Sprich Sprachen, wie du es schon immer wolltest

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Reden wir doch mal über Schmutziges: Schimpfwörter!

Schlimme Wörter darf man nicht sagen – macht man aber trotzdem. Und warum? Wir sehen uns die Auswahlkriterien für und Funktionen von Schimpfwörtern genauer an.

Artikel von: Katrin Sperling

„Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“
– Götz-Zitat, auch bekannt als Schwäbischer Gruß aus Johann Wolfgang von Goethes Götz von Berlichingen

Schlimme Wörter darf man nicht sagen – macht man aber trotzdem. Und Frau ebenso, wenn auch durchschnittlich gesehen etwas weniger. Und da wir alle, sogar Goethe (in Form seiner Charaktere, aber bestimmt auch privat) ab und zu fluchen oder geflucht haben, unterhalten wir uns jetzt mal über schlimme Wörter – und zwar wissenschaftlich. Wir schauen uns an, wie wir Wörter dazu küren, Schimpfwörter zu werden und wie diese dann einen ganz besonderen Platz einnehmen – vielleicht nicht unbedingt in unserem Herzen, dafür aber garantiert in unserem Gehirn. Natürlich sollen alle vorher gewarnt sein: In diesem Text geht es um Schimpfwörter. Es werde schlimme Wörter zu lesen sein.*

*Das ist als Warnung gemeint, nicht als Versprechen.

„Oh, Fäkalien!” – Was macht ein Wort zum Schimpfwort?

Eine Frage der Tabus

Wie suchen wir uns eigentlich aus, welche Wörter sich als Schimpfwort eignen und welche nicht? Wenn es um Themen geht, ist der Auswahlprozess relativ einfach. Was immer in einer Kultur Tabu ist, ob Fäkalien, Sexualität, Inzest oder Tod, wird zur Quelle für Schimpfwörter. Tabus sorgen dafür, dass die meisten Kulturen um uns herum, von Engländern („Fuck!“) über Italiener („Fanculo!“) zu Russen („блядь!“), vorherrschend Sexuelles zum Schimpfen heranziehen, während wir Deutschen dagegen eher exkrementell („Scheiße!“) fluchen – Sexualität ist für uns Deutsche einfach nicht so ein großes Tabuthema: Während zum Beispiel ein Nipplegate in den USA als Skandal behandelt wurde, hat es bei uns lediglich ein paar Stirnen zum Runzeln gebracht – und der Alltag ging ganz normal weiter. Heißt das also, dass Deutsche nicht auf sexuelle Schimpfwörter reagieren? Nun ja, nicht ganz. Dadurch, dass bei uns traditionell exkrementell geflucht wird, haben wir uns an den Klang von Mist, Scheiße und Kacke längst gewöhnt – man sagt sie vielleicht nicht gerade in feiner Gesellschaft oder vor kleinen Kindern, aber sie können kaum noch Schockzustände auslösen. Fluchwörter, die aus dem sexuellen Tabu geschöpft werden, sind dahingegen noch nicht so abgenutzt. Darum kann unser Ohr derartige Beleidigungen noch nicht auf die gleiche Art ausblenden.

The times, they are changin’

Weil sich Tabus ändern, ändern sich auch Schimpfwörter. So war es vor noch nicht allzu langer Zeit sozial akzeptabel, Menschen nach Ethnizität oder körperlichen Merkmalen zu klassifizieren und sie mit bestimmten Wörtern zu bezeichnen. Im Wandel der Zeit mit moderneren Ideen und Menschenrechtsbewegungen sind nun aber sowohl die Praxis des Klassifizierens als auch die jeweiligen Begriffe unangebracht. Es kann sich aber auch eine entgegengesetze Entwicklung vollziehen und Wörter können positiv umgemünzt werden. Ein aktuelles Beispiel für diese sogenannten Geusenwörter ist das Wort Nerd. Noch vor wenigen Jahren war das Wort negativ besetzt und bezeichnete unattraktive Zeitgenossen mit dicken Brillengläsern und blasser Haut, die ihre Zeit am liebsten vor dem Computer verbrachten. Nun gewinnen Serien über Nerds wie The Big Bang Theory Fernsehpreise, Nerd-Brillen werden sogar ohne Gläser als Modeaccessoire verkauft und die Nerd-Gemeinde hat sich das Wort zu eigen gemacht – es bedeutet heute schon lange nichts Abwertendes mehr.

Der Ton macht die Musik

Wir suchen uns schlimme Wörter aber nicht nur rein thematisch aus. Zum Beispiel sind Bildungswörter kein Material für Schimpfwörter („Ver-uriniere dich!” und „Oh, Fäkalien!”), und auch kindergerechte Wörter („Du blöder Po!“) eignen sich nicht gut als Schimpfwörter. Frei nach dem Motto Der Ton macht die Musik! tragen auch nonverbale Faktoren dazu bei, was wir als schmutzige Wörter anerkennen: Tonfall, Mimik, Gestik und Kontext können so ein unschuldiges Wort verderben oder ein Schimpfwort abschwächen.

„Bist du zornig, so zähle bis vier; bist du sehr zornig, so fluche!“
– Mark Twain, Knallkopf Wilsons Kalender

Warum fluchen wir?

A „Shit!” a day keeps the doctor away

Einer der Gründe, warum wir fluchen, wird offensichtlich, wenn wir uns mal wieder den Zeh stoßen und uns ein lautes „Scheiße!“ entfährt – denn Fluchen eignet sich wunderbar als Reaktion auf Emotionen wie Schmerz, Frustration, Stress oder Überraschung. Das haben Richard Stephens und Claudia Umland von der Keele University in Staffordshire in ihrer Studie Swearing as a Response to Pain – Effect of Daily Swearing Frequency von 2011 nachgewiesen. Sie testeten in zwei Durchgängen, wie lange Versuchspersonen ihre Hand in eiskaltes Wasser halten konnten. In einem der Durchgänge wurden die Teilnehmenden gebeten, ein nicht-Schimpfwort vor sich her zu sagen, im anderen Durchgang durfte herzhaft geflucht werden. Dank Fluchen hielten die Testenden im Durchschnitt 40 Sekunden länger durch und berichteten, weniger Schmerzen gefühlt zu haben. Statt Schmerztablette sind also in Zukunft schmutzige Wörter angesagt! Wie bei anderen Medikamenten auch ist jedoch bei der Dosierung Vorsicht geboten – denn Versuchspersonen, die im täglichen Leben häufiger fluchen, konnten im Experiment weniger Schmerzlinderung feststellen, als diejenigen, die nur ab und zu fluchen.

Gemeinheit!

Natürlich können Schimpfwörter aber nicht nur eine schmerzlindernde, sondern auch eine schmerzverursachende Funktion haben. Höchstwahrscheinlich wurde jedem schon einmal etwas Unfreundliches an den Kopf geworfen. Der nachfolgende Effekt war bestimmt nicht gerade positiv. An dieser Stelle sind aber wahrscheinlich der Kontext und die Intention des Übeltäters, nicht aber das Schimpfwort an sich, ausschlaggebend – denn Schimpfwörter haben noch eine andere, etwas unerwartete Funktion…

Gemeinheiten liebevoller Art?

… eine soziale Funktion nämlich! Schmutzige Wörter können als Anzeichen von Solidarität innerhalb von Gruppen funktionieren, wenn sie sich gegen Außenseiter richten, als „liebevolle“ Kosenamen untereinander und auch als Anzeichen dafür, dass man sich wohl miteinander fühlt. Helen E. Ross untersuchte zu diesem Thema im Jahre 1960 das Fluchverhalten einer Gruppe von acht britischen Zoologen (fünf Männer und drei Frauen), die in der norwegischen Arktis arbeiteten und aufgrund des kontinuierlichen Sonnenlichts unter Schlafmangel litten. Das Ergebnis war überraschend: In leicht stressigen Situationen wurde wenig geflucht, während in Situationen, in denen die Forscher entspannt und glücklich waren, die meisten Schimpfwörter fielen. Bei gravierenden Stresszuständen waren gar keine Flüche zu hören. Schlimme Wörter waren in diesem Zusammenhang also ein Zeichen für Gruppenzusammenhalt.

Eine Frage des Stils

Zu guter Letzt kann Fluchen auch eine Frage des Stils sein, um dem Gesagten quasi ein kleines Sahnehäubchen und ein bisschen mehr Nachdruck zu verleihen – jeder Witz wäre schließlich ohne die gehörige Portion Verdorbenheit nur halb so schön… und mehr Aufmerksamkeit bekommt man damit allemal…

Schimpfwörter sind etwas Besonderes – zumindest für das Gehirn

… aber warum eigentlich? Um zu verstehen, warum Fluchen bei uns so starke Reaktionen hervorruft, haben Neurowissenschaftler im Gehirn nach Antworten gesucht. In einer Studie von 1999 fanden Forscher um N. Isenberg heraus, dass die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, das für die Verarbeitung von negativen Gefühlen zuständig ist, bei der Verarbeitung von Schimpfwörtern rege Aktivität zeigt. Formale Sprache wird dagegen im Broca’schen Sprachzentrum und oder im Wernicke-Zentrum in der linken Hälfte des Gehirns gebildet.

Diese abweichende Speicherung von Schimpfwörtern im Gehirn macht sich besonders bei Aphasien bemerkbar. Als Aphasie wird der Verlust des Sprachvermögens bezeichnet, der durch eine Schädigung der Sprachzentren im Gehirn verursacht wird. Wie schwer sich die Aphasie auswirkt, hängt davon ab, welche Stelle im Gehirn wie schwer geschädigt ist; in den schlimmsten Fällen bleibt die Sprache fast vollständig aus – bis auf Schimpfwörter. Dies verdeutlicht das Beispiel von Patient R.N. aus einer von Diana Van Lancker und Jeffrey Cummings durchgeführten Studie aus dem Jahr 1999. R.N. war von globaler Aphasie betroffen und konnte nur noch die Wörter well, yeah, yes, no, goddammit und shit („nun ja, yeah, ja, nein, gottverdammt“ und „Scheiße“) sagen. Der Patient konnte die Wörter im angemessenen Kontext problemlos produzieren. Wenn er allerdings gefragt wurde, das Wort shit von einem Zettel abzulesen, sah er sich dazu außer Stande. Wie der Fall von Patient R.N. illustriert, haben Schimpfwörter also eindeutig einen besonderen Platz im Gehirn…

… und den haben sie natürlich auch im gesellschaftlichen Leben! Wenn dich das nächste mal also jemand beleidigt, ärgere dich nicht. Mach dir statt dessen klar, dass die beleidigende Person dich mit einem speziellen, emotionalem Areal ihres Gehirns bedacht hat und dich durch die Verletzung sozialer Normen zumindest in beschränktem Maße als Teil der Gesellschaft anerkennt. Dann kannst du immer noch (zum Zwecke eigener Katharsis oder auch, um der Person die selbe Art von Wertschätzung entgegen kommen zu lassen) den Gefallen erwidern und herzhaft zurück fluchen.

... und jetzt lern endlich eine ver*#@%te Sprache!

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