Die sprachlichen Unterschiede zwischen Russisch und Ukrainisch

Was sind die Unterschiede zwischen dem Russischen und dem Ukrainischen? Wir erklären es dir anhand von hilfreichen Beispielen.
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Die sprachlichen Unterschiede zwischen Russisch und Ukrainisch
Illustriert von Sveta Sobolev

Die russische und ukrainische Sprache stehen in einem besonderen Sprachverhältnis zueinander: Es gibt viele Gemeinsamkeiten, allerdings auch einige signifikante Unterschiede. Allzu oft ist jedoch die Annahme vieler Nicht-Ukrainer oder Nicht-Russen, dass Muttersprachler einer Sprache automatisch auch die andere Sprache sprechen. Das ist natürlich nicht wahr! Zugegebenermaßen benutzen eine Vielzahl an Sprachen das kyrillische Alphabet, neben Russisch und Ukrainisch auch beispielsweise Mazedonisch. Daraus resultieren einige Spekulationen: Manche abstrusen Erklärungen führen Ukrainisch als ausgedachte Sprache oder Mundart des Russischen auf – es gibt dafür sogar gefälschte Beweise. Wir schieben jedoch all dieses Halbwissen zur Seite, um die sprachlichen Unterschiede zwischen Russisch und Ukrainisch zu thematisieren.

Die Entstehung des Russischen und Ukrainischen

Russisch und Ukrainisch haben dieselben Wurzeln: Altostslawisch. In der Zeit der Kiewer Rus – dem mittelalterlichen Großreich, das als Vorläuferstaat von Russland, der Ukraine und Weißrussland angesehen wird – wurden die Dialekte der Sprache von den Vorfahren moderner Russen, Ukrainer und Weißrussen gesprochen.

Nach dem Niedergang der Rus, der Aufteilung des Staates und der Formierung neuer Staaten entwickelten sich die Dialekte in zwei unterschiedliche Sprachen: Russisch und Ukranisch. Der Verwandtschaftsgrad dieser Sprachen ist vergleichbar mit Spanisch und Portugiesisch. Im 17. Jahrhundert gab es bereits große Unterschiede zwischen Russisch und Ukrainisch: Während Russisch um Moskau herum gesprochen wurde, waren die ukrainischen Territorien auf mehrere Länder aufgeteilt, wie zum Beispiel dem Österreich-Ungarischen Reich und der Rzeczpospolita, Vorgänger des heutigen Polen. Aufgrund dieser geopolitischen Unterschiede differenzierte sich das Russische und Ukrainische weiter aus: So mischte sich Ukrainisch mit Polnisch, Ungarisch, Österreichisch und Rumänisch. Russisch entwickelte sich dagegen zu seiner modernen Form, die wir heute kennen.

Die Sprachpolitik der UdSSR

Als das Russische Reich in der Oktoberrevolution 1917 zerstört wurde, waren die Unterschiede zwischen den Sprachen bereits auf dem Level, auf dem sie heute sind: Russisch und Ukrainisch waren eigenständige Sprachen. Da die offizielle Sprache der Sowjetunion das Russische war, wurde es auch in der Ukrainischen SSR als offizielle Sprache behandelt: Russisch erblühte, Ukrainisch wurde unterdrückt. Bis zu den 1930er Jahren hatte die Kommunistische Partei der Sowjetunion die Ukrainisierung unterstützt; jedoch nur, um diese Maßnahmen jetzt abrupt umzukehren:

  • In Schulen wurde Russisch eingeführt.
  • Ebenso wurden ukrainische Zeitungen und Publikationen abgeschafft.
  • Ein großer Teil der ukrainischen Intelligenz wurde verhaftet und hingerichtet, nämlich die sogenannte Розстріляне відродження, oder auch Rosstriljane widrodschennja, „hingerichtete Wiedergeburt“.

In den 1980er Jahren wurde die Sprachpolitik aufgelockert. Nachdem die Ukraine 1991 ein unabhängiges Land wurde, wurden die Maßnahmen erneut ins komplette Gegenteil umgekehrt.

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben Russisch und Ukrainisch?

Das Alphabet

Die erste Gemeinsamkeit zwischen dem Russischen und dem Ukrainischen ist, dass das Alphabet beider Sprachen aus 33 Buchstaben besteht. Die Unterschiede dabei sind jedoch:

  • Russisch hat die Buchstaben „Ёё“, „ъ“, „ы“ und „Ээ“, die im Ukrainischen nicht verwendet werden.
  • Stattdessen hat Ukrainisch „Ґґ“, „Єє“, „Іі“ und „Її“.
  • Die Aussprache mancher Wörter und Buchstaben weicht ebenfalls ab: „И“ wird auf Russisch als ein langes [i] wie in hier ausgesprochen.
  • Auf Ukrainisch wird „И“ wie ein kurzes [i] wie in bitte ausgesprochen.

Schreibbild und Bedeutung

Wie sieht es mit Wörtern aus, die in beiden Sprachen gleich geschrieben werden? Du hast es schon geahnt: Auch hier warten einige falsche Freunde auf dich:

  • Das russische Wort приклад bedeutet „Gewehrkolben“.
  • Auf Ukrainisch bedeutet приклад hingegen „Beispiel“.

Monate

Kommen wir zu Einflüssen anderer Sprachen, die in den Monatsnamen sichtbar werden:

  • Die russischen Namen für die Monate haben viel mit denen in anderen europäischen Sprachen gemeinsam:
    • Январь/Janwar’ – „Januar“
    • Февраль/Fewral’ – „Februar“
  • Das Ukrainische hat die slawischen Namen beibehalten:
    • Січень/Sitschen’ („der Schneidende“) – „Januar“
    • Лютий/Ljutij („der Raue“) – „Februar“

Grammatik

Die Grammatik in beiden Sprachen ist ähnlich, aber, wie vorauszusehen war, gibt es auch hier einige Unterschiede im Ukrainischen und Russischen.

  • Im Ukrainischen gibt es die Verlaufsform in der Vergangenheit. Auf Ukrainisch würde man sagen: „Ich warte auf dich“ – Я чекаю на тебе.
  • Das Russische hat drei Zeitformen: Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Daher fällt auf Russisch die Präposition weg: „Ich warte“ – Я жду тебя.
  • Ukrainisch verwendet auch die konjugierten Formen von „sein“ (бути).
  • Im Russischen existiert diese Form zwar (быть), wird aber in der Gegenwart nie verwendet.

Sollte ich Russisch oder Ukrainisch lernen?

Natürlich gibt es auf der Welt mehr Menschen, die Russisch als Muttersprache sprechen (Wikipedia zufolge etwa 260 Millionen) als Ukrainisch (39 Millionen). Ebenso ist Russisch innerhalb Europas eine der meistgesprochenen Sprachen. Somit gibt es viele gute Gründe, Russisch zu lernen. Schau dir einfach nur mal die Landfläche der beiden Länder an: Während die Ukraine zwar das größte Land Europas ist, ist Russland das größte Land der Welt. 

Und wie steht es nun um das Ukrainisch? Nun ja, da fast alle Ukrainer zweisprachig sind, stehen deine Chancen gut, dass ihr euch versteht, wenn ihr Russisch sprecht. Also stürze dich in dein nächstes Sprachabenteuer!

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Veronika Bondarenko
Veronika kommt aus einer Stadt in der Ukraine mit einem unaussprechlichen Namen (Zaporizhzhia) und genießt Berliner Mitternachts-Döner seit 2014. Wenn sie nicht damit beschäftigt ist, sich Sorgen um das Leben und den Tod zu machen, schreibt sie Musik und kreiert Videos.
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