Sprich Sprachen, wie du es schon immer wolltest

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Räumen wir mit ein paar Mythen um zweisprachige Erziehung auf!

Hemmt oder fördert eine zweite Muttersprache die geistige Entwicklung? Wir sehen uns einige wissenschaftliche Untersuchungen zu Zweisprachigkeit genauer an und trennen Fakten von Fiktion.

Artikel von: Katrin Sperling

Es gibt viele gute Gründe dafür, Kinder zweisprachig zu erziehen: Vielleicht lebst du in einer mehrsprachigen Gemeinschaft, möchtest die zukünftigen Jobaussichten deiner Kinder verbessern, oder du und dein Partner kommen aus verschiedenen Ländern und ihr wollt, dass euer Kind von beiden Kulturen geprägt wird. Abgesehen von kultureller Bereicherung bietet das Lernen von mehr als einer Sprache auch einen kognitiven Nutzen: Zweisprachige Personen haben Vorteile beim Erledigen von Aufgaben, die selektive Aufmerksamkeit erfordern, und können darum besser Probleme lösen, bei denen sie ihre Aufmerksamkeit fokussieren, hemmen und verlagern müssen. Laut aktueller Theorien erfordert das Sprechen zweier Sprachen nämlich selektive Aufmerksamkeit, um die gegenseitige Beeinträchtigung der Sprachen zu minimieren und ihren angemessenen Gebrauch zu gewährleisten. Diese die Sprache betreffende selektive Aufmerksamkeit fördert dann wiederum die Entwicklung von Kontrollprozessen anderer Handlungen.

Im Angesicht dieser Vorteile sind sich die meisten von uns einig, dass es eine gute Sache ist, Kinder zweisprachig zu erziehen – „ja, klar“! Aber mal Hand aufs Herz: Es ist nicht gerade einfach, Kinder großzuziehen. Darum werden zwischen all den täglichen Anstrengungen und Freuden der Kindererziehung und den Ratschlägen von Familie, Freunden, Lehrern und sogar vollkommen Fremden dann doch einige Zweifel geweckt.

„Vielleicht verwirrt diese Mischung von Sprachen deine Kinder. Lass es lieber sein.“ „Ich habe mal gehört, dass – wenn du deine Tochter zweisprachig erziehst – sie von all dem Input überfordert wird und erst viel später zu sprechen anfängt.“ „Dein Sohn hat doch schon Probleme in der Schule, und du machst es ihm umso schwerer, wenn du ihm zwei Sprachen aufzwingst.“

Und so wird dein „ja, ich will mein Kind auf jeden Fall zweisprachig erziehen“ ganz schnell zu einem „ich weiß nicht genau, vielleicht ist es doch keine so gute Idee…“ Nun, wir finden zwar, dass es sich auf jeden Fall lohnt, Kinder zweisprachig großzuziehen, aber wir wollen dir nicht noch mehr unverlangte Meinungen aufdrücken. Deswegen haben wir uns statt bloßen, gut gemeinten Ratschlägen wissenschaftliche Fakten angesehen. Einige Untersuchungen räumen mit ein paar Mythen über zweisprachige Erziehung auf und zerstreuen die Bedenken.

Der erste Mythos: „Dein Kind wird mit zwei Sprachen auf einmal überfordert sein und wird deswegen erst später anfangen zu sprechen.“

Wenn der gleichzeitige Erwerb von zwei Sprachen die Aufnahmefähigkeit eines sich normal entwickelnden Kindes überfordern würde, könnte man eine Verzögerung der Sprachentwicklung von Kindern erwarten, die zweisprachig aufwachsen – im Vergleich zu einsprachigen Kindern würden sie später mit dem Sprechen anfangen. Aber wie die folgenden Untersuchungen zeigen, scheint dies weder auf die frühen Phasen, noch die folgenden wichtigen Entwicklungsschritte beim Spracherwerb zuzutreffen.

