Familiensprache als Herausforderung ― Großeltern und Enkel mit unterschiedlichen Muttersprachen

Beherrschst du eine andere Muttersprache als Deutsch? Dann ist das auch eine Chance für deine Enkelkinder!
12/11/2019
Familiensprache als Herausforderung ― Großeltern und Enkel mit unterschiedlichen Muttersprachen

Die Sommerferien sind für Großeltern und Enkel gleichermaßen eine besondere Gelegenheit, um mehr Zeit miteinander zu verbringen. Wenn Großeltern eine andere Sprache als ihre Enkel sprechen, sind die schulfreien Wochen eine ideale Gelegenheit, um Kultur- und Spracherbe spielerisch nahe zu bringen. Wir wollen im Folgenden ein paar Tipps vorstellen, wie du deine Enkel dazu anleitest, ihre Herkunft zu erforschen und sie dabei mit der Muttersprache ihrer Vorfahren bekannt zu machen.

Überforderung oder Kulturverlust? So führst du Kinder an eine andere Sprache heran

Multilinguale Erziehung bringt faktisch eine beeindruckende Anzahl an Vorteilen mit sich. Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen mehrere Sprachen gesprochen werden, entwickeln Fähigkeiten, die ihnen beruflich und persönlich große Vorteile bringen. Kinder erwerben die Kompetenz, komplexe Klangstrukturen, unterschiedliche Intonationen und grammatische Regeln zu verinnerlichen. Fest steht, dass das Lernen von zwei oder sogar drei Sprachen in der Kindheit keine Sprachstörung verursacht.

Ganz im Gegenteil, dieses multiple Lernen fördert die Elastizität des Gehirns und seine Fähigkeit verschiedene Arten von Informationen zu verarbeiten. Für die besten Ergebnisse kann das Lernen einer zweiten Sprache von Geburt an beginnen, oder sogar davor. Eltern wie Großeltern spielen dabei eine große Rolle, insbesondere wenn sie eine andere Muttersprache als Deutsch beherrschen. Durch unsere Ratschläge können deine Enkel ihre Leidenschaft für mehrere Sprachen finden. Hier sind einige Tricks um es euch einfacher zu machen.

Essen mit der Familie

Essen: Ein exzellentes Mittel um deine Enkel für deine Muttersprache empfänglich zu machen

Um deine Enkelkinder auf den Geschmack einer Sprache zu bringen, musst du zuerst ihre Neugier auf die Kultur wecken. Und zu diesem Zweck ist nichts so gut wie … ein typisches Gericht! Regionale Küche ist ein Kulturerbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Nichts lädt mehr zum Entdecken einer Kultur, Region oder Sprache ein. Abgesehen davon, dass ihr beim Kochen Zeit miteinander verbringt, erlaubt es euch, die Herkunftsregion der Zutaten zu entdecken, die Geschichte dieses oder jenes Gerichtes zu erzählen, oder die landeseigene Esskultur zu schildern. Scheue dich nicht gemeinsam mit deinen Enkelkindern zu kochen, ihnen Rezepte zu zeigen und sie bei der Vorbereitung helfen zu lassen um ihr Interesse anzuregen.

Ein weiterer Vorteil: Das Kochen ermöglicht es Kindern auch, neue Worte in eurer Sprache zu lernen. Die Namen von charakteristischen Gerichten oder Zubereitungsmethoden sind oft eng mit der Kultur verbunden, in der sie entstanden sind. Und sie haben normalerweise keine Übersetzung. Unsere Illustration zeigt es schon: Egal ob in Deutschland oder England oder Vietnam, bò bún bleibt bò bún! Ob in Spanien oder nicht, paella bleibt paella. Fange doch mit etwas einfachem wie Früchten und Gemüse an: Diese Begriffe aus deiner Muttersprache laut zu sagen, hilft Kindern ihre Aussprache zu verbessern und zu verstehen wie Worte gebildet werden.

Erzählungen und Geschichten, die die Fantasie deiner Enkelkinder anregen

Eine weitere Möglichkeit um das Interesse deiner Enkelkinder an deiner Muttersprache zu wecken: Erzähl ihnen Geschichten!

Märchen helfen Kindern nicht nur beim Einschlafen. Sie regen ihre Fantasie an, versetzen sie in andere Welten und lassen sie die Geographie eines Landes entdecken. Versuch dich daran zu erinnern, welche Geschichten man dir erzählt hat, als du klein warst, insbesondere die aus deinem Herkunftsland. Erzählungen sind ein exzellentes Mittel um neue Begriffe einzuführen und neue Übersetzungen zugänglich zu machen.

