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Der Nomad Barber bereist in einem Jahr 21 Länder

Menschen, die ein ungewöhnliches Leben führen, sind besonders spannend. Lerne den 29-jährigen Miguel aus Liverpool kennen. Er hat seinen Beruf mit seiner Leidenschaft verknüpft, um 21 Länder in 12 Monaten zu bereisen
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ARTIKEL VON Thea Bohn

Was wolltest du als Kind schon immer werden? Die besten Optionen – Astronaut und Cowboy – waren im Handumdrehen vergeben und so gab es in meinem Freundeskreis eine Vielzahl an Szenarien, in denen Cowboys auf dem Mars landen. Du wirst vielleicht schmunzeln. Aber hätte ein Siebenjähriger noch vor dem Bartwuchs „Barbier“ gesagt, wäre das nicht weniger absurd gewesen! Vorhang auf für Miguel, den reisenden Nomad Barber.

Kindheitsträume altern nie

In unserem Zeitalter ist Reisen nicht mehr ausschließlich einer privilegierten Gruppe an Auserwählten mit Geld oder dem richtigen Job vorbehalten. Zu reisen ist erschwinglich. Mit deiner Entscheidung, ein Reisender zu sein – im Gegensatz zum Touristen – vertrittst du einen Lebensstil. Bist du neugierig darauf, in eine fremde Kultur einzutauchen? Gespannt auf unvorhergesehene Begegnungen? Bereit, deine ersten Wörter in einer neuen Sprache zu sprechen?

Lerne Miguel kennen. Er ist 29 Jahre alt und kommt aus Liverpool. Vielleicht kennst du ihn als The Nomad Barber, den Barbier-Virtuosen, der eine eigene Web-Serie führt, auf der er seine weltweiten Reisen dokumentiert. Miguel lebt ein ungewöhnliches Leben; ein lebenswertes Leben. Er war mutig genug, Entscheidungen zu treffen, die andere als verrückt abgetan haben.

So sehr sich Miguels Leben von meinem unterscheidet, bin ich dennoch von ihm inspiriert. Wie kommt es dazu? Nun, hier ist seine Geschichte …

Auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem: Der Nomad Barber auf Reisen

Schon im Kindesalter verbrachte Miguel seine Zeit gerne im Herrensalon. Seine Faszination erstaunte mich zuerst. Für mich gibt es zwei Arten von Barbier-Kunden: diejenigen, die sich nicht rasieren können, und diejenigen, die für den Wohlfühlfaktor kommen. Für Miguel hingegen erfüllt ein Barbier eine viel essentiellere Funktion: Er bringt die unterschiedlichsten Männer in einem Raum zum Miteinanderreden und es ist somit ein kultureller Ort mit Lokalkolorit. Generationen von Männern gehen ein und aus; so geht ein Großvater mit Sohn und Enkel zur Rasur. Miguel erfährt die persönlichsten Bekenntnisse – als wäre der Barbier eigentlich ein Priester und der Friseurstuhl ein Beichtstuhl. Vielleicht findest du, dass Essen die Menschen zusammenbringt. Für mich ist Musik die Sprache, die wir alle sprechen. Und für Miguel ist es die Kunst des Rasierens, die eine ganz besondere Verbindung und Kommunikation ermöglicht. Also hat er beschlossen, ein Meister darin zu werden.

Jahre später cremt Miguel einem neunzigjährigen Kunden das Gesicht ein, während dieser stolz berichtet, dass er niemals in seinem Leben seinen Geburtsort verlassen hat. Mit dem kompletten Gegenteil seiner eigenen Lebenspläne konfrontiert, beschließt Miguel auf der Stelle, sein Leben umzukrempeln. Er beschließt, seine gute Stelle an den Nagel zu hängen – entgegen der heftigen Einwände seiner Freunde – und bucht den nächstbesten Flug in das Land, aus dem sein Vater einst geflohen ist: Chile.

Eigene Ängste und Unsicherheiten überwinden

In einem unbekannten Umfeld angekommen, führt ihn sein Weg bald zu einem bekannten Ort: ein Barbershop. Zu diesem Zeitpunkt beherrscht Miguel nur wenige spanische Vokabeln. „Manchmal war ich beklommen oder eingeschüchtert von einem Ort, an dem ich nie zuvor gewesen war“, berichtet Miguel und lacht. Ein Grund dafür war, dass er sich in der fremden Sprache nicht sicher genug fühlte. Ein paar Vokabeln als Vorbereitung durchzulesen war nicht das Gleiche, wie diese dann im echten Leben anzuwenden. Seine Zweifel verschwanden aber, je mehr er mit Einheimischen interagierte. „Schlussendlich“, rät er, „sind deine Zweifel unbegründet. Du musst dich einfach einmal überwinden. Tu es einfach.“ Nach Chile zu fliegen, um Sprache und Kultur zu erkunden, war eine seiner besten Entscheidungen. Und dennoch war dies nur der Anfang. Im folgenden Jahr reiste Miguel in 21 Länder und filmte seine Begegnungen mit anderen Barbieren in der Web-Serie The Nomad Barber.

Auch wenn Miguel keine der Sprachen seiner Reiseziele fließend sprechen konnte, gelang es ihm immer, mit einem Set an Wörtern so gut auszukommen, dass ihn die Einheimischen herzlich aufnahmen. Wie glückt das? „Ich habe bemerkt, dass Kinder die besten Vermittler sind“, erklärt Miguel. „Sie wachsen mit englischem Fernsehen auf. Sie lernen Englisch in der Schule und ihr Interesse an der westlichen Welt ist sehr stark. Ich habe zunächst mit ihnen gesprochen und sie gebeten, mir auszuhelfen, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Das war ein guter Einstieg, um dann auch die Erwachsenen kennenzulernen und besser mit ihnen zu sprechen.“ Wohin auch immer es Miguel verschlug, er war auf der Suche nach den Menschen, die sich unter dem Vorwand einer Rasur trafen. Wer waren diese Menschen, die sich ihre Geschichten erzählten, während ihr Bart gestutzt wurde? Miguel wurde schnell klar, dass er auf eine ganz besondere Art seine Leidenschaft und sein Talent verbinden konnte.

Sich einen Namen machen

Es ist also keine Überraschung, dass die Web-Serie von Miguel so beliebt wurde: Sie ist eine Schatzkiste an unterhaltsamen Reisebeobachtungen, ein Archiv der unterschiedlichsten Sprachen und ein einleuchtender Einblick in das weltweit praktizierte Barbier-Handwerk. Unter den Videos finden sich so viele befremdliche Begegnungen, wie die mit Baba in Pushkar, Indien.

Eine der emotionalsten Reisen führte Miguel nach Calais ; genauer gesagt ins Flüchtlingslager, dem sogenannten Dschungel . Von der Migrationsgeschichte seines eigenen Vaters inspiriert wollte er die Menschen kennenlernen, die so kontrovers in der Presse diskutiert wurden. Sein Vater hatte ihm einmal erzählt, „nichts wäre besser gewesen, als wenn mir jemand einen Haarschnitt angeboten hätte und ich mich ein wenig besser hätte fühlen können.“ Kurzerhand packte Miguel seine Rasierer und Trimmer ein, in der Hoffnung, ein wenig Wohlgefühl zu verbreiten. Das Video ist ein wunderschöner Beweis dafür, dass ein gutes Gespräch schon dann entstehen kann, wenn man sein Gegenüber menschlich behandelt.

Ein internationales Leben führen

Zwischen seinen Reisen hat sich Miguel die Zeit genommen, um seinen eigenen Friseursalon in London zu eröffnen, der (was auch sonst?) The Nomad Barber heißt. Schnell wurde dieser ein lokaler Erfolg, der weibliche Barbiere zum Arbeiten sowie Männer allen Alters zum Besuchen anlockte. Als Miguel für einige Tage nach Berlin kam, fiel ihm auf, dass es dort eine Vielzahl an türkischen Barbieren gab – aber kaum eine andere Rasierrichtung praktiziert wurde. So mietete er einen Kellerraum an und eröffnete sein zweites Geschäft, das sich der britischen Rasur (und gutem Kaffee) widmet. Trotz der deutschen Bürokratie (oder gerade deswegen?) tauchte Miguel in die deutsche Kultur ein, versammelte ein gutes Team um sich und wurde schnell zu einem wichtigen Teil der Neuköllner Kiezkultur.

In meinem bisherigen Leben hatte ich persönlich noch keine Rasur. Und, seien wir mal ehrlich, die Chancen, dass ich jemals eine haben werde, stehen bei null (außer ich werde vielleicht von einem Werwolf gebissen). Wie kommt es also, dass ich mit Barbieren nichts am Hut habe und trotzdem von Miguel inspiriert sein kann? Ich glaube, das hat hauptsächlich zwei Gründe: seine Abenteuerlust und sein Tatendrang. Wir alle haben diesen Kindheitswunsch, die Welt zu entdecken. Irgendwie wachen wir dann in der Realität auf und andere Prioritäten scheinen wichtiger zu sein. Miguel zeigt uns, dass es kreative Möglichkeiten gibt, Leidenschaft und Beruf miteinander zu verbinden. Seine Web-Serie ist außerdem ein echter Beweis dafür, dass alle anfänglichen Mühen sich für ein Gespräch mit einem anderen Menschen lohnen.

Kannst du dich daran erinnern, wohin du schon immer mal reisen wolltest? Welche Sprache du schon immer mal sprechen wolltest? Tu es einfach – und erzähle, was du erlebt hast, wenn du das nächste Mal auf dem Friseurstuhl sitzt.

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