Eine Untersuchung von Dr. D. Kimbrough Oller, die 1997 im Journal of Child Language erschienen ist, zeigte, dass eine Testgruppe von 73 Kleinkindern in Miami, die gleichzeitig Englisch und Spanisch lernten, im selben Alter zu brabbeln begannen wie einsprachige Kinder. Außerdem haben drei weitere Studien von Fred Genessee (2003), J. L. Patterson & B. Z. Pearson (2004) und L. A. Petitto (2001) gezeigt, dass zweisprachige Kleinkinder zur selben Zeit ihre ersten Wörter hervorbringen wie einsprachige Kinder. Dies trifft nicht nur auf Lautsprachen, sondern sogar auf Gebärdensprachen zu. Bezüglich der Größe des Wortschatzes wurde herausgefunden, dass zweisprachige Kinder tatsächlich häufig einen kleineren Wortschatz haben – aber nur, wenn man jede Sprache einzeln betrachtet. Wenn beide Lernsprachen berücksichtigt werden, wie es L. Bedore 2005 in einer Untersuchung getan hat, wird schnell deutlich, dass zweisprachige Kinder mindestens so viele Wörter kennen wie einsprachige Kinder im gleichen Alter – manchmal sogar mehr. Als Johanne Paradis and Fred Genesee im Jahr 1996 in Montreal Kinder beobachteten, die gleichzeitig Englisch und Französisch erwarben, fanden sie zudem heraus, dass ihre Testpersonen zur selben Zeit anfingen, Wortkombinationen zu bilden wie einsprachige Kinder, nämlich mit 1,5 bis 2 Jahren.

All diese Befunde legen nahe, dass Kinder mit wesentlich mehr sprachlichem Input zurechtkommen, als wir ihnen zutrauen, und dass es sie nicht verwirrt, zwei Sprachen auf einmal zu lernen. Weder ist ihre Entwicklung verzögert, noch kennen sie weniger Wörter als einsprachige Kinder.

Der zweite Mythos: „Wenn dein Kind zwei Sprachen auf einmal lernt, ist es verwirrt.“

Eine andere Befürchtung zweisprachiger Eltern ist, dass ihr Kind nicht versteht, dass es zwei verschiedene Sprachen spricht, und dass demzufolge in seinem Kopf alles durcheinander geht – entweder wird es die Sprachen mischen oder sich nicht entscheiden können, mit wem es welche Sprache sprechen soll. Auch diesbezüglich gibt es selbst für die frühesten Stadien des Spracherwerbs keinerlei schlüssige Beweise.

Verwirrt? Von wegen!

Blagovesta Maneva und Fred Genesee beobachteten bei einer Studie im Jahr 2002, dass sich das Brabbeln eines englisch-französischen Kleinkindes je nachdem veränderte, ob es mit seiner englischsprachigen Mutter oder seinem französischsprachigen Vater kommunizierte. Auch ältere Kinder sind in der Lage, ihre Muttersprachen passend anzuwenden – sogar mit Fremden, die sie gerade erst getroffen haben. Dies wurde in einem Experiment von Liane Comeau untersucht, das 2010 in der Zeitschrift First Language veröffentlicht wurde: In dem Experiment kommunizierten zweisprachige Kinder mit Erwachsenen, die nur eine der Sprachen beherrschten. Sobald die Gesprächspartner den Kindern auf irgendeine Weise anzeigten, etwas nicht verstanden zu haben – selbst mit so allgemeinen Hinweise wie „Was?“ –, wechselten die 2- bis 3-jährigen zweisprachigen Kinder sofort die Sprache.

Kein Kuddelmuddel

Häufig wird berichtet, dass zweisprachige Kinder im Rahmen einer einzigen Unterhaltung zwischen zwei oder mehr Sprachen hin- und herwechseln – in der Sprachwissenschaft wird dies als code switching oder code mixing bezeichnet.

Zunächst muss richtig gestellt werden, dass Kinder tatsächlich nur selten Sprachen mischen: In einer Studie aus dem Jahr 1995 fand Fred Genesee heraus, dass französisch-englische mehrsprachige Kinder aus Montreal im Alter von zwei Jahren durchschnittlich in weniger als 3 % der Fälle Sprachen innerhalb einer einzigen Äußerung vermischten. Diese Ergebnisse wurden später in einer unabhängigen Untersuchung von D. Sauve und Fred Genesee im Jahr 2000 bestätigt, wo code switching in weniger als 4 % der Fälle auftrat.

In mindestens 96 % der Fälle tritt code switching also gar nicht auf, und selbst die übrigen 4 % müssen nicht unbedingt ein Problem darstellen: Während code switching früher kritisch gesehen wurde, wird es heutzutage als normaler und natürlicher Effekt von zwei- und mehrsprachigem Sprachgebrauch betrachtet. In einem mehrsprachigen Unternehmen wie Babbel sieht man den ganzen Tag Erwachsene, die zwischen Sprachen hin- und herspringen, ohne dass sie für verwirrte und überforderte Opfer ihrer sprachlichen Bildung gehalten werden.