Du bist ursprünglich aus dem Iran? Warum nicht die Heldentaten von Amir Arsalan schildern oder die Reise des Kleinen Schwarzen Fisch? Du hast marokkanische Wurzeln? Erzähl die Geschichten von Mahboul dem Weisen oder der Königin der Wahrheit. Du kannst sogar versuchen Wörter in deiner Muttersprache und Deutsch zu vermischen, um deinen Enkeln das Verständnis zu erleichtern.

Über den kulturellen Nutzen hinaus eignen sich Geschichten dazu Kindern positive Werte zu vermitteln, indem sie zwischen gut und böse, wahr und falsch unterscheiden. Falls du nicht die Zeit hast deinen Enkeln Geschichten zu erzählen oder du keine kennst, kannst du sie Hörspiele hören lassen, egal ob sie auf deiner Muttersprache oder auf Deutsch erzählt werden.

Großeltern spielen

Quiz und Rätsel: Geh die Sprache spielerisch an

Vor einigen Jahren noch wurde das spielerische Lernen von Bildungseinrichtungen kritisch betrachtet. Heute ist es ein Konzept, das vollständig von der Erziehungswissenschaft anerkannt wird. Unabhängig davon wie alt deine Enkel sind oder wie sehr sie sich für deine Muttersprache interessieren können sie auf spielerische Weise solide sprachliche Kenntnisse und Reflexe erlangen. Zum Beispiel kannst du im Alltag Quizfragen zur Bedeutung von Worten aus deiner Muttersprache einbauen. Du kannst eine Partie Scrabble in deiner Muttersprache planen oder ein Spiel organisieren, das sich um Übersetzungen dreht. Es gibt so viele Möglichkeiten! Deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vergiss nicht Abwechslung reinzubringen und belohne gute Antworten und Siege. Im Internet es gibt es eine ganze Reihe von Spielen rund ums Sprachenlernen. Zögere nicht sie zu gebrauchen!

Achte auf vorsichtige Korrekturen, wenn deine Enkelkinder Fehler machen. Du solltest sie nicht für Fehler bestrafen. Sei pädagogisch, lass sie wiederholen und gib präzise Hilfestellung um das Verständnis zu vereinfachen. Das Lernen einer Sprache ist vor allem eine Angelegenheit von Emotionen und Erinnerungen. Je schöner die Erinnerungen sind, die eine Sprache bei deinen Enkeln hinterlässt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ihre Sprachkenntnisse vertiefen wollen.

Sei du selbst und lass deine Instinkte für dich sprechen

Es ist völlig normal sich instinktiv in seiner Muttersprache auszudrücken! Der Verstand fühlt sich am wohlsten in der Sprache, die ihn geformt hat. Wenn dir ein deutscher Begriff entfällt oder du einfach nicht weißt, wie man einen Gedanken auf Deutsch ausdrückt, dann sag es in deiner Muttersprache. Selbstverständlich übersetzt du dann für deine Enkel und lässt sie nachsprechen. In Allgemeinen kommt die Muttersprache vor allem in stressigen, schmerzhaften oder sehr emotionalen Momenten hoch. Das sind linguistische Reflexe aus der frühen Kindheit. Dieser Prozess ist völlig natürlich und trägt dazu bei, mit deinen Enkeln eine zweite Kultur zu teilen, von der sie stark profitieren können.

Seine Muttersprache an die nächste Generation weiterzugeben ist nicht immer einfach. Man braucht eine gemeinsame Sprache für Erklärungen und um das Lernen in Gang zu setzen. Schließlich kommt es, ganz unabhängig von allen Bemühungen, nur auf das Kind an. Nur das Kind kann entscheiden, ob es seine Kenntnisse in einer Sprache verbessern will, die vielleicht von seiner Umwelt als „uninteressant“ erachtet wird. Denk immer daran, dass das Ziel nicht darin besteht perfekt bilinguale Kinder großzuziehen, sondern ihr Interesse an ihrer Herkunft zu wecken und ihre Neugier auf deine Sprache anzuregen.

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Martin des Brest
Neben seiner Begeisterung für neue Technologien, Wirtschaft, Politik und Kultur im Allgemeinen, besitzt Martin vor allen Dingen eine unstillbare Neugier. Er hat in der Kommunikationsbranche und im Journalismus gearbeitet und in Dublin und Paris gelebt, um sich schließlich mit seiner eigenen Kommunikationsagentur in seinem Heimatort Limoges in Frankreich niederzulassen .
Neben seiner Begeisterung für neue Technologien, Wirtschaft, Politik und Kultur im Allgemeinen, besitzt Martin vor allen Dingen eine unstillbare Neugier. Er hat in der Kommunikationsbranche und im Journalismus gearbeitet und in Dublin und Paris gelebt, um sich schließlich mit seiner eigenen Kommunikationsagentur in seinem Heimatort Limoges in Frankreich niederzulassen .

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