Russische Städte und ihre Geschichten

Woher bekommen die größten russischen Städte ihre Namen? Wir begeben uns auf eine etymologische Reise.
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ARTIKEL VON Gundula Pohl
Russische Städte und ihre Geschichten

In der Russischen Föderation gibt es etwa 1100 Orte mit Stadtstatus – über 160 davon haben mindestens 100.000 Einwohner. Hinter fast jedem Namen jeder Stadt verbigt sich eine Geschichte. Hier gehen wir einigen davon auf den Grund.

Moskau / Москва

Die Hauptstadt Russlands ist mit mehr als 12 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Europas. Die erste schriftliche Erwähnung der Stadt stammt aus dem Jahr 1147. Als Gründer wird Juri Dolgoruki verehrt, der Mitte des 12. Jahrhunderts den Bau einer hölzernen Wehranlage am Rand seines Herrschaftsgebietes veranlasste und diese nach dem Fluss benannte, an dessen Ufern sie errichtet wurde: der Moskwa. Im Schutz der als Kreml bezeichneten Festung entwickelte sich Moskau zum politischen und religiösen Zentrum Russlands. Der Kreml diente jahrhundertelang den Großfürsten von Moskau und später russischen Zaren als Residenz – genau gesagt bis zur Verlegung der Hauptstadt nach Sankt Petersburg durch Peter I. im 18. Jahrhundert. Seit 1918 ist der Kreml wieder Zentrum der Staatsmacht, seit 1992 Sitz des russischen Präsidenten.

Sankt Petersburg /Санкт-Петербург

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet der russische Zar Peter I. (der Große) eine Stadt im Nordwesten seines Reiches, um seinem Anspruch auf einen Ostseezugang Gewicht zu verleihen. Peter begann mit einer Festung auf einer vorgelagerten Insel, es folgte der Bau einer Stadt an der Mündung des Flusses Newa in den Finnischen Meerbusen. Der Festung gab Peter als Fan der europäischen Kultur den niederländisch nachempfundenen Namen Санкт-Питербурх / Sankt-Piterburch, wenig später erhielten Festung und Stadt den Namen Sankt-Peterburg. Peter I. benannte die Stadt mitnichten nach sich selbst, sondern widmete sie seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus. Mit Beginn des I. Weltkrieges russifizierte man den Stadtnamen in Petrograd (Peterstadt). Zu Ehren des soeben verstorbenen Gründers der Sowjetunion erfolgte 1924 eine erneute Umbenennung in Leningrad. Seit 1991 nennt man die Stadt wieder beim ursprünglichen Namen Sankt-Petersburg. Als Beinamen trägt Piter übrigens den Titel Heldenstadt (город-герой) zur Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg (1941 bis 1945). Die Festung heißt heute Peter-und-Paul-Festung (Петропавловская крепость).

Wladiwostok / Владивосток

Ganz im Osten, am japanischen Meer, liegt die Hafenstadt Wladiwostok. Im 19. Jahrhundert hieß die Stadt Haishen-wie und gehörte zur chinesischen Äußeren Mandschurei. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts weitete das Russische Zarenreich seine Vorherrschaft unter Anderem im Fernen Osten aus und zwang China wiederholt zu Gebietsabtretungen. Haishen-wie wurde 1860 russisch besetzt und erhielt den imperialistischen und bedrohlichen Namen Wladiwostok „Beherrsche den Osten“. Heute leben etwa 600.000 Menschen hier. Seit 1903 endet in der Küstenstadt die Transsibirische Eisenbahn (Transsib), die Moskau mit dem Osten verbindet – zwei Kontinente, sieben Zeitzonen, fast 10.000 Kilometer. 

Nowosibirsk / Новосибирск

Ende des 19. Jahrhunderts begann Zar Alexander III. mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn, die Russland durchziehen und Moskau mit Wladiwostok verbinden sollte. In Westsibirien musste der Fluss Ob überquert werden. Dies geschah in der Nähe des kleines Dorfes Kriwoschtschokowo, das sich aufgrund der Ansiedlung vieler Arbeiter schnell vergrößerte. 1903 erhielt der Ort den Status einer Stadt, die man nun Nowonikolajewsk nannte – nach dem letzten Zaren Nikolaus II. Nach der Absetzung desselben erfolgte auf Wunsch der Einwohner die Umbenennung in Nowosibirsk, frei übersetzt „Neues Sibirien“. Heute ist Nowosibirsk mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Russlands und die größte Sibiriens.

Krasnojarsk / Красноярск

Diese sibirische Stadt liegt am Fluss Jennisei und der Transsib. Im Jahr 1628 gründete ein Kosakenverband (Reiterverband) eine hölzerne Festung, um das wenige Tagesritte entfernte Jennisejsk vor kirgisischen Angreifern schützen zu können. Die Festung bekam den klingenden Namen Krasny Jar, was soviel bedeutet wie „schöner“ oder auch „roter steiler Abhang“. Dieser Name war abgeleitet vom turksprachigen Namen einer Siedlung, die sich früher am gleichen Ort befunden hatte. Angreifende Kirgisen konnten die Festung nicht einnehmen, das Russische Reich sicherte sich in den folgenden Jahren die Vorherrschaft in Sibirien und Krasnojarsk bekam das Stadtrecht verliehen. Mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts war Krasnojarsk nun mit dem Zentrum, Moskau, verbunden und erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Stadt entwickelte sich zum Industriezentrum. Durch die Evakuierung der Zivilbevölkerung während des Großen Vaterländischen Krieges sowie Zwangsdeportationen in Arbeitslager wuchs die Krasnojarsk stetig an – heute ist sie Heimat für beinahe eine Million Menschen.

