Ist das generische Maskulinum sexistisch?

Stellenbeschreibungen wie „Feuerwehrmann“ oder „Chef“ gelten als Norm, schließen dabei aber Frauen und nicht-binäre Personen aus. Wie sexistisch sind diese Begriffe wirklich?
Frau mit Lederjacke zum Thema, ob das generische Maskulinum sexistisch ist

Im Vergleich zu anderen Sprachen (vor allem im europäischen Sprachraum), stellt sich im Deutschen sehr häufig ein Problem: das generische Maskulinum.

Die Vor- & Nachteile des Deutschen

Mit dem Maskulinum ist die männliche Form eines Wortes gemeint, generisch bedeutet, dass dieser maskuline Begriff gemeinhin als allgemeingültiger Oberbegriff, sozusagen als Norm, gesehen wird. Es gibt im Deutschen viele feststehende Begriffe, die auf eine Art und Weise ein Geschlecht suggerieren und dadurch oft als sexistisch gesehen werden.

Das Deutsche hat jedoch auch einen kleinen Vorteil: Im Gegensatz zu romanischen Sprachen muss das Adjektiv nicht an das jeweilige grammatikalische Geschlecht angepasst werden.

Das Problem mit geschlechtsspezifischen Substantiven

Einige geschlechtsspezifische Substantive beziehen sich auf Berufsbezeichnungen wie z. B. „Feuerwehrmann“. Es gibt aber auch noch viele andere Begriffe, wie zum Beispiel die Indefinitpronomen „man“ und „jedermann“. Warum diese Begriffe geschlechtsspezifisch sind, sollte eigentlich ziemlich offensichtlich sein: Alle genannten Beispiele enthalten das Wort „Mann” bzw. „man“.

Im Englischen tritt das Problem besonders häufig bei Berufsbezeichnungen auf (fireman, „Feuerwehrmann”, policeman, „Polizist”) – mit einigen Ausnahmen wie actor/actress („Schauspieler:in”) und steward/stewardess („Flugbegleitung”). Letztere Begriffe werden heutzutage sogar nur noch selten verwendet, da sich mittlerweile die Bezeichnung flight attendant durchgesetzt hat.

Doch macht das generische Maskulinum diese Wörter gleich sexistisch? Nun, ja. Der implizite Sexismus ist ziemlich offensichtlich bei Wörtern, die zur Beschreibung von Berufen verwendet werden: Wenn Berufsbezeichnungen wie „Feuerwehrmann“ oder selbst „Chef“ die Norm sind, suggerieren sie von Natur aus, dass diese Rollen Männern vorbehalten sind – und sich nicht für Frauen oder nicht-binäre Personen eignen.

Natürlich gibt es weibliche Entsprechungen, wie „Feuerwehrfrau“ (selten verwendet) und „Chefin“, aber diese Lösung ist nicht unbedingt die beste. Das liegt zum Teil daran, dass diese Begriffe immer noch geschlechtsspezifisch sind, sodass wieder das Inklusionsproblem auftritt, nur eben in umgekehrter Form. Wieder wird eines der Geschlechter völlig ausgeschlossen. Außerdem ist es schwierig, sie im Plural zu verwenden: Eine Gruppe von Personen als „Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen“ zu bezeichnen, halten viele für umständlich.

Feuerwehrleute zur Veranschaulichung des generischen Maskulinums

Wodurch soll das generische Maskulinum also ersetzt werden?

Glücklicherweise gibt es hierfür eine Lösung: geschlechtsneutrale Begriffe wie „Einsatzkräfte der Feuerwehr“ oder „Feuerwehrleute“ sind simpel, decken alles ab, schließen nicht-binäre Personen mit ein und umgehen das generische Maskulinum. Das Beste daran ist, dass diese Begriffe nicht einmal kontrovers sind. Für das oben erwähnte Problem der englischen Berufsbezeichnungen gibt es bereits viele geschlechtsneutrale Begriffe (doctor, lawyer, artist, engineer). Auch wenn sich einige Leute darüber beschweren, dass die Verwendung von chair („Vorsitzende”) anstelle von chairman eine Art feministische Überkorrektheit darstellt, werden in Wirklichkeit nur einige wenige Ausreißer an den Rest der englischen Sprache angepasst. 

Im Englischen gibt es abgesehen von Berufsbezeichnungen allerdings noch viele andere geschlechtsspezifische Begriffe, wie z. B. mankind („Menschheit”) und manmade („menschengemacht”). Dies sind ebenfalls Beispiele für sexistische Sprache, und zwar aus ziemlich offensichtlichen Gründen – oberflächlich betrachtet scheint ein Wort wie man männliche Personen als die Allgemeinheit zu bezeichnen. Der Begriff man ist jedoch ziemlich abstrakt und die Situation mehrdeutig. Ihn also als sexistisch zu bezeichnen, kann auch zu Gegenwind führen.

