Welche Sprachen werden in Elsass-Lothringen gesprochen?

Spricht man im Elsass und in Lothringen Deutsch oder Französisch? Oder doch etwas ganz anderes? Ein Überblick.
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Welche Sprachen werden in Elsass-Lothringen gesprochen?

Elsass und Lothringen sind historisch als Streitobjekte zwischen Deutschland und Frankreich bekannt und berüchtigt. Demzufolge ist auch die sprachliche Geschichte der Gebiete spannend. Seit Jahrhunderten schwingen die Sprechenden dort zwischen der deutschen und französischen Sprache sowie deren Dialekten hin und her. Wir betrachten das Pendel der Sprachen in Elsass-Lothringen in diesem Artikel.

Bevor wir loslegen, sind einige Hinweise nötig: Der Kompaktheit halber betrachten wir die Gebiete in diesem Artikel zusammen. Außerdem kann eine lange und ereignisreiche Geschichte zweier Gebiete natürlich nicht in einem Artikel abgehandelt werden. Es geht vielmehr um einen sprachlichen Überblick: Welche Sprachen hat man zu welcher Zeit in Elsass-Lothringen gesprochen? Welche geschichtlichen Ereignisse gaben Anstoß für einen Wandel in der Sprachpolitik und den verbreiteten Sprachen? Und welche Sprachen werden heute in Elsass-Lothringen gesprochen?

Die Sprachen in Elsass-Lothringen: Eine Begriffserklärung

Elsässisch

Unter Elsässisch oder Elsässerdeutsch versteht man die im Elsass verbreiteten oberdeutschen, spezieller die alemannischen und fränkischen, Dialekte. Elsässisch ist damit keine linguistische Dialektgruppe an sich, sondern eine geografische Sammelbezeichnung für die oberdeutschen Mundarten, die in der Region Elsass gesprochen werden.

Im Elsass sind die deutschen Mundarten generell verbreiteter als in Lothringen, wo die französische Sprache und deren Dialekte vorherrschen.

In einer Umfrage des Amts für Sprache und Kultur im Elsass von 2012 gaben 43 Prozent der Einwohner der Region Elsass an, elsässische Dialektsprechende zu sein, 33 Prozent erklärten, Grundkenntnisse zu haben, und 25 Prozent besaßen keine Sprachkenntnisse der elsässischen Mundarten.

Die lothringischen Mundarten

Die lothringischen Mundarten meinen ähnlich wie beim Elsässischen eine Sammelbezeichnung für die in Lothringen gesprochenen mitteldeutschen Mundarten, spezieller die rheinfränkischen und moselfränkischen Dialekte, zu denen übrigens auch Luxemburgisch gehört. Die lothringischen Mundarten sind nicht zu verwechseln mit der galloromanischen Sprache Lothringisch, die manchmal als Dialekt des Französischen, manchmal als eigenständige Sprache angesehen wird.

Die südlichen, zentralen und westlichen Teile Lothringens gehören traditionell zum französischen Sprachraum. Die nordöstlichen Teile Lothringens zum deutschen Sprachraum.

Die deutsch-lothringischen Dialekte sind jedoch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stark rückläufig und vom Aussterben bedroht.

Wir werden in diesem Artikel der Einfachheit halber die deutschen Mundarten in Elsass und Lothringen auch unter dem Begriff Elsass-Lothringisch zusammenfassen.

Die Sprachen in Elsass-Lothringen: Ein historischer Überblick

Antike und Mittelalter: Von Keltisch über Lateinisch zu Deutsch

Seit etwa 600 vor Christus war das Keltische in Elsass-Lothringen ansässig. Es wurde in der römischen Zeit (circa 60 vor Christus bis circa 400 nach Christus) durch das Lateinische ergänzt oder ersetzt. Mit der Völkerwanderung kamen zudem germanische Mundarten in die Region und verbreiteten sich – im Mittelalter war besonders das Elsass eine überwiegend deutschsprachige Region. Diese germanischstämmigen – spezieller alemannischen und fränkischen – Mundarten werden heute unter dem Begriff Elsässisch zusammengefasst.

