


Bereichern oder verunstalten Slangs und Jargons eine Sprache? Was auch immer man von ihnen halten mag, sie werden wohl immer ein Teil der Sprachkultur bleiben, solange es Subkulturen mit kreativem Potenzial gibt.

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