Sankt Petersburg: Wo ist es im Venedig des Nordens am schönsten?

Sankt Petersburg wird das Venedig des Nordens genannt. Wir verraten die schönsten Ecken der Stadt: Singer-Haus, Taurischer Garten, aber auch Treppenhäuser.
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ARTIKEL VON Gundula Pohl
Sankt Petersburg: Wo ist es im Venedig des Nordens am schönsten?

Sankt Petersburg wurde 1703 auf sumpfigem Gelände an der Mündung des Flusses Newa in den Finnischen Meerbusen erbaut. Nach Einschätzung des weltberühmten russischen Schriftstellers (und Wahl-Petersburgers) Fjodor Dostojewski ist Sankt Petersburg „die abstrakteste und ausgedachteste Stadt auf der ganzen Erdkugel“. Damit hatte Dostojewski alles andere als Unrecht! Die von Einheimischen liebevoll Piter genannte Stadt wurde von Peter I. (dem Großen) auf dem Reißbrett entworfen. Die Stadtstruktur enthält zahlreiche europäische Einflüsse, schließlich wollte Peter I. mit seiner Planstadt ein „Fenster nach Europa“ schaffen. Und auch heute noch gilt sie als die europäischste Stadt Russlands.

Warum wird Sankt Petersburg auch „das Venedig im Norden“ genannt?

Die Stadt ist von zahlreichen Kanälen durchzogen und beinhaltet neben etwa fünf Millionen Einwohnern knapp 600 Brücken, die sich über die zahlreichen Wasserarme spannen und die 42 Inseln, aus denen die Stadt besteht, miteinander verbinden. Damit erinnert die russische Metropole ein wenig an Venedig. In der Innenstadt reihen sich prunkvolle historische Gebäude und prächtige Kirchen aneinander. Dank zahlreicher Museen, Galerien und Theater gilt Petersburg übrigens als die Kulturhauptstadt Russlands

In Reiseführern werden zahlreiche Sehenswürdigkeiten in den höchsten Tönen gelobt. Wir wollen uns aber einigen etwas unbekannteren Orten zuwenden, deren Besuch auch kein oder nur wenig Geld verlangt, und die dennoch (oder gerade darum) wunderschön sind. Vorhang auf für meine wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Sankt Petersburg:

Das Singer-Haus – Дом компании «Зингер»

Der Newski-Prospekt durchzieht mit einer Länge von 4,5 Kilometern fast die komplette Innenstadt. Er ist DIE Prachtstraße Petersburgs, unzählige prunkvolle Kirchen, Stadtpalais und Jugendstilbauten säumen ihn. Relativ weit im Osten, am Kanal Gribojedowa befindet sich das Singer-Haus. Erbaut wurde das herrschaftliche Eckhaus im Jahr 1905 im Auftrag des US-amerikanischen Nähmaschinenherstellers The Singer Company. Die sieben Stockwerke des prachtvollen Jugendstilbaus krönt eine imposante Kuppel aus Glas und Stahl, auf deren Spitze sich ein von Engeln getragener Globus befindet. In den ersten zwei Stockwerken befindet sich heute die größte Buchhandlung der Stadt, das dom knigi (Дом книги), zu Deutsch Haus des Buches. Hier kann man sich wunderbar die Zeit zwischen Bücherregalen vertreiben. Von den großen Fenstern des Singer-Cafes im ersten Stock kann man das bunte Treiben auf dem Newski beobachten.

Blauer Markt – Сенной рынок

Wohin geht man, wenn man Gemüse, Schuhe, Obst, Kaviar, ganze Hühner, frischen Quark oder gefälschte Adidas-Kleidung benötigt? Richtig, auf den Blauen Markt mitten im Stadtzentrum. Er besteht aus einer großen, traditionell überdachten Halle nebst einer Vielzahl kleinerer Stände, die sich um die Haupthalle herum befinden. Drinnen werden vorwiegend Lebensmittel verkauft: Frische Früchte und Kräuter, Eier, lebende Fische, gefrorene Pelmeni, Schweinefüße – hier finden sich für jedes Rezept die benötigten Zutaten und zudem die besten Salzgurken der ganzen Stadt. In den Außenständen wird ebenfalls Obst und Gemüse in rauen Mengen angeboten, das allerdings – je nach Außentemperatur – auch schnell mal gefrieren kann. Wer keine Lebensmittel anbietet, hat gefälschte Markenkleidung von Fila bis Gucci im Sortiment oder bietet Haushaltsgegenstände jedweder Art an. Eines ist allen Händlern gemein: Sie werben lautstark um Kunden. Ein wahres Erlebnis – nicht nur in kulinarischer Hinsicht.

