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Sprache in der Politik: Ihre Funktion, beliebte Floskeln und gendergerechte Sprache

Ganz klar unklar?
Artikel Von Theresa S
Sprache in der Politik: Ihre Funktion, beliebte Floskeln und gendergerechte Sprache

Sprache in der Politik ist für viele eine Herausforderung. Hast du dich nach einer Rede, einem Interview oder Bericht mit Politikschaffenden auch schon manchmal gefragt, was denn nun der Inhalt war? Damit bist du nicht allein! Denn diese Berufsgruppe benutzt oft eine ganz bestimmte Sprache, die nicht immer so gut verstanden werden kann. Ist dahinter ein System? 

Heute schauen wir uns die Sprache der Politik einmal genauer an, klären so manche beliebten Phrasen auf und schauen uns zudem das Wahlprogramm der Bundestagswahl 2021 in Hinsicht auf gendergerechte Sprache an.

Sprache in der Politik: Was soll sie erreichen?

Parteien und Politikschaffende versuchen mit Sprache verschiedenste Funktionen zu erfüllen: Sie wollen überzeugen, die Wählerschaft mobilisieren und manchmal auch andere Parteien angreifen. Gerne betonen sie ihre Erfolge oder die Misserfolge der anderen – gerade in Wahlzeiten spitzt sich dies meistens noch einmal zu. 

Die Funktionen der Sprache in der Politik sind wirklich zahlreich und eine bewusste Wortwahl ist unglaublich wichtig. Warum? Weil in der Politik Reden auch Handeln bedeutet. So sind Sprache und Politik eigentlich untrennbar – doch warum fehlt oft die Klarheit?

Klarheit schaffen: die Priorität?

Sprache und Politik begegnen einander täglich und trotzdem hat man oft das Gefühl, dass alle Wahlprogramme und Reden aus einem ganz bestimmten Textbaukasten gefertigt sind. 

Der beschleunigte Takt der Nachrichten, besonders in Online-Medien und sozialen Netzwerken führt dazu, dass Politikschaffende fast in Echtzeit Stellungnahmen abgeben müssen. Zwischen dem Ereignis und den ersten Reaktionen liegen oft nur ein paar Minuten. Gleichzeitig können schnelle Äußerungen, denen nicht genügend Zeit zum Nachdenken geschenkt wird, binnen kürzester Zeit Shitstorms auslösen.

Oft haben Politikschaffende noch Monate danach mit deren Auswirkungen zu kämpfen, und im schlimmsten Fall können sie auch die gesamte Karriere ruinieren. In gewisser Weise ist eine schwammige Ausdrucksweise also Selbstschutz. Indem man Dinge im Unklaren lässt, gewinnt man Zeit, die zum Nachdenken genutzt werden kann. 

Natürlich wird im Hinsicht auf Sprache in der Politik aber auch mit Absicht verschleiert oder anders ausgedrückt. Hier findest du ein paar Floskeln, die gerne verwendet werden und was sie bedeuten. 

Sprache in der Politik: Beliebte Phrasen und was sie wirklich bedeuten

„Gestalten”

In der Sprache der Politikschaffenden heißt es oft nicht „etwas tun”, sondern „etwas gestalten”. Beispielsweise „die Zukunft gestalten”– das klingt nicht nur kreativ, sondern suggeriert, dass man plant, etwas selbst in die Hand zu nehmen und zu formen. 

„Reform”

Das Wort „Reform” klingt zwar positiv, wird aber oft dazu verwendet, soziale Einschnitte durchzusetzen. 

Wir”

Ein besonderes prominentes Beispiel dazu ist der berühmte Satz der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel „Wir schaffen das“ vom August 2015 im Hinblick auf die Flüchtlingskrise. Dieser Satz wurde so vielfach aufgegriffen, dass auch sie selbst sich 2018 davon distanzierte, da er „fast zur Leerformel” geworden wäre. Das „wir” in diesem Satz hat viel Verwirrung ausgelöst, wollte vermutlich jedoch nur das Gemeinschaftsgefühl fördern. Oft wird auch eine Analogie zu Obamas „Yes, we can!” hergestellt.