Frühe Neuzeit: Französisch gewinnt an Einfluss

Die heutigen Regionen Elsass und Lothringen gehörten seit dem Vertrag von Meerssen im Jahr 870 zum Ostfränkischen Reich (später Heiliges Römisches Reich). Fast 700 Jahre blieben die Regionen deutsch, bis der französische König mit dem Vertrag von Chambord im Jahr 1552 die Hoheit über das Bistum und die Stadt Metz erlangte. Etwa 100 Jahre später, im Westfälischen Frieden von 1648, kamen die Gebiete endgültig zu Frankreich. Gleichzeitig wurden Frankreich die ehemals habsburgischen Gebiete im Elsass zugesprochen. Der größte Teil Elsass-Lothringens wurde schließlich unter Ludwig XIV. in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach und nach annektiert. Während die Region zumindest politisch schrittweise Französisch geworden war, blieb sie kulturell weiterhin deutsch geprägt. Die überwiegenden Bevölkerungskreise verwendeten weiterhin Deutsch oder auch ihren jeweiligen germanischen oder romanischen Dialekt. Das Französische war dagegen Verwaltungs-, Handels- und Diplomatensprache innerhalb der Eliten.

Neuere Geschichte: Sprache wird zum politischen Mittel

Trotz der Niederlage Napoleons verblieben das Elsass und Lothringen bei Frankreich. Die deutschsprachigen Bewohner des Landes, die vor der Französischen Revolution trotz französischer Herrschaft noch weitgehend der deutschen Kultur verbunden geblieben waren, orientierten sich dank neuer Ideen immer mehr in Richtung Frankreich und Paris. Da in Frankreich aber keine allgemeine Schulpflicht in französischer Sprache bestand, blieb das Deutsche als Alltagssprache im Elsass und in Deutsch-Lothringen erhalten.

Seit der Moderne ging es sprachlich turbulenter in Elsass-Lothringen zu, denn Sprache wurde nun als politisches Mittel benutzt, um die Zugehörigkeit der Gebiete zu Frankreich oder dem Deutschen Reich zu markieren.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870-1871 wurden Teile Elsass-Lothringens dem deutschen Kaiserreich angegliedert. Die Grenzziehung folgte im Wesentlichen der Sprachgrenze – natürlich nur da, wo es strategisch bequem war. Auf einmal wurden 200.000 Menschen, etwa 15 Prozent der Bevölkerung Elsaß-Lothringens, mit französischer Muttersprache politisch zu Deutschen – genauso, wie sich deutschsprachige Elsässer und Lothringer zuvor auf einmal in Frankreich wiedergefunden hatten.

In einem Gesetz vom März 1872 wurde Deutsch zur amtlichen Geschäftssprache ernannt. Allerdings ging es dabei nicht ganz so rigoros zu, wie man es vermuten könnte: Deutsch war zwar generelle Geschäftssprache, aber in Landesteilen mit überwiegend französischsprechender Bevölkerung sollte öffentlichen Bekanntmachungen und Erlassen auch eine französische Übersetzung beigefügt werden. Ein Jahr später wurde in Gebieten mit vielen Französischsprechenden der Gebrauch des Französischen als Geschäftssprache zugelassen. Auch sonst passte sich die neue deutsche Verwaltung den Sprachgrenzen an. Zum Beispiel wurde in einem Gesetz über das Unterrichtswesen von 1873 geregelt, dass in den Gebieten mit Deutsch als Volkssprache diese auch die ausschließliche Schulsprache war, während in den Gebieten mit überwiegend französischsprechender Bevölkerung der Unterricht ausschließlich in französischer Sprache gehalten werden sollte.

Die französischen Ortsnamen in französischsprachigen Gebieten wurden belassen. Einige Ortsnamen wurden zwar 1871 germanisiert, weil hinter ihnen eine ältere germanische Namensform vermutet wurde, aber die Umbenennung wurde wieder rückgängig gemacht, als sich dies als historisch unhaltbar erwies.

Trotzdem war ein Rückgang des Französischen zu beobachten. Im Reichsland sprach die Bevölkerung im Jahr 1900 zu 11,6 %, 1905 zu 11,0 % und 1910 zu 10,9 % Französisch als Muttersprache. Der größte Teil der französischsprachigen Bevölkerung lebte im Bezirk Lothringen. Hier waren 1910 22,3 % der Bevölkerung französische Muttersprachler. Der einzige Kreis mit mehrheitlich französischsprachiger Bevölkerung im Jahr 1910 war Château-Salins (68,4 %).