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Gemischte Reaktionen

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat dies auf die harte Tour gelernt. Bei einer Bürgerversammlung im Jahr 2018 korrigierte er eine Frau im Publikum, weil sie das englische Wort mankind („Menschheit”) verwendet hatte. 

„Wir bevorzugen peoplekind statt mankind, weil das inklusiver ist”, sagte er daraufhin. 

Dies rief viel Kritik und sogar Empörung hervor, vor allem bei konservativen Reportenden, die Trudeaus Formulierung unter anderem als „tugendhafte, selbstverherrlichende Frömmigkeit” bezeichneten.

Fairerweise muss man sagen, dass auch von der anderen Seite reichlich Kritik kam – denn diese warf Trudeau vor, mansplaining zu betreiben. So nennt man es, wenn ein Mann einer Frau oder mehreren Frauen etwas auf überhebliche Art und Weise erklärt.

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Trudeau behauptete später, dass es sich um einen schlechten Scherz gehandelt habe, was zwar eine Ausrede sein mag, aber durchaus möglich ist, wenn man den Kontext der Bemerkung betrachtet. In jedem Fall löste der Scherz lautstarke Reaktionen aus und schuf einen Präzedenzfall für künftige Debatten über geschlechtsneutrale Sprache. 

Woher stammen Begriffe wie das englische „mankind“ überhaupt?

Es ist schwierig, zu argumentieren, dass ein Wort wie „Feuerwehrmann“ nicht sexistisch ist. Ganz offensichtlich gibt es Feuerwehrleute, die keine Männer sind. Nicht ganz so klar sind die Positionen, wenn es darum geht, ob das englische Wort mankind sexistisch ist.

Die Argumente gegen diese Hypothese sind meist sprachgeschichtlich begründet: Im angelsächsischen Vorläufer des modernen Englisch war mann ein eher geschlechtsneutraler Begriff und ein Autohyponym. Laut dem Sprachwissenschaftler Anthony Koch von der University of Pennsylvania ist ein Autohyponom „ein Wort, das sowohl ein Mitglied einer Kategorie als auch ein Mitglied einer ihrer Unterkategorien bezeichnen kann”. 

Autohyponyme werden häufig für Tiere verwendet – zum Beispiel ist „Schaf” ein Hyponym von Tier, und bezieht sich auf alle Tiere dieser Art, während „Aue” ein Autohyponym ist und sich nur auf weibliche Schafe bezieht.

Das englische Wort mankind leitet sich von dem angelsächsischen Wort mann-cynn ab (wovon jedoch unterschiedliche Schreibweisen zirkulieren). Das Argument lautet also, dass mann geschlechtsneutral sei, weil es sich auf Menschen bezieht, die nicht nur Männer sind, und dass mann-cynn daher ebenfalls geschlechtsneutral sei. (Es ist allerdings auch erwähnenswert, dass die Sprachwissenschaft sich nicht einig ist, ob mann wirklich geschlechtsneutral war, da die historischen Konnotationen dieses Wortes nicht eindeutig sind). 

Natürlich hat diese Argumentation einen großen Fehler: Sprachen entwickeln sich weiter und Bedeutungen ändern sich. Das angelsächsische Wort mann (und sein englischer Nachfolger man) mag sich in der Vergangenheit auf Menschen im Allgemeinen bezogen haben, aber im heutigen Sprachgebrauch bezieht sich man fast ausschließlich auf ein Geschlecht. Daher erben Wörter, die aus man gebildet werden, auch die jeweiligen geschlechtsspezifischen Konnotationen. 

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Die Zukunft der genderneutralen Sprache

Trudeau lag etwas daneben, als er versuchte, den umständlichen, erfundenen Begriff peoplekind zu verbreiten – denn es gibt viele bessere Synonyme für den englischen Begriff, wie mankind, humanity oder sogar einfach people

Damit soll nicht gesagt werden, dass der englische Begriff mankind ein äußerst beleidigendes Wort ist oder dass es sich um eine sexistische Beleidigung handelt – trotz der Schimpftiraden der Personen, die mit Trudeaus Wortwahl nicht einverstanden waren, ist es sicherlich kein Tabuwort, und wenn du es benutzt, wirst du deswegen nicht zwangsläufig kritisiert. Der Begriff ist vielmehr einfach ein bisschen veraltet und es gibt eine Vielzahl an unproblematischeren, nützlichen Begriffen, die du stattdessen nutzen kannst. Genauso ist es auch mit dem generischen Maskulinum allgemein. Schau dich nach Alternativen um, zum Beispiel in diesem Wörterbuch für geschlechtsneutrale Sprache.

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