Perm / Пермь

Anfang des 18. Jahrhunderts stieß man im Uralvorland auf Erzvorkommen. Der russische Staatsmann Wassili Tatschischew gegründete daraufhin am Ufer des Flusses Kama die Stadt Perm. Dieser Name kommt aus der Sprache der Komi-Permjaken, einem finnourgischen Volk, das im Gebiet des Ural siedelte. Er bedeutet „weites Land“ – eine passende Bezeichnung, galt Perm doch als Tor zum „wilden“ Sibirien. In den 1940er und 1950er Jahren trug die Stadt den Namen Molotow, zu Ehren des Stalin-Vertrauten Wjatscheslaw Molotow. Auch Perm war während Sowjetzeiten eine geschlossene Stadt und für Ausländer gesperrt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich hier ein großes Lager für deutsche Kriegsgefangene. Heute ist Perm vorwiegend für seine hohe Kriminalitätsrate bekannt.

Derbent / Дербент

Am Ufer des Kaspischen Meers in der Teilrepubik Dagestan liegt die südlichste und zugleich älteste Großstadt Russlands: Derbent. Ihre Besiedlung (allerdings mit Unterbrechungen) lässt sich bis ins erste Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen – damals als Teil des Königreiches des kaukasischen Albaniens. Die Stadt wurde als wichtiges Handelszentrum im Lauf der Geschichte immer wieder Ziel von Eroberungsfeldzügen und befand sich unter Anderem unter sassanidischer, mongolischer und persischer Herrschaft. Nach einer Besetzung durch das Russische Reich wurde 1813 im Vertrag von Gulistan die Herrschaft des Zaren über Derbent offiziell. Diesen Namen trägt die Stadt übrigens bereits seit dem fünften oder sechsten Jahrhundert. Er ist persischen Ursprungs und bedeutet „verschlossenes Tor“. Derbent war lange Zentrum der Bergjuden, der lokalen jüdischen Bevölkerung Dagestans. Nach dem Zerfall der Sowjetunion emigrierten die meisten Bergjuden nach Israel. In Derbent selbst leben übrigens kaum ethnische Russen. Die meisten Einwohner gehören den Völkern der Lesgier, Aserbaidschanern und Tabassaranen an.

Uljanowsk / Ульяновск

Diese 1648 am Fluss Wolga mit dem Namen Sinbirsk gegründete Stadt nebst Festung diente lange als wichtiger militärischer Stützpunkt im damaligen Osten das Zarenreichs. Sie entwickelte sich zur Handelsmetropole und zu einer der reichsten Städte im Zarenreich – herrschaftliche Gebäude zeugen noch heute von dieser Epoche. 1870 wurde Wladimir Iljitsch Uljanow hier geboren, der spätere Revolutionär und Gründer der Sowjetunion – besser bekannt als Lenin. Kurz nach dessen Tod wurde Sinbirks daher in Uljanowsk umbenannt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfolgte (anders als in Sankt Petersburg) keine Rückbenennung.

Nischni Nowgorod / Нижний Новгород

Etwa 400 Kilometer östlich von Moskau gründete Großfürst Juri II. Wsewolodowitsch im Jahr 1221 eine Stadt. Bei der Namensgebung zeigte man sich wenig kreativ: Nowgorod bedeutet nämlich nichts anderes als „Neue Stadt“. Ein Nowgorod existierte aber bereits in Westrussland. Vermutlich zur besseren Unterscheidung präzisierte man den Namen und nannte die Stadt gemäß ihrer geografischen Lage Niederes Nowgorod. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Nischni Nowgorod zur bedeutenden Handelsstadt, ein zeitgenössisches Sprichwort bezeichnet sie als Tasche Russlands, neben Moskau als Herz und Petersburg als Kopf. 1932 erfolgte die Umbenennung in Gorki (Горький), zu Ehren des in der Stadt geborenen Schriftstellers Maxim Gorki. Ebenfalls in den 1930er Jahren erhielt Gorki aufgrund ansässiger Rüstungsfabriken den Status einer geschlossenen Stadt. Sie durfte nicht von Ausländern besucht werden. Seit 1990 trägt Nischni wieder seinen ursprünglichen Namen und kann problemlos bereist werden.

Engels / Энгельс

1747 entstand der Ort Pokrowskaja Sloboda an der Wolga. Das Wort Sloboda (von russisch свобода (swoboda), „Freiheit“) bezeichnete im mittelalterlichen Zarenreich eine bäuerliche Siedlung, in der kein Frondienst (Sklavenarbeit) geleistet werden musste. Im Jahr 1914 erhielt der Ort den Status einer Stadt, die fortan Pokrowsk genannt wurde. Die Stadt befand sich im historischen Ansiedlungsraum der Wolgadeutschen. Dies waren deutsche Siedler, die Mitte des 18. Jahrhunderts auf Einladung Katharina II. (der Großen) in das Wolgagebiet migrierten. Im Zuge der Gründung der Sowjetunion erhielt ein Teil des historischen Gebietes den Status einer Autonomen Sowjetrepublik, die bis 1941 Bestand hatte. Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik war die Stadt Pokrowsk, die man 1931 in Engels umbenannte – selbstverständlich zu Ehren des deutschen Philosophen und kommunistischen Revolutionärs Friedrich Engels. Die meisten Wolgadeutschen wurden nach dem Deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 in Arbeitslager deportiert, der deutsche Name der Stadt blieb bis heute bestehen.

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