Erster Weltkrieg: Deutsch wird unterdrückt

Mit dem Ende des ersten Weltkrieges ging Elsass-Lothringen wieder zurück an Frankreich. Die Sprachpolitik spitzte sich dramatisch zu und war nun streng gegen die deutsche Sprache und den elsässischen Dialekt ausgerichtet. Französisch wurde als verbindliche und alleinige Amts- und Schulsprache eingeführt. Zeitweise wurde sogar bei Strafe verboten, Deutsch zu sprechen.

1919 wurden insgesamt etwa 200.000 Deutsche Elsässer und Lothringer vertrieben und nur etwa die Hälfte konnte in den folgenden Monaten nach amerikanischem Druck auf die französische Regierung zurückkehren.

Zweiter Weltkrieg: Die Politik der Nazis verfehlt ihren Zweck

Das Pendel der restriktiven Sprachpolitik schwang während der Besetzung Elsass-Lothringens durch das nationalsozialistische Regime Deutschlands zwischen 1940 und 1944 noch stärker zurück. Es gab Umsiedlungen und Vertreibungen von Franzosen ohne deutschen Wurzeln.

Die Einschnitte in die persönliche Freiheit im Namen der Germanisierung gingen so weit, dass sogar französische Vornamen in deutsche umgewandelt wurden.

Die rücksichtslose Politik der NSDAP sollte allerdings nachhaltig das genaue Gegenteil ihres Zieles bewirken: Sie förderte die Hinwendung der Region zu Frankreich und die Desintegration der deutschen Standardsprache im Elsass. Der bis 1940 verbreitete Wunsch, neben dem Französischen auch an der deutschen Sprache als Amts- und Verkehrssprache festzuhalten, fand sich nach 1945 kaum mehr.

Die sprachliche Assimilierungspolitik der französischen Regierung konnte so auf fruchtbaren Boden fallen: Das Französische galt als schick, und die deutschen Dialekte verloren derart an Bedeutung, dass die Mehrheit der nach 1970 Geborenen sie heute nicht mehr sprechen kann.

Gegenwart: Französisch überwiegt

Heute ist das Elsass geprägt von Zweisprachigkeit: Französisch ist Verkehrs-, Amts- und Schulsprache. Gesprochen werden zwar auch die deutschen Dialekte und Standarddeutsch, allerdings sind diese Sprachen stark rückläufig und überwiegend auf die ältere Generation und die ländlichen Gebiete beschränkt. Laut einer Studie von 2001 bezeichneten sich 61 Prozent der Bevölkerung des Elsass als elsässischsprechend. Bei den Jugendlichen gaben nur noch etwa 25 Prozent an, sich gelegentlich in der Regionalsprache zu unterhalten. Nur noch rund fünf Prozent der Schulanfänger verfügten über entsprechende Sprachkenntnisse.

Gibt es also keine Zukunft für die deutschen Sprachvariationen in Elsass-Lothringen?

Anders, als man durch rückläufige Sprecherzahlen vermuten könnte, befinden sich die Mundarten in Elsass-Lothringen gerade in einer interessanten Phase: Sie könnten schon bald als eigene Sprache gelten. Die Elsass-Lothringischen Mundarten koppeln sich nämlich vom Standarddeutschen ab – es gibt Tendenzen zur einer eigenen Standardisierung und mit Orthal (Orthographe alsacienne) gibt es seit 2003 den Versuch, die elsässischen Schreibweisen zu vereinheitlichen und zu standardisieren, also eine eigene Schriftsprache gegenüber dem Standarddeutschen zu kreieren.

Wer weiß, welche Sprache in 50 Jahren in Elsass und Lothringen überwiegt – Französisch, eine deutsche Mundart … oder eine ganze eigene Sprache?

In jüngerer Zeit engagieren sich außerdem sowohl Privatinitiativen als auch die Verwaltung für zweisprachigen Unterricht in Elsass-Lothringen. Seit Beginn der 1990er Jahre steigt kontinuierlich die Anzahl der Schüler, die bilinguale Schulen oder Kindergärten besuchen.

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