Sprich Sprachen, wie du es schon immer wolltest

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ICH ♥ GRAMMATIK

Warum ich Grammatik liebe? Weil ohne sie alle Laute, die wir erzeugen, bedeutungslos wären. Mein Liebesbrief an die Kommunikation unter Menschen, in allen seltsamen und wundervollen Arten und Weisen.

Artikel von: Richard Aslan

Grammatik macht mich glücklich. Manche Menschen lieben es, sich mit einem Kitschroman oder Sudoku auf dem Sofa einzumummeln. Ich rolle mich mit einem Grammatikbuch ein. Stellen wir vorher aber erst mal einige Dinge klar: Erstens bin ich kein Dogmatiker – ich verstehe, dass der Konjunktiv Futur II nicht gerade jedermanns Idee von Spaß ist. Zweitens habe ich kein Verlangen, der Grammatikpolizei beizutreten. Meine Liebe ist sehr tolerant – ich genieße Erfindungsreichtum, und ein unschuldiges Komma, das falsch platziert wurde, bringt mein Blut nicht zum Kochen. Unorthodoxe Grammatik kann wahnsinnig kreativ sein. In einfühlsameren Zeiten war es Shakespeare freigestellt, Wörter zu erfinden – laughable („lachhaft“) wurde das erste Mal im Kaufmann von Venedig niedergeschrieben und fashionable („modisch“) in Troilus und Cressida – von konsequenter „Rechtschreibung“ fehlt übrigens jede Spur. Die Wörter sind immer so geschrieben, wie es Shakespeare gerade passte, und weichen teilweise auch im selben Text voneinander ab. Auch zahlreiche Wörter in der deutschen Sprache verdanken wir dem Erfindungsgeist derer, die sich nicht von grammatischen Restriktionen einschränken ließen – zum Beispiel das Wort Erfindergeist, das auf das Konto von Schiller geht. Sicherlich hast du dich beim Lesen des vorherigen Satzes nicht groß an dem Wort gestört und warst nicht ganz entnervt davon – entnervt ist übrigens noch ein Wort, das Schiller „erfunden“ hat.

Ohne Grammatik sind die Laute, die wir machen, bedeutungslos. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn du das Gesagte verstehst, ist die Grammatik gut. „Richtige Grammatik“ lässt sich weniger damit vergleichen, das richtige Messer und die richtige Gabel während eines feinen Essens auszuwählen. Die Grammatik ist eher das gesamte Wesen der Dinnerparty – Tische, Stühle, Servietten und die anbetungswürdige Mousse au Chocolat inbegriffen.

Eine ungewöhnliche Liebe

„Wir müssen das glückliche Stadium unserer Entwicklung erreichen, wenn Unterschiede und Vielfalt nicht als Quellen für Spaltung und Misstrauen genutzt werden, sondern für Stärke und Inspiration.“
– Josefa Iloilo, ehemaliger Präsident von Fidschi

Als Kind war mein Lieblingstier das Schnabeltier, und als meine Mutter mich fragte, wohin ich gerne in die Ferien fahren würde, sagte ich: „Lesotho!“ (Wir sind dann doch nach Cornwall gefahren.) Ich nehme darum an, dass ich eine angeborene Neigung zum Seltsamen und Wundervollen habe – und während jede Sprache faszinierend sein kann, liebe ich die am meisten, die für die westliche Welt etwas fremder sind. Ich kann mich für Deutsch erwärmen, aber gib mir Amharisch, Warlpiri, Ainu oder Mapudungun und ich platze vor Freude.

Selbstverständlich? Selbstverständlich nicht!

Die weniger bekannten Landschaften des menschlichen Geistes stellen alles in Frage, was wir als „universell“ ansehen, und belohnen uns mit schier unüberschaubarer Vielfalt. Nehmen wir „grundlegende“ Unterscheidungen wie eine Sache versus mehr als eine Sache: Hund versus Hunde, Gans versus Gänse, Gabel versus Gabeln, das Messer versus die Messer und Kaktus versus Kakteen – wenn dir beim Lesen aufgefallen ist, dass deutsche Pluralformen ein ziemliches Kuddelmuddel sind, sorge dich nicht, es geht an dieser Stelle nicht um die Form, sondern um die Bedeutung. Zwischen einer und mehreren Sachen zu unterscheiden ist doch sicher universell, richtig? Falsch! Zahlreiche Sprachen auf der Welt machen gar keine grammatische Unterscheidung – das japanische 犬 (inu) ist ein „Hündchen“ im Singular genauso wie eine ganze kläffende Horde.

