Sprich Sprachen, wie du es schon immer wolltest

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Kann die eigene Muttersprache verlernt werden?

Mit der Muttersprache ist es wie mit dem Fahrradfahren: einmal gelernt, niemals vergessen. Aber stimmt das wirklich?

Artikel von: Marion Maurin

Der Begriff der Erosion steht in der Linguistik für den Verlust der Muttersprache. Dieses wenig bekannte Phänomen kommt üblicherweise bei Menschen vor, die im jungen Alter emigriert sind und danach wenig oder keinen Kontakt zum Heimatland oder zu Muttersprachlern haben. Genau das geschieht gerade mit mir …

Es liegt mir auf der Zunge

Um das Thema weiter zu erforschen, habe ich zunächst mit meiner eigenen Erfahrung begonnen. Seit beinahe zehn Jahren lebe ich als Auswanderin in einem Land, das nicht mein Heimatland Frankreich ist. Oft empfinden Menschen, die in einer fremden Kultur leben, dass ihnen ein Wort auf der Zunge liegt – es ihnen aber absolut nicht gelingt, es auszusprechen. Weder ein zeitnahes noch richtiges Artikulieren des Wortes scheint mehr möglich. Es ist ein seltsames Gefühl, nicht in der Lage zu sein, unser Wissen zu kontrollieren. Manchmal schäme ich mich in so einer hilflosen Situation; vor allem, wenn andere nicht glauben können, dass so etwas passieren kann, oder wenn mir Übertreibung vorgeworfen wird. Mir stellt sich also die Frage: Ist es möglich, die eigene Muttersprache zu vergessen?

Ich spreche, also bin ich

Aharon Appelfeld ist im Jahr 1932 in der Bukowina geboren. Seine Eltern waren jüdisch und haben Deutsch gesprochen. Aharon wuchs mit der deutschen Sprache auf. Von seinen Großeltern lernte er ein wenig Jiddisch. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, war Aharon gerade mal acht Jahre alt. Die Ereignisse überschlugen sich: 1940 kam seine Mutter ums Leben, ein Jahr später wurde er von seinem Vater getrennt und in ein Konzentrationslager gebracht, aus dem er im folgenden Jahr ausbrach und entkam. Während der verbleibenden vier Kriegsjahre lebte Aharon auf der Flucht, bis er endlich nach Palästina gelangte.

In dieser Zeit verlor Aharon nicht nur seine Familie, sondern auch seine Muttersprache. Erschwerend kam hinzu, dass ihm ein sinnvolles Gespräch in keiner seiner erlernten Sprachen gelang. Jahre später kommentierte Aharon diese Erfahrung: „Also ich 1946 nach Palästina kam, war mein Tagebuch ein reinstes Mosaik an hebräischen, jiddischen und deutschen Wörter – und dazu noch eine Menge anderer Wörter in den verschiedensten Sprachen.“ Sein Tagebuch dokumentierte seine damalige Lebensrealität: Ohne geografische oder sprachliche Konstanten notierte Aharon die Wörter, die er in einer bestimmten Situation oder Stimmung als nützlich empfand – ungeachtet ihrer Sprache.

Das Leben von Aharon Appelfeld ist ein besonderer Fall: Die extreme und isolierende Lebensrealität sowie das schwere Trauma des zweiten Weltkriegs bedingten den Verlust der eigenen Sprache. Damit einher geht der Verlust einer kulturellen Identität. Wahrscheinlich ist es dieser Punkt, der mich persönlich so verstört: Ist der Verlust eines so existentiellen Teils unserer Identität wirklich möglich?

Im normalen Alltag des 21. Jahrhunderts erscheint es uns undenkbar, die tief in uns verwurzelte Muttersprache zu verlernen. Durch diese Sprache haben wir ja seit Kindesalter all unsere Erfahrungen verarbeitet und gelernt, uns als Individuum mitzuteilen. Die israelische Philosophin Haviva Pedaya formuliert die Bedeutung der Sprache am poetischsten: „Sprache ist die Seele aller Dinge.“ Wie können wir also daran zweifeln, dass die Muttersprache von uns untrennbar ist?

Wie ist es möglich, eine Sprache zu vergessen?

Wann immer wir eine Fremdsprache erlernen – sei es mit sechs, mit 17 oder mit 38 Jahren –, tun wir dies durch unsere Muttersprache (auch L1 genannt). Die Muttersprache dient als linguistisch bekanntes System, in dessen Sicherheit wir uns einem neuen System annähern. Durch Unterschiede und Gemeinsamkeiten lernen wir die Fremdsprache (auch L2 genannt) kennen: Wir testen Schritt für Schritt das unbekannte Terrain aus; die neuen Laute, die neue Grammatik, das neue Lexikon. Als Referenz dient uns aber stets die Muttersprache. Selbst nach Jahren des Sprechens einer fremden Sprache kann man die Muttersprache eines flüssigen Sprechers an „typischen“ kleinen Fehlern erkennen, die darauf basieren, dass beim Sprechen etwas fehlerhaft vom einen Sprachsystem in das andere übertragen wurde.

Im bilingualen oder multilingualen Gehirn interagieren mehrere linguistische Systeme zur gleichen Zeit. Die eingangs erwähnte Erosion kann man sich in etwa so vorstellen, dass zwei Sprachsysteme schädlich aufeinander einwirken. Abhängig von der Frequenz der Aktivierung kann ein Sprachsystem über das andere dominieren. Das dominante Sprachsystem wird uns mit der Zeit leichter über die Zunge gehen, während das andere in die Tiefen unseres Gehirns versickert. So werden wir mehr Energie aufwenden müssen, wenn wir einmal darauf zurückgreifen wollen.

Als ich nach Deutschland gezogen bin, sprach ich schlagartig sehr wenig Französisch. Zum einen traf ich kaum französische Muttersprachler und zum anderen hatte ich den Wunsch, voll und ganz in die deutsche Sprache einzusteigen, um sie schnellstmöglich zu meistern. So nahm das Deutsche immer mehr Platz auf Kosten des Französischen ein.

Nach einer Weile sprach ich Deutsch fast so flüssig wie Französisch. Ich betrieb das sogenannte Code-Switching, bei dem man fließend zwischen mehreren Sprachen hin und her wechselt – und das im gleichen Satz. In den Fällen, in denen ich mich nun mit französischen Freunden traf, übersetzte ich plötzlich deutsche Redewendungen wortwörtlich ins Französische. So wurde aus „die Hoffnung stirbt zuletzt“ das befremdlich klingende l’espoir meurt en dernier – obwohl es für den gleichen Sinngehalt das passende französische Sprichwort l’espoir fait vivre gibt. Mittlerweile stelle ich fest, dass es mir schwerfällt, bestimmte französische Wörter korrekt auszusprechen. Auch gelingt mir die Satzmelodie nicht mehr so authentisch. Ich denke, das sind Zeichen dafür, dass mir die musikalische Intonation meiner eigenen Muttersprache verloren geht.

Ne me quitte pas

Wie so schön im populären französischen Chanson Ne me quitte pas gesungen wird, ängstigt mich auch der Gedanke, verlassen zu werden – nicht aber von einer geliebten Person, sondern von einer geliebten Sprache. Im Unterschied zu einer Aphasie, die eine Sprachstörung oder einen -verlust aufgrund einer Gehirnschädigung bezeichnet, ist der Sprachverlust durch Erosion ein ganz anderer Prozess: Die Erosion findet, meiner Meinung nach, auf natürliche Weise statt, wenn eine Sprache die andere immer mehr verdrängt und schließlich zum Verschwinden bringt. Mir stellt sich dabei unmittelbar die Frage: Wie ist eine Sprache im Gehirn gespeichert?

Auch wenn das menschliche Gehirn heutzutage im Fokus der Forschung liegt, sind viele Fragen noch offen. Wir wissen zumindest, dass wir eine komplexe Erinnerungsstruktur besitzen. Abhängig von der Dauer der Informationen wird diese im Kurzzeit- oder Langzeitgedächtnis gespeichert. Das Langzeitgedächtnis wiederum kodiert Informationen auf unterschiedliche Weise, abhängig vom Inhalt: Fakten sind im deklarativen Gedächtnis, die eigene Biographie im episodischen Gedächtnis, das Weltwissen im semantischen Gedächtnis und Abläufe im prozeduralen Gedächtnis. Es ist also gar nicht so leicht, eine Sprache als Ganzes in einem bestimmten Teil des Gedächtnisses zu lokalisieren, da was wir wie lernen ausschlaggebend ist. Hinzu kommt, dass die Erosion der Muttersprache ebenfalls unterschiedliche Auswirkungen haben kann (neurologische, soziologische, psychologische oder psycholinguistische), die unser Erinnern und Vergessen noch komplexer gestalten.

Eine bisher noch nicht erwähnte Alternative zur Erosion der Muttersprache ist die Zweisprachigkeit, auch Bilingualismus genannt. In diesem idealen Fall übernimmt keine der aktiven Sprachen eine derart dominante Rolle, dass sie die andere erstickt.

Das Leben (und Sterben) einer Sprache

Sprache ist lebendig: Wir benutzen sie im Alltag, um mit unseren Mitmenschen zu kommunizieren und in der Welt zu agieren. Nicht nur in unserem Gedächtnis ist Sprache beheimatet, sondern auch in unserem Wesen. Sprache hat eine emotionale Kraft, die von großer Bedeutung ist. Das merken wir beispielsweise, wenn wir aus einer persönlichen Motivation heraus eine zweite Sprache erlernen: Wir lernen für die Liebe, für die Karriere oder, wie in meinem Fall, um die Wurzeln meiner Familie kennenzulernen. Diese Motivationsgründe können von solcher emotionalen Kraft sein, dass sie die natürliche Dominanz einer Muttersprache aushebeln. Umgekehrt ist der Verlust der Muttersprache ein erschütternder Prozess: Wenn wir das verlernen, was wir in unserem Leben zuerst gelernt haben, kann es sowohl psychologische als auch physische Folgen haben. So schrieb schon Aharon Appelfeld: „Ein Mann, der seine Muttersprache verliert, ist krank für den Rest seines Lebens.“

Bevor du es vergisst: Lerne eine neue Sprache.

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