„Wer mich kennt …”

Dieser Satzbeginn wird unter Politikschaffenden gerne verwendet, da er gleich zwei Fliegen mit einer Klatsche schlägt. Während man sich menschlich gibt, indem man besagt, dass es Leute gibt, die einen gut kennen, kann man sich gleichzeitig ins Private zurückziehen. Diese vertrauten Menschen wissen nämlich, wie man wirklich ist und vor ihnen muss man sich nicht rechtfertigen. Ein Beispiel hierzu wäre Frauke Petry, als sie ihren Rücktritt aus der AfD ankündigte: „Wer mich kennt, weiß, dass ich so etwas nicht spontan mache”. 

„Volles Vertrauen”

Je stärker Dinge betont werden, desto weniger sind sie vielleicht gemeint – so ist das oft auch im Sprachgebrauch des Alltags. Wenn also „volles Vertrauen” über in Bedrängnis geratene Politikschaffende verkündet wird, bleiben ihnen üblicherweise nur wenige Stunden, dies zu richten und ihre Fehler wieder gerade zu biegen. Auch diese Phrase wird gerne von Angela Merkel verwendet.

„Verantwortung”

In der Geschichte der Politik hat sich oft gezeigt, dass „Verantwortung übernehmen” – vor allem für ein Fehlverhalten oder ein Skandal – bedeutet, dass die betroffene Person ihren Rücktritt vorbereitet. Warum nennt man dies aber „Verantwortung übernehmen”? Man signalisiert somit der Wählerschaft, dass man verantwortungsbewusst ist und sich Fehler eingestehen kann. Die „politische” oder „persönliche” Verantwortung gehört also zur Rhetorik der Sprache in der Politik. 

„Die kleinen Leute”

Die „kleinen Leute“ sind auch in den Medien zur Standardfloskel geworden. Gemeint ist damit üblicherweise die Lebenswirklichkeit der Durchschnittswählerschaft, der „ganz normalen Leute”, der Nicht-Akademiker:innen. Soziologisch gibt es die Kategorie der „kleinen Leute” natürlich nicht – diese sind lediglich eine rhetorische Figur.

Der Begriff ist daher natürlich schwammig und es wird oft erwartet, dass die Leute, die sich selbst dazu zählen, sich auch angesprochen fühlen. Kritische Stimmen bemängeln, dass damit ein Graben zwischen den „kleinen”, und den „großen”(„gebildeteren”) Leuten geschaffen wird.

Meistens signalisiert die Verwendung, dass sich die „politische Klasse” den Problemen und Sorgen des Alltags dieser „kleinen Leute” annimmt und sie vertritt (und natürlich auch deren Stimmen dafür gewinnen möchte).

Wahlprogramm Bundestagswahl 2021: Gendergerechte Sprache

Ein weiteres Thema zu Sprache in der Politik, bei dem sich die Gemüter trennen: die gendergerechte Sprache. Wie sieht es eigentlich im Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2021 in Bezug darauf aus? Hier findest du einen Überblick:

  • Alle Parteien mit Ausnahme der AfD nutzen die gendergerechte Sprache per Doppelform oder Sternchen. Auch auf neutrale Formen wird zurückgegriffen.
  • Explizit wird das Thema bei zwei Parteien genannt. Die AfD spricht sich dagegen, die Linke für gendergerechte Sprache aus.

Sprache geschickt einzusetzen, ist eine Kunstform: Egal ob es darum geht, zu verschleiern, schönzureden oder – wie oft in der Politik – etwas Zeit zu gewinnen.


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Theresa S
Theresa versucht sich nicht nur die italienische Sprache, sondern auch das dolce far niente anzueignen, verbringt als wahrer Millennial aber gerne auch etwas zu viel Zeit beim Scheitern an TikTok Challenges.
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