Andere Sprachen fügen weitere Kategorien hinzu. In der Antike hatten viele Sprachen spezielle duale Formen, also, um zwei von etwas zu beschreiben: Altenglisch hatte drei Wörter für die zweite Person („du“): þū ([thu] ausgesprochen) für eine Person, ġit für zwei Menschen und ġē für drei oder mehr. Modernes Arabisch und Slowenisch haben immer noch spezielle Formen für Paare. Manche pazifischen Sprachen fügen eine Kategorie für drei Dinge hinzu und Sprachwissenschaftler diskutieren noch darüber, ob Marshallesisch eine Form für vier Sachen hat.

Walisisch geht das Ganze anders an: Dinge, die normalerweise alleine zu finden sind, bekommen Pluralendungen und andersherum: sêr sind „Sterne“, seren „ein Stern“, coed bedeutet „Wald“, wohingegen coeden „ein Baum“ ist.

Andere Sprachen sind einfach nur wild; Nivkh, das an den Flüssen Amgun und Amur in Sibirien gesprochen wird, hat komplett andere Zahlen, je nachdem, was du zählst:

  • men für zwei Menschen
  • merax für zwei dünne, flache Objekte wie beispielsweise Blätter
  • mirš, um Paare wie Handschuhe oder Skier zu zählen
  • mer für Dinge, die in Bündeln oder Ladungen auftreten wie zum Beispiel getrockneter Fisch
  • mor für Tiere
  • mim für Boote

Es ist verlockend, anzunehmen, dass diese augenscheinlichen Kuriositäten nur ungewöhnliche Ausnahmen einer sinnvollen Norm sind, aber in Wahrheit zeigen fast alle grammatischen Unterschiede eine wundervolle Vielfalt auf. Wilder Überschwang, so scheint es (an Sprachen, Haarschnitten und Evolution), ist einfach der Lauf der Dinge.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mögen wie fundamentale Konzepte erscheinen, aber dennoch ziehen viele Sprachen, einschließlich dem Altenglischen, eine simplere Grenze zwischen Vergangenheit und Nicht-Vergangenheit, andere zwischen Gegenwart und Nicht-Gegenwart.

Malaiische Verben vernachlässigen dagegen die Zeitformen komplett und konzentrieren sich stattdessen darauf, ob eine Aktion zufällig oder absichtlich, freiwillig oder unter Zwang ausgeführt wurde.

Am anderen Ende des Spektrums haben die australischen Pama-Nyunga-Sprachen Zeitformen für die weit entfernte Vergangenheit; die kürzliche Vergangenheit; Dinge, die letzte Nacht passiert sind; Dinge, die heute passiert sind; jetzt; die nahe Zukunft und die ferne Zukunft.

Nehmen und Geben auf Japanisch, Javanisch und Koreanisch wird anhand einer Matrix von Beziehungen zwischen den Sprechern und Hörern ausgedrückt, während Navaho-Sprecher entsprechend der Objekte, die ausgetauscht werden, verschiedene Verben verwenden – flache Gegenstände, weiche Gegenstände, kleine und runde Gegenstände, schmale und steife Gegenstände und sieben andere diskrete Kategorien. Ich könnte so weitermachen, aber, keine Angst, ich werde es nicht tun.

Für alle, die mehr wollen

„Der größte Feind der Kreativität ist die Vernunft.“
– Pablo Picasso

Manche Menschen können sich mit passiver Bewunderung nicht zufrieden geben — du liebst Kuchen? Warum machst du nicht deinen eigenen? Es gibt Menschen, die Grammatik so lieben, dass sie ihre eigene Sprache erfinden!

Erfundene Sprachen sind nichts Neues – obwohl sie anfangs meist göttlicher Inspiration zugeschrieben wurden. Im 12. Jahrhundert schrieb die Benediktinerin Hildegard von Bingen wissenschaftliche Texte und auch Lieder in einer Sprache, die sie scheinbar erfunden hatte, der Lingua Ignota – lateinisch für „unbekannte Sprache“. Die henochische Sprache im 16. Jahrhundert erhob ebenfalls einen Anspruch auf göttliche Ursprünge – die selbstverständlich von Engeln überliefert wurde, und noch dazu aus einer Zeit lang vor dem Turm von Babel. Höchstwahrscheinlich wurde sie entweder von dem englischen Hofastrologen John Dee oder seinem engen Mitarbeiter Edward Kelley erfunden. Viele religiöse Traditionen befassen sich, auch heute noch, mit der spirituellen Praxis des spontanen Erfindens von Sprache – Glossolalie, also das in Zungen reden.