Code mixing kann im Gegenteil sogar als Indiz dafür gesehen werden, dass zweisprachige Kinder sich sehr wohl der grammatischen Regeln in jeder ihrer Sprachen bewusst sind. Dies zeigt sich in der Tatsache, dass die Kinder in den zuvor erwähnten Studien in jeder ihrer Sprachen die grammatischen Regeln befolgten, wenn sie die Sprachen mischten. Zum Beispiel formulierten sie keine Sätze wie „I le like“ („Ich mag ihn“, wobei „Ich mag“ auf Englisch und „ihn“ auf Französisch ausgedrückt wird), da ein solcher Satz durch die Stellung des Prononems le vor dem Verb im Englischen ungrammatisch wäre (nicht jedoch in ihrer anderen Sprache, dem Französischen). Dies zeigt klar und deutlich, dass sich die Kinder der grammatischen Regeln in beiden Sprachen bewusst waren und dass sie diese Regeln nicht von einer Sprache auf die andere übertragen hatten, sondern sie getrennt voneinander betrachteten.

Der dritte Mythos: „Wenn dein Kind Entwicklungsstörungen oder Lernbehinderungen hat, macht das Lernen einer zweiten Sprache ihm alles nur noch schwerer.“

Es ist ganz natürlich, dass man befürchtet, seine Kinder zu überfordern, wenn sie ohnehin schon Probleme in der Schule haben, aber trotzdem sollte man sie nicht unterschätzen.

Kinder mit Lernbehinderungen

Forschungen von Frank Genesee aus dem Jahr 1976 zeigten, dass Schüler mit Lernschwierigkeiten in einem französisch-englischen Schulprofil keine schlechteren Leistungen erbrachten als vergleichbare Kinder in einem einsprachigen, englischen Schulzweig. Im Gegenteil: Sie profitierten von dem mehrsprachigen Programm durch verbesserte Französischkenntnisse und ihre Leistungen beim Hörverständnis und Sprechen ihrer zweiten Sprache waren sogar vergleichbar mit Kindern, die keine Lernbehinderung hatten.

Kinder mit SSES

Von einer Spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES) ist dann die Rede, wenn sich die Sprache eines Kindes untypisch entwickelt, die Schwierigkeiten aber nicht auf Faktoren wie allgemeine Entwicklungsverzögerungen, physische Missbildungen des Sprechapparates, eine Autismus-Spektrum-Störung, eine erworbene Hirnschädigung oder einen Hörverlust zurückgeführt werden können. In einer diesbezüglichen Untersuchung aus dem Jahr 2003 verglich Johanne Paradis 7- bis 8-jährige zweisprachige Kinder mit SSES mit einsprachigen Kindern mit SSES. Sie fand heraus, dass zweisprachige Kinder gleichwertige Ausprägungen von sprachbezogenen Stärken und Schwächen zeigten wie einsprachige Kinder. Das heißt, dass die zweisprachigen Kinder keinerlei Anzeichen einer Überforderung durch den zusätzlichen sprachlichen Input zeigten.

Kinder mit Entwicklungsstörungen wie dem Down-Syndrom oder einer Autismus-Spektrum-Störung

Zweisprachige Kinder mit Entwicklungsstörungen wie dem Down-Syndrom oder einer Autismus-Spektrum-Störung unterscheiden sich in ihren sprachlichen Fähigkeiten nicht signifikant von Kindern mit den gleichen Beeinträchtigungen, die nur eine Sprache gelernt haben. Dies wurde in mehreren Studien gezeigt, unter anderem von E. K. Bird und anderen (2005) sowie C. Hambly & E. Frombonne (2012).

Und jetzt?

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die meisten der in diesem Artikel zitierten Untersuchungen mit französisch-englischen Kindern unter günstigen Bedingungen in Montreal in Kanada durchgeführt wurden, wo beide Sprachen überaus präsent sind und hohes Ansehen genießen. Solche Bedingungen sind nicht überall vorhanden, und die Erfahrungen von Kindern in zweisprachigen Umgebungen werden sich von Fall zu Fall unterscheiden. Du wirst dein Kind und seine Reaktionen genau beobachten müssen, um zu entscheiden, ob eine zweisprachige Erziehung das Richtige ist. Letztendlich hoffen wir, dass dir dieser Artikel wenigstens ein paar unbegründete Ängste bezüglich zweisprachiger Erziehung nehmen konnte. Die Chancen stehen gut, dass dein Kind Erfolg haben und von deiner Entscheidung enorm profitieren wird.

Du bist nicht zweisprachig aufgewachsen? Keine Sorge, es ist nie zu spät! Lerne jetzt eine neue Sprache!

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