Codeswitching zwischen türkischer Agglutination und deutscher Deklination

Codeswitching, Agglutination, Deklination – wenn du nur Bahnhof verstehst, dann lies weiter und erfahre, welche interessanten Unterschiede Türkisch zu einer echten Herausforderung machen können.
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ARTIKEL VON Fidi
Codeswitching zwischen türkischer Agglutination und deutscher Deklination

Bei Babbel versuchen wir dir nicht nur die Aussprache zu erleichtern – wir legen auch großen Wert darauf, komplexere Grammatik in einfache und verständliche Einheiten zu zerlegen. Dabei verknüpfen wir die grammatischen Besonderheiten mit alltagsrelevanten Redemitteln und betten sie in lebensnahe Dialoge ein. So kannst du alles, was du mit Babbel lernst, auch in der realen Welt anwenden. Weder von der deutschen Deklination noch von der türkischen Agglutination brauchst du dich also einschüchtern zu lassen. Ganz im Gegensatz zu Mark Twain und seinen Worten – „I would rather decline two drinks than one German adjective.“ – kannst du dir beruhigt eine Apfelschorle oder einen çay gönnen, während wir mit dem Rest helfen!

Ich verstehe nur Bahnhof?!

Ben Bahnhofa gidiyorum. Sätze wie dieser sind unter türkisch-deutschen Bilingualen sehr beliebt. Das Hin- und Herspringen zwischen den Sprachen nennt man in der Fachsprache Codeswitching. Es handelt sich hierbei um einen bewussten Vorgang, manchmal, weil es den Sprechenden leichter fällt bestimmte Wörter oder Satzteile in der einen Sprache zu benennen, manchmal auch, um von anderen nicht verstanden zu werden. Der Satz bedeutet: Ich (Ben) – gehe (gidiyorum) – zum Bahnhof (Bahnhofa). Das angehängte -a an „Bahnhof” ist die Dativ-Endung im Türkischen. Das heißt, dass man beim Codeswitching einfach die Grammatik der einen Sprache auf die andere übertragen kann und trotzdem verstanden wird.

Sprachfamilien und andere Verwandtschaften

Und fällt dir noch etwas auf? Richtig! Das Verb steht im türkischen Satz am Ende (gidiyorum) und nicht wie im Deutschen nach dem Subjekt. Diese Sprachen nennt man nach der Anordnung der Satzteile – Subjekt, Objekt und Verb – SOV-Sprachen. Deutsch und viele andere verwandte Sprachen hingegen gehören zur Gruppe der SVO-Sprachen.

Deutsch und Türkisch gehören unterschiedlichen Sprachfamilien an. Deutsch gehört zu der Familie der indogermanischen Sprachen und ist unter anderem mit Englisch oder Spanisch verwandt. Türkisch hingegen gehört der Familie der Turksprachen an, wie auch Kasachisch oder Usbekisch. Sprachen innerhalb einer Sprachfamilie haben viele Ähnlichkeiten beispielsweise im Satzbau, im Wortschatz und in vielen Bereichen der Grammatik.

Auch Sprachen unterschiedlicher Familien können sich durch natürliche sprachhistorische Entwicklungen oder Sprachkontakt gegenseitig beeinflussen und Ähnlichkeiten aufweisen. So können zum Beispiel Wörter aus der einen als Lehnwörter in die andere einfließen. Im Türkischen gibt es viele Lehnwörter aus dem Französischen, Englischen, Farsi oder Arabischen. Und als das türkische Alphabet unter Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der Republik Türkei, vom arabischen ins lateinische überführt wurde, hat man sich an dem deutschen Alphabet orientiert. Die Vokale „ü“ und „ö“ zum Beispiel wurden aus dem deutschen Alphabet übernommen.

Tipps & Tricks für die Aussprache

Ja, diese Umlaute … Für Deutschlernende können sie eine besondere Herausforderung in der Aussprache sein. An Wörtern mit einem „ü“ oder „ö“ wie zwölf oder Löffel, insbesondere in Kombination mit komplexen Konsonantenverbindungen, haben sie besonders zu nagen. So auch an dem beliebten Nagetier, das mit Sicherheit unter den Top 3 der am schwierigsten auszusprechenden Wörter landet: das Eichhörnchen.

Diese Beispiele brachten mich auf die Idee, eine kleine Umfrage in meinem Babbel-Team zu den für sie am schwierigsten auszusprechenden deutschen Wörtern durchzuführen. Und hier die Gewinner: Pfirsich, Erinnerungen, Chirurg und recherchieren.

Die vielen Konsonantenverbindungen wie sch, ch, spr, str sowie das deutsche „r“ machen diese Wörter für Lernende zu Zungenbrechern. Sie verrieten mir allerdings einige Tricks, wie sie den einen oder anderen geschickt zu vermeiden wissen: Ein Kollege ist besonders dankbar für die Abkürzung Schlesi. So kann er auf die Berliner Haltestelle Schlesisches Tor verweisen, ohne sich dabei die Zunge zu verknoten. Und eine andere Kollegin vermeidet es, wann immer möglich, das Vereinigte Königreich zu nennen, indem sie sich nur auf den Teil Großbritannien bezieht. Kommunikationsstrategien sind Lebensretter beim Sprachenlernen!

Während das Deutsche also gern viele Konsonanten aneinanderreiht und damit Lernende zu kreativen Strategien anregt, vereinfacht das Türkische die Aussprache mithilfe der sogenannten Vokalharmonie. Türkisch ist nämlich eine agglutinierende Sprache, das heißt grammatische Funktionen (wie zum Beispiel Zeiten oder Fälle) werden durch das Aneinanderreihen von Endungen an ein Wort ausgedrückt. Um dabei die Aussprache zu erleichtern, passen sich die Vokale der Endungen gemäß den Regeln der Vokalharmonie jeweils den vorangehenden Vokalen eines Wortes an. Zum Beispiel kann das Adjektiv üzgün (traurig) durch das Anhängen von Endungen zur Frage Üzgün müsünüz? (Seid ihr traurig?) erweitert werden. Da Vokale für Türkischsprachige die Aussprache vereinfachen, haben türkische Silben fast immer einen Vokal.

So gehen ihnen auch Wörter wie Spanien leicht von der Zunge: İs-pan-ya. Selbst wenn es im geschriebenen Wort keine Vokale gibt, denken sie sich in der Aussprache einfach welche dazu, wie zum Beispiel: Schu-tut-gart, Schi-nit-zel, …
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