Das Erfinden von Sprache ist aber nicht immer an Mystik gebunden. Heutzutage stehen Conlangs (constructed languages) meist dann im Mittelpunkt, wenn ein neuer Tolkien-Film rauskommt (J. R. R. hat sich Mittelerde als Habitat für seine Elbensprachen ausgedacht, nicht andersherum) oder jemand in Hollywood so etwas wie Na’avi für Avatar in Auftrag gibt.

Es gibt schrecklich wenige Möglichkeiten, mit erfundenen Sprachen Geld zu verdienen, und es ist nicht gerade ganz oben auf der Liste der Dinge, die deinen Coolness-Faktor erhöhen – darum tun es die meisten zum Spaß. Es ist eine hochspezialisierte Disziplin – die Conlang-Facebook-Gruppe hat 2000 Mitglieder, während die Avatar-Fanseite über 35 Millionen Gefällt mir-Angaben hat. Die Motive von Conlangern sind sehr verschieden – manche erfinden Sprachen für internationale Kommunikation, wie Esperanto, immer noch eine Cause célèbre 125 Jahre nach ihrer Erfindung. Andere philosophieren über alternative historische Szenarien, wie das Scheitern der normannischen Invasion Großbritanniens im Jahre 1066. Manche erfinden Grammatiken für mythische Spezies an wundervollen Orten, andere für Zivilisationen von Außerirdischen in fernen Welten.

Wenn man einmal die Conlang-Facebook-Gruppe durchkämmt, stößt man schnell auf einige sehr clevere und persönliche Bemühungen. Veronicas Conlang Minahi wurde ursprünglich als Code für ein geheimes Tagebuch erfunden. Es wuchs mit ihr bis ins Erwachsenenalter mit und jetzt hat sie es sogar ihren Kindern beigebracht. Casey hat Tulaupo kreiert, indem sie Cherokee und Spanisch gemischt hat. Es ist eine Artlang (artistic language), die sie erfunden hat, um Linguistik zu verstehen. Owens neueste Sprache heißt Başa Sarcay. Er hat sie für eine komplizierte, erfundene Welt ins Leben gerufen – ein Beispiel von Conworlding. Vinícius erfand Smhábbi – „meine Sprache“ – noch sehr jung, um einer Leidenschaft für Sprachen zu frönen, die mit Lehrbüchern nicht zu befriedigen war. Lorinda hat Shshi geschaffen, eine Sprache, die von intelligenten Termiten in ihren Science-Fiction-Romanen gesprochen wird.

Es gibt auch Beispiele aus der Welt der Musik. In den 1980ern sang Lisa Gerrard von Dead Can Dance fließend in ihrer eigenen, erfundenen Sprache, und der Text zu Urban Trads Sanomi, den belgischen Teilnehmern des Eurovision Song Contest 2003, wurde in einer konstruierten Sprache geschrieben. Jónsi, Sänger der isländischen Post-Rock-Band Sigur Rós mischt Isländisch und Englisch mit seiner eigenen Sprache: Hopelandish.

„Ich denke, wie viel Köpfe, so viel Sinne und ebenfalls, wie viel Herzen, so viel Arten von Liebe.“
– Leo Tolstoy in Anna Karenina

Wir lieben all das, was uns daran erinnert, dass wir in einer wundervollen Welt leben. All das, was uns inmitten des täglichen Chaos an etwas Vertrautes erinnert. Eiscreme versetzt uns in unsere Kindheit zurück, schnelle Autos bringen uns pure Geschwindigkeit, die unseren Kopf ausschaltet. Ich liebe Grammatik, weil – egal wie offensichtlich alles erschienen mag – sie mich daran erinnert, dass es jenseits des Horizonts Orte gibt, an denen nichts als selbstverständlich gesehen werden kann.

Dieser Artikel wurde zuerst in Perdiz #2 veröffentlicht.

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