Der Taurische Garten – Таврический сад

Der Taurische Garten ist eine der schönsten Parkanlagen in der Innenstadt Sankt Petersburgs. In ihm befindet sich das Taurische Palais (Таври́ческий дворец), ein wunderschöner klassizistischer Palast, den Katharina die Große Ende des 18. Jahrhunderts für ihren Geliebten Potjomkin errichten ließ. Sowohl Palais als auch umgebender Park wurden nach ihm benannt, trug er doch den Beinamen „der Taurier“. Nach der Februarrevolution 1917 und dem Sturz des Imperators Nikolas II. war das Palais Sitz des Petersburger Arbeiter- und Soldatenrates sowie des Unterhauses (Staatsduma) der provisorischen Regierung des Russischen Reiches. Heute wird es (unter anderem) von der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) genutzt. Das Gebäude ist nicht öffentlich zugänglich, dafür aber der wunderschöne Park. Hier lässt es sich ganz fabelhaft spazieren und flanieren. Sommers kann man auf einer der zahlreichen Parkbänke sitzen und lesen, winters auf dem zugefrorenen Teich Schlittschuhlaufen.

Die große Choral-Synagoge – Большая хоральная синагога

Die große Choral-Synagoge ist die größere der beiden Petersburger Synagogen und befindet sich ebenfalls in der Innenstadt. Der Synagogenbau wurde im Jahr 1869 beschlossen und genehmigt. Anlass war weniger der Bedarf als das Verlangen der jüdischen Oberschicht nach einem Prestigebau. Diese waren eher Anhänger des Reformjudentums. Die Planungsphase ging nicht problemlos vonstatten, sondern war von heftigen Diskussionen zwischen sowohl jüdischen als auch nicht-jüdischen Gruppen begleitet: Der Kunstkritiker Wladimir Stassow plädierte für einen maurischen Bau im Stile der mittelalterlichen sephardischen (spanischen) Juden. Er wollte damit die Weltoffenheit und Multikulturalität des russischen Imperiums zum Ausdruck bringen. Seinen Gegnern missfiel ein ausschließlich jüdischer Baustil, sie plädierten für eine assimilierte (sprich russisch-orthodoxe) Bauform. Am Ende vergingen elf Jahre, bis mit dem Synagogenbau überhaupt begonnen und 24 ehe er fertiggestellt wurde. Die 1893 eingeweihte Synagoge ist nun in maurischem Stil erbaut und zeigt deutliche Einflüsse der Haskala (der jüdischen Aufklärung) und des Reformjudentums. Zu Beginn der 2000er wurde sie renoviert und ist nun ein sowohl innen als auch außen optisch äußerst ansprechendes Bauwerk. Die Synagoge gehört heute zur orthodoxen Gemeinde der Stadt und umfasst neben dem Gotteshaus ein koscheres Restaurant, ein Lebensmittelgeschäft, ein Kulturzentrum und diverse Büros. Die Gemeinde unterhält außerdem Schulen und Kindergärten. Insgesamt leben etwa 90.000 jüdische Menschen in Petersburg.

Hinterhöfe und Treppenhäuser

In Petersburg gibt es so viele prachtvolle Fassaden, dass einem schon mal schwindelig werden kann. Doch der Prunk endet mitnichten an der Haustür. Viele Treppenhäuser sind ebenfalls herrschaftlich gestaltet, enthalten Stuck, Fresken, Mosaike und Statuen. Ein Blick hinter jede offene Haustür lohnt sich definitiv. Die Petersburger Innenstadt verfügt über ein (für mich äußerst verwirrendes) System von Hinterhöfen und -durchgängen. Wer sich auskennt, kann zwischen Straßen hin und her wechseln und viel Zeit sparen. Ortsunkundige können allerdings Gefahr laufen, in die ein oder andere Sackgasse zu geraten.

Auf den Dächern von Sankt Petersburg

Ein ebenso aufregendes wie waghalsiges Unternehmen ist ein Spaziergang über die Dächer Petersburgs. Theoretisch mag das verboten sein, viele Tourguides bieten dennoch Dachtouren an, die Polizei schaut schweigend zu. Da die Innenstadt über eine relativ geschlossene Bebauung verfügt, kann man, einmal auf einem Gebäude angekommen, problemlos in schwindelnder Höhe zwischen Schornsteinen und Dachluken rumkraxeln. Dies ist jedoch eine ausschließliche Sommerbeschäftigung: bei Regen oder Eis ist es viel zu gefährlich.

Meer von vorn, Sowjetarchitektur von hinten

Im Westen der Wassili-Insel, nahe der Mündung des kleinen Flusses Smolenka im Finnischen Meerbusen hat man einen wunderbaren Zugang zur Meeresbucht. Ein kleiner Sandstrand lädt im Sommer zum Liegen ein, im Winter lässt sich hier wunderbar das eisbedeckte Meer bestaunen. Für Architekturfreunde ist dieser Ort von besonderem Interesse: Fast direkt am Ufer erheben sich vier, jeweils 22-geschossige Wohnhäuser aus Stahlbeton, die auf Stelze stehen und deren sich vom restlichen Ensemble abhebenden Eckbauten über Bögen miteinander verbunden sind. Die Wohnhäuser an der Smolenka gelten als typische sowjetische Bauten der 1980er Jahre.

 

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