Ein Fall für die Grammatik: seid oder seit?

Ein nicht ganz unbekannter, aber dennoch wichtiger Fall für die Grammatik-Detektivin Antonia.
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Ein Fall für die Grammatik: seid oder seit?

Wenn man das Internet durchstöbert, fällt einem so manche Sprachperle in die Hände. So heißt es auf einem Bild in den sozialen Medien beispielsweise: „Seit ihr etwa schon wieder ohne Aufsicht??? Ich sehe das doch!!!“. Dieses meme (wie in der Internetsprache heutzutage ein lustiges Bildchen mit nachträglich eingefügten, kurzen Textzeilen heißt) soll einen in der Tat zum Schmunzeln bringen – doch eigentlich nicht durch den fehlerhaften Einsatz von seid oder seit!

Das Problem, zwischen seid und seit entscheiden zu müssen, scheint viele Deutschsprechende zu plagen. Zu ähnlich ist die Schreibweise und Aussprache, zu unterschiedlich die Bedeutung. Um in Zeiten der schnellen Internetkommunikation, Anglisierung und des Jugend-Slangs stets die richtige Form zu benutzen, decken wir in einem neuen spannenden Fall auf, wie du bei seid oder seit der richtigen Spur folgst.

Seid ihr alle noch da?

Sehr gut! Denn jetzt geht es ans Eingemachte. Das Wort seid ist ein Verb – genauer gesagt eine konjugierte Verbform des Infinitivs sein. Es wird daher immer in der zweiten Person Plural verwendet, also zusammen mit dem Pronomen „ihr“. „Ihr seid aber clever heute!“, könnte ein wohlwollendes Lob lauten. Es wäre jetzt leicht zu sagen, dass du immer nach dem „ihr“ Ausschau halten musst, um sicherzugehen, dass seid die richtige Schreibweise ist. Aber du ahnst es sicher schon: So einfach ist das leider nicht!

Möchtest du nämlich eine Gruppe von Leuten auffordern, still zu sein, klingt das so: „Seid bitte still!“. Das wird die Menschentraube weniger freuen, aber wenn du es näher erklärst, werden sie es sicher verstehen: „Mein Kind macht gerade Mittagsschlaf und ihr seid etwas laut.“

Du siehst, es handelt sich bei seid immer um ein Tu-Wort, wie es zu Grundschulzeiten hieß. Wenn du dir nicht sicher bist, kannst du seid zum Test einfach mit „sie sind“ ersetzen; sinngemäß etwa: „Sie sind laut!“ … oder „Sie sind schön“, wenn du lieber Komplimente vergibst. Solange der Satz noch Sinn ergibt, weißt du, dass du seid mit „d“ schreiben musst.

Seit wann ist das so einfach?

Eigentlich schon immer! Denn bei seid und seit handelt es sich um komplett verschiedene Wortarten. Während seid, wie oben erklärt, ein Verb ist, das eine Tätigkeit oder einen Vorgang beschreibt, ist seit eine sogenannte temporale Präposition. Du verwendest also seit, um etwas Zeitliches auszudrücken.

Zugegeben klingt das in der Theorie etwas abstrakt, ist aber in der Praxis ganz einfach. Ein Beispiel: „Seit dem Frühstück kann ich an nichts anderes mehr denken.“ Wir könnten auch sagen: „Seit vielen Jahren habe ich kein Englisch mehr gesprochen.“ Abgesehen davon, dass wir diesen Zustand schleunigst ändern sollten, sehen wir, dass seit immer als Präposition bei Zeitangaben verwendet wird. In diesen Fällen ist es auch nicht möglich, das seit durch „sie sind“ zu ersetzen.

Diese Regel gilt auch, wenn seit als Konjunktion – also als das kleine Wörtchen, das zwei Satzteile miteinander verbindet – gebraucht wird: „Seit ich in der Schule war, habe ich kein Französisch mehr gesprochen.“ Auch hier wird mit dem Wort „seit“ etwas Zeitliches beschrieben – genauer gesagt der Zeitpunkt des Beginns einer Aktion. Da du in diesem Fall seit auch mit seitdem ersetzen kannst, muss es mit „t“ geschrieben werden.

Seid ihr denn des Wahnsinns?

Wir hoffen nicht, sondern im Gegenteil: Mit dieser Erklärung seid ihr jetzt wahnsinnig gut ausgerüstet für die grammatischen Abenteuer! Und zum Schluss haben wir hier noch eine Eselsbrücke für dich, mit der wirklich nichts schief gehen kann:

„Seit und Zeit sind stets zu zweit! Sind und seid – sind gleich – und weich.“

Gemeint sind hier die Endreime der Wörter: Das „d“ am Ende von sind und seid sind im Vergleich zum „t“ von seit und Zeit weich klingend. Die Frage von seid oder seit scheint endgültig gelöst! Und dennoch verraten wir noch eine andere, internationalere Eselsbrücke:

„Seid ist sein, seit ist time!“

Wo wir schon beim Thema sind: Nun, da dein Deutsch poliert ist, möchtest du vielleicht gleich noch dein Englisch etwas auffrischen?

 

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