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Weltbekannte Autoren, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben

Welche Autoren schrieben ihre weltbekannten Werke nicht in ihrer Muttersprache? Wir blicken auf fünf internationale Größen der Literatur – und verraten dir auch, welche Schriftsteller einer anderen Muttersprache derzeit lesenswerte Bücher auf Deutsch verfassen.

Artikel von: Thea Bohn

Illustriert von Jana Walczyk

Eine zweite Sprache zu sprechen fühlt sich an, als würde man ein zweites Leben führen. Alle Mühen bezüglich Grammatik, Aussprache und Rechtschreibung seien jetzt mal vergessen. Aber wie ist es eigentlich, in einer Fremdsprache zu schreiben? Wer sind diese Menschen, die eine andere Sprache derart gut beherrschen, dass sie literarische Meisterwerke in dieser Sprache verfassen?

Wir stellen dir fünf Schriftsteller vor, die nicht nur verdammt gute Geschichten erzählen, sondern dies auch noch in einer Sprache tun, die sie erst später im Leben erlernt haben. Wir ziehen unseren Hut vor diesen international bekannten Autoren und wünschen vorab schon mal viel Inspiration bei der nächsten Buchwahl!


Chimamanda Ngozi Adichie (*1977): Die spitzfindige Feministin, geboren in Nigeria, schreibt auf Englisch

Die Bestsellerautorin Adichie ist eine prominente Stimme der zeitgenössischen amerikanischen Literatur. Dabei ist Adichie in den Siebzigern in Nigeria geboren und hat dort studiert, bevor sie für ihr Studium in die USA ging. Bereits in jungen Jahren schrieb sie Kurzgeschichten und Theaterstücke auf Englisch. Ihr bisher bekanntestes Werk Americanah spiegelt ihre eigene Erfahrung als Nigerianerin wider, die aus den USA in ihre Heimat zurückkehrt und sich zwischen zwei Nationen wiederfindet – eine Kennerin beider Kulturen, die sowohl vermittelt als auch aneckt. Adichie ist für ihre scharfen Bemerkungen bekannt; unter anderem hinterfragt sie, wieso Michelle Obama mit geglätteten Haaren auftritt. Auch Beyoncé hat Adichie bereits in ihren Lyrics zitiert.

Milan Kundera (*1929): Der einfühlsame Beobachter, geboren in der Tschechoslowakei, schrieb auch auf Französisch

Fast wäre aus dem weltbekannten Schriftsteller Kundera ein Jazzmusiker geworden. Der 1929 in der Tschechoslowakei geborene Milan wuchs in einer musikalischen Familie auf, lebte zunächst recht konform im Kommunismus und schrieb Gedichte. Schrittweise wendete er sich von der herrschenden Politik ab, bis er während des Prager Frühlings durch seine Erzählungen und Essays zum Vorreiter der Freiheitsbewegung wurde. Mit dem Ende dieser politischen Ära verließ Kundera sein Land und zog nach Frankreich, wo er später zum Staatsbürger wurde. In Frankreich schrieb er jedoch zunächst noch auf Tschechisch, wählte auch als Schauplatz seiner Romane die Tschechoslowakei und als Kernthema zwischenmenschliche Beziehungen, die er im Kontext ihrer Existenz genau beleuchtete. Beispielhaft dafür ist sein bekanntestes Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Unter dem Einfluss Westeuropas verfasste Kundera seine bisher letzten vier Romane auf Französisch – deren Übersetzungen wollte er trotzdem immer genau überprüfen!


Vladimir Nabokov (1899-1977): Der lebensfrohe Exilant, geboren in Russland, schrieb auch auf Englisch

Ohne Frage zählt Nabokov zu den wichtigsten Erzählern des 20. Jahrhunderts. Sein Leben war stark von den Ereignissen seiner Zeit geprägt. So floh er schon im Kindesalter zunächst nach Berlin, dann nach Paris und schließlich in die Vereinigten Staaten. Nabokov publizierte seine ersten Werke teils unter Pseudonym auf Russisch. Diese wurden dann von seinem Sohn ins Englische übersetzt. Als Professor für russische und europäische Literatur an der renommierten amerikanischen Universität Cornell begann Nabokov in den 40er Jahren auf Englisch zu schreiben. Sein ikonisches Werk Lolita bezeichnete er als seine ganz eigene Liebeserklärung an die englische Sprache. Jahre später wollte er sichergehen, dass Lolita korrekt ins Russische übersetzt wird – und tat dies kurzerhand selbst.

Yiyun Li (*1972): Die entschlossene Immigrantin, geboren in China, schreibt auf Englisch

In den Siebzigern in Peking geboren, spielt Yiyun Li heute als preisgekrönte amerikanische Erzählerin eine einflussreiche Rolle in der Literatur- und Filmbranche. Bekannt ist sie nicht nur für ihre fiktiven Werke, sondern auch dafür, dass sie ihr persönliches Schicksal ehrlich verschriftlicht: ihre radikale Absage an China, ihre in den 90er Jahren beginnende, mühsame Immigration in die Staaten und ihre damit zusammenhängenden verzweifelten Selbstmordversuche. Yiyun Li hat kategorisch ihr altes Leben hinter sich gelassen und damit auch ihre Muttersprache – sie weigert sich schlichtweg, auf Chinesisch zu schreiben. Klug reflektiert sie in ihren Werken den Blick von außen auf die englische Sprache.


Joseph Conrad (1857-1924): Der adlige Abenteuerlustige, geboren im Russischen Kaiserreich, schrieb auf Englisch

Conrad wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Sohn einer polnischen Adelsfamilie geboren – und trug bei seiner Geburt den Namen Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski. Früh wurde Conrad Waisenkind und zog nach Frankreich, um Seemann zu werden. Zwar hatte das Leben keine herausstehende Karriere als Kapitän für ihn bereit, umso mehr faszinierte Conrad jedoch das Seemannsgarn, das er später in seinen Werken kunstvoll verarbeitete. Erst in seinen Zwanzigern lernte Conrad aufgrund des Kolonialismus die englische Sprache. Ein Jahrzehnt später begann er auf See auf Englisch zu schreiben. Sein vermutlich bekanntester Roman Herz der Finsternis thematisiert die mühsame Reise in ein fremdes Land; ein Szenario, in dem der seither ikonische Ausspruch „The horror! The horror!“ fällt.

Gerade in Vergleichen mit der Muttersprache und in der erarbeiteten Vertrautheit liegt das Potenzial, mit einer fremden Sprache etwas Neues und Wertvolles zu schaffen.

Dass diese fünf Autoren nicht die Ausnahme sind, wird mit einem schnellen Blick auf die Weltliteratur bestätigt. Ganz im Gegenteil gibt es sogar eine Tradition an Schreibenden, die nicht ihre Muttersprache wählen – und von solchen, die wie René Descartes noch im 17. Jahrhundert teils auf Latein geschrieben haben, wollen wir mal absehen. Eine Tendenz ist sicherlich, dass viele Autoren als fremde Sprache das Englische wählen. Das liegt meist an ihrem jeweiligen Lebensweg, an unserer westlichen Literaturrezeption und selbstverständlich an der Stellung des Englischen als lingua franca. Antonio Tabucchi ist nur ein Beispiel von vielen, die nicht in dieses Raster fällt, da er als gebürtiger Italiener eines seiner Bücher auf Portugiesisch verfasste.

Die Gründe, auf einer Sprache zu schreiben, die nicht die eigene Muttersprache ist, können persönlicher, politischer oder künstlerischer Natur sein. Was diese Autoren auszeichnet, ist, dass ihr Blick von außen auf die Sprache sie künstlerisch tätig werden lässt. Gerade in Vergleichen mit der Muttersprache und in der erarbeiteten Vertrautheit liegt das Potenzial, mit einer fremden Sprache etwas Neues und Wertvolles zu schaffen. Die Frage, ob es besser oder schlechter sei, sich nicht in der Muttersprache auszudrücken, kommt dabei gar nicht auf. Fest steht: Es gibt nicht die eine richtige Art und Weise, eine Sprache zu sprechen – oder in ihr zu schreiben. Wenn du dir aus ganz eigenen Gründen eine fremde Sprache zu eigen machst, dann hast du jedes Recht, dich in dieser Sprache auszudrücken, wie es dir gefällt.

Bonus: Internationale Autoren, die auf Deutsch schreiben

Literatur wirkt als Seismograph unserer Lebensrealität. Nicht zufällig haben wir ein Bedürfnis nach Immigrationsgeschichten, Auseinandersetzungen mit dem Konzept der Heimat oder erzählten Erfahrungen einer globalisierten Welt. Eine Reihe zeitgenössischer Autoren setzt sich in ihren Werken in deutscher Sprache mit diesen Themen auseinander. Wen musst du also kennen, wenn du authentische Erzählungen aus aller Welt auf Deutsch lesen möchtest?

Wladimir Kaminer, russisch-jüdischer Herkunft, wurde quasi über Nacht mit seinen absurd komischen Beobachtungen bekannt, die er als Zugezogener unter anderem auf der Berliner Schönhauser Allee macht. Russendisko ist immer noch ein Muss!

Feridun Zaimoglu ist gebürtiger Türke und preisgekrönter Schriftsteller, der als erster den deutsch-türkischen Sprachgebrauch in Kanak Sprak literarisch auslotete – und unter anderem für Zeitungen und Film schreibt.

Die in Aserbaidschan geborene Olga Grjasnowa ist mit ihrem Debüt Der Russe ist einer, der Birken liebt schnell als aufstrebender Literaturstern gefeiert worden. In ihrem Buch setzt sich mit einer jungen Generation auseinander, die im Durchschnitt mehrere Sprachen spricht, problemlos in ein fremdes Land umzieht, ständig verreist, aber irgendwie nie ankommt.

Abbas Khider ist im Irak geboren. Nach Folter und Gefängnis befand er sich auf der Flucht, bis er in Deutschland Asyl fand. Er studierte und schrieb ausgezeichnete Romane, von denen sein bekanntester vermutlich Die Orangen des Präsidenten ist. Seine eigenen Erfahrungen spiegeln sich in seinen brutal ehrlichen und manchmal menschlich komischen Werken wider.

Saša Stanišić, aus Bosnien und Herzegowina stammend, verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Deutschland. Mit Wie der Soldat das Grammofon repariert begann seine Schriftstellerkarriere als bekannter zeitgenössischer Autor.

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