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Die turbulente Geschichte des „Besten Internationalen Films” bei den Oscars

Warum der nicht-englischsprachige Film bei der Oscarverleihung immer noch in einer anderen Liga spielt.
Die turbulente Geschichte des „Besten Internationalen Films” bei den Oscars

Die Schauspieler Tôko Miura und Hidetoshi Nishijima in dem 2021 gedrehten Film „Drive My Car”. Mit freundlicher Genehmigung der Filmfestspiele von Cannes

Die Verleihung der Academy Awards, besser bekannt unter Oscars, ist für Hollywood die Nacht der Nächte. In Amerika würde man wahrscheinlich sogar vom wichtigsten Filmevent der Welt sprechen. Als Bong Joon-ho, der Regisseur des Films Parasite (2019) in einem Interview mit dem Magazin Vulture sagte: „Die Oscarverleihung ist kein internationales Filmfestival, sondern ein ziemlich regionales“, hat das also ziemlich viel Irritation ausgelöst. Dabei hat er damit gar nicht so Unrecht. Im Fokus der Oscarverleihung stehen fast ausschließlich US-amerikanische Filme, alle anderen Ländern werden in eine eigene Nebenkategorie gepresst: Bester Internationaler Film.

Vielleicht kennst du diese Kategorie noch als „Bester fremdsprachiger Film“, wie sie bis 2020 hieß. Das Oscar-Komitee entschied sich für eine Umbenennung, da „ausländisch“ im Gegensatz zu „international“ ausschließend klingt. (Die zentrale Frage hier lautete: „Ausländisch aus welcher Perspektive?“). Die inhaltliche Ausrichtung der Kategorie hat sich jedoch nicht geändert.

Der Blick auf die Kategorie „Bester Internationaler Film“ verrät uns einiges über die US-Sichtweise auf internationale Filme an sich. Und wenn man sich mit den Auswahlkriterien und Gewinnerfilmen der Oscarverleihung auseinandersetzt, merkt man ziemlich schnell, dass die Academy of Motion Picture Arts and Sciences nicht unbedingt die unparteiische Richterin des Weltkinos ist, die sie vorgibt zu sein.

Die Anfänge der Oscarverleihung

Als die Oscarverleihung 1929 zum ersten Mal stattfand, waren internationale Filme in keiner der 12 Kategorien vertreten. Auch fiel das Event – verglichen mit dem heutigen Spektakel – relativ bescheiden aus: Es gab 270 Teilnehmende, die Zeremonie wurde nirgends übertragen und dauerte ganze 15 Minuten (eigentlich eine ganz schöne Vorstellung). Der Gewinner in der Kategorie Bester Film war Wings. (Du weißt schon, der Klassiker Wings, den wir alle kennen … oder auch nicht.) Außerdem fand die Akademie, dass es unfair wäre, Tonfilme mit Stummfilmen in Wettbewerb treten zu lassen, weshalb die sogenannten „talkies“ vom Wettbewerb ausgeschlossen wurden. Es grenzt an ein Wunder, dass es dieses Event nun schon fast ein ganzes Jahrhundert gibt.

Von Anfang an bastelte man kräftig an den verschiedenen Kategorien herum. Nach der Verleihung im Jahr 1929 wurde die Anzahl der Kategorien auf 7 runtergeschraubt. Aber erst 1947 – zu den 20. Academy Awards – spielte erstmals ein internationaler Film eine Rolle. Das geschah jedoch nicht im Rahmen einer offiziellen Kategorie (es gab nicht einmal Nominierungen), vielmehr war es eine Sonderauszeichnung, die von der Akademie vergeben wurde. 

1956 wurde erstmals der Oscar in der Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“ verliehen. (La Strada Das Lied der Straße von Federico Fellini setzte sich gegen vier Konkurrenten durch.) Seitdem gehört die Kategorie, mit kleineren Anpassungen, fest zum Inventar der Oscarverleihung. Die Gewinner werden – wie in allen anderen Kategorien – ermittelt, indem Mitglieder der Akademie die Filme anschauen und für ihre Favoriten stimmen.

Die Auswahl der Nominierten bei der Oscarverleihung

In den vergangenen Jahren wurden die Auswahlkriterien der Akademie genau unter die Lupe genommen und geprüft. In den meisten Kategorien müssen die Filme in den USA veröffentlicht worden sein (die Kategorie Bester Internationaler Film ist die einzige Ausnahme von dieser Regel). Außerdem verlangt die Akademie, dass ein Film zuvor mindestens sieben Tage lang in den Kinos gezeigt wurde, bevor er in irgendeiner anderen Form veröffentlicht wird. (Das ist natürlich als Seitenhieb auf Netflix und andere Streaming-Dienste gedacht.) 

Das Widersprüchliche an der Namensänderung von „ausländisch“ zu „international“ ist die Tatsache, dass Sprache immer noch der entscheidende Faktor für die Zulassung von Filmen in dieser Kategorie ist. Hat ein Film einen zu großen Anteil an englischen Dialogen, – wie im Fall des nigerianischen Films Lionheart (2019) – kann er disqualifiziert werden, obwohl Englisch die offizielle Sprache des jeweiligen Landes ist (wie in Nigeria).

Eine weitere schräge Tatsache ist, dass die Filme von den jeweiligen Ländern eingereicht werden und dementsprechend ein Land den Oscar gewinnt. Als beispielsweise der Film Roma den Oscar erhielt, war also eigentlich ganz Mexiko der Gewinner. Pro Land und Jahr darf jeweils nur ein einziger Film vorgeschlagen werden, was mitunter zu Diskussionen führt, welcher Film es nun am meisten verdient hätte. Auch die Frage, was überhaupt als Land zählt, ist häufig umstritten. Der palästinensische Film Divine Intervention aus dem Jahr 2002 wurde abgelehnt, weil die Akademie Palästina nicht als Land anerkannte. Ups.

Früher gab es zudem die Regel, dass der Film in einer der offiziellen Sprachen des Landes sein musste, das sich mit dem Film bewarb; diese Vorgabe wurde 2006 jedoch abgeschafft. Nicht zulässig sind zudem in den USA produzierte Filme, was auch US-Territorien ausschließt (Puerto Rico darf seit 2011 keinen Film mehr einreichen). Der gesamte Bewerbungsprozess versinkt mittlerweile in Bürokratie und Unstimmigkeiten, was bei Filmschaffenden auf der ganzen Welt für Frustration sorgt.

Kann ein internationaler Film den Oscar für den Besten Film gewinnen? 

In der Geschichte der Academy Awards wurden insgesamt 13 nicht-englischsprachige Filme für die Kategorie Bester Film nominiert. In chronologischer Reihenfolge waren das:

  1. Die große Illusion (1937, Frankreich)
  2. Z (1969, Frankreich)
  3. Emigranten (1971, Schweden)
  4. Schreie und Flüstern (1972, Schweden)
  5. Der Postmann (1994, Italien)
  6. Das Leben ist schön (1997, Italien)
  7. Tiger & Dragon (2000, China)
  