Mein russischer Alltag: Verwunderung und Eigenheiten in Sankt Petersburg

Wie sieht eigentlich ein russischer Alltag aus? Unsere in Sankt Petersburg lebende Autorin reflektiert, welche typisch russischen Momente sie verwundern.
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ARTIKEL VON Gundula Pohl
Mein russischer Alltag: Verwunderung und Eigenheiten in Sankt Petersburg

Mein russischer Alltag in der (zugegeben westrussischen) Großstadt Sankt Petersburg unterscheidet sich nicht sonderlich von dem in Berlin. Sieht man einmal davon ab, dass ich mich oft ausweisen und meine Aufenthaltsgenehmigung vorzeigen muss – aber das hat eher etwas mit meinem Status als Ausländerin zu tun.

Nichtsdestotrotz fallen mir immer wieder Eigenheiten der russischen Kultur auf, die so ganz anders sind als in Deutschland und mir daher immer wieder ein Schmunzeln entlocken sowie gelegentliches Erstaunen hervorrufen. Meine Erfahrung beschränkt sich dabei vorwiegend auf Sankt Petersburg, einer Stadt, die im ganzen Land als europäisch und nicht richtig russisch angesehen wird. Selbstverständlich wirst du in Moskau unterschiedliche Beobachtungen machen – und in Kazan, Samara oder Irkutsk sowieso! Oder …?

Das Anstehen in einer Schlange

Es mag eine kulturelle Eigenheit der Deutschen sein, beim Anstehen zwischen sich und anderen (aus Höflichkeit, mit Rücksicht auf die Privatsphäre oder warum auch immer) möglichst viel Platz zu lassen. In Petersburg gibt es das nicht! Ob in der Apotheke oder am Geldautomat: Die Menschen stehen direkt hintereinander und lassen keine zehn Zentimeter Platz zwischen der Person vor ihnen. Ein zu großer Abstand zwischen zwei Personen kann von einer dritten als Aufforderung verstanden werden, sich selbst dazwischen einzugliedern. (Das gleiche gilt übrigens auch für die Autofahrer im Straßenverkehr …) Selbst im Behandlungszimmer eines Krankenhauses kann es vorkommen, dass plötzlich irgendwer die Tür öffnet, um sich nach etwas zu erkundigen oder seinem Unmut über die lange Wartezeit lautstark Ausdruck zu verleihen. Das mag zwar befremdlich oder sogar unangenehm sein, aber du lernst tatsächlich schnell, viel von deiner (imaginierten) Privatsphäre aufzugeben und dich nicht an der fehlenden Distanz zu stören. Die hat nämlich auch sehr schöne Seiten.

Die Offenheit gegenüber unbekannten Menschen

Russische Menschen sind Fremden gegenüber ausgesprochen offen. Das merkst du beispielsweise, wenn du dich auf eine Zugreise begibst – und die kann schon mal mehrere Tage dauern. Aber selbst bei kurzen Reisen oder Busfahrten wirst du immer mit deinen Mitreisenden ins Gespräch kommen. Selbst mit minimalen Russischkenntnissen kannst du den Lebensgeschichten lauschen, die Landschaft erklärt bekommen, hitzig über sowjetische Musik diskutieren oder russische Literaturtipps abstauben.

Als Gesprächseinstieg reicht meist die Frage: Как у Вас дела? („Wie geht es Ihnen?“).

Im russischen Alltag wird deine Aufrichtigkeit im Gespräch hoch geschätzt. So ist den russischen Menschen die Vorstellung, Gefühle und Gedanken für sich zu behalten, fremd. Daher kann beispielsweise die Frage nach dem Befinden des Gegenübers schon mal einen mehrminütigen Monolog nach sich ziehen. Mit dieser Methode wird dir der Gesprächsstoff selten ausgehen.

Die Hilfsbereitschaft

Befindest du dich in einer dir neuen Stadt wie Sankt Petersburg (in der noch dazu mit dem Kyrillisch ein anderes Alphabet gängig ist), wirst du über kurz oder lang auf Hilfe von Einheimischen angewiesen sein. Anders als in Berlin (hier werden Fragen eher schroff oder gar nicht beantwortet) sind russische Passanten überaus hilfsbereit! Und das, obwohl die meisten kein Englisch sprechen.

Du fragst eine unbekannte Person nach dem Weg, aber verstehst die Antwort nicht? Kein Problem! Deine neue Bekanntschaft wird dich nicht selten eigenhändig zum Ziel führen, selbst wenn das überhaupt nicht auf ihrem Weg liegt.

Du weißt nicht, wie du ein Metro-Ticket löst? Keine Sorge! Jemand wird es für dich kaufen, wenn du um Hilfe bittest. Bist du unsicher, an welcher Bushaltestelle du gerade bist, weil du die Ansage nicht verstehst? Nicht verzagen! Die Person neben dir wird dir Bescheid sagen, wann du aussteigen – oder (sollte sie vor dir aussteigen) diese Aufgabe jemand anderem übertragen. Hab also keine Scheu, im russischen Alltag um Hilfe zu bitten, selbst wenn dir eine Person nach außen hin nicht als freundlich erscheint …

Das alltägliche Nichtlächeln

Im russischen Alltag wird nämlich sehr wenig gelächelt. Das hat mehrere Gründe: Lächeln aus Höflichkeit gilt als schlechte Charaktereigenschaft. Allgemein lächelt man nur, wenn man sein Gegenüber kennt und sympathisch findet. Bei Dienstleistungen wird grundsätzlich nicht gelächelt. Warum auch, Verkaufende und Kontrolleure kennen dich ja nicht und haben zudem Wichtigeres zu tun! So wird also einander grimmig angestarrt. Dies ist aber keineswegs Zeichen von Unfreundlichkeit. Nichtlächeln gilt als ehrlich und aufrichtig – und das hat in der Kommunikation wie gesagt den Vorrang. In der russischen Kultur wird zudem nicht klar zwischen Lächeln und Lachen unterschieden. Das Lächeln muss demnach immer einen triftigen Grund haben: Entweder du kannst deine blendend gute Laune nicht verstecken oder dir ist etwas wirklich Lustiges passiert.

Ein Hoch auf die Бабушка

Eine russische Бабушка („Großmutter„“) ist weit mehr als eine alte Omi. Sie ist Ratgeberin, Wertevermittlerin und Aufpasserin und genießt daher im russischen Alltag einen sehr hohen Stellenwert. Im Bus machst du ihr selbstverständlich einen Platz frei. Der кондуктор („Fahrkartenverkäufer“) spricht sie mit девушка („Mädchen“) an, egal ob sie wie 50, 80 oder 101 aussieht. Russische Бабушки wissen Rat bei jeder Lebensfrage, denn sie haben mehr erlebt, als du dir überhaupt vorstellen kannst: Krieg, Hunger, Verfolgung, viele Kinder und wer weiß was noch. Selten scheuen sie davor zurück, ihre Sicht der Dinge lautstark zu verkünden. Auch wenn ein großer Anteil der russischsprachigen Jugend weder mit den politischen noch moralischen Vorstellungen der Бабушки übereinstimmen, wird ihnen dennoch in jeder Situation mit Respekt und Hochachtung begegnet.

Mut zum Regelbruch

Im russischen Alltag (ganz ähnlich dem deutschen) wimmelt es von Vorschriften: In der Nähe öffentlicher Gebäude ist das Rauchen verboten, Alkoholkonsum auf der Straße sowieso. Du musst dich amtlich registrieren lassen, wenn du dich mehr als sieben Tage an einem Ort aufhältst. Im Unterschied zu Deutschland jedoch ist ein Regelbruch völlig normal.

„In Russland bedeuten Verbote, dass du dir gut überlegen solltest, ob du etwas wirklich tun möchtest. Und wenn ja, dann tust du es“, verriet mir einst ein russischer Soldat, mit dem ich drei Tage mein Zugabteil auf dem Weg quer durch Russland teilte.

Die wohl reflektierten Russen hält also kein Verbotsschild ab: So rauchen sie im Zug zwischen den Waggons, trinken mittels einer Papiertüte „versteckt“ ihren Alkohol oder reisen ohne jedwede Registrierung durch das Land. Was die Polizei nicht sieht, interessiert sie … selten. Eventuell kann es zu Problemen kommen, aber die sind einkalkuliert und somit tragbar. Vor den Augen eines Polizisten bei rot über die Straße gehen? Klar. Du weißt, dass du im (unwahrscheinlichen) Ernstfall rennen, dich herausreden oder eine Strafe (Штраф) bezahlen musst. Das hat aber noch niemanden daran gehindert, es beim nächsten Mal genauso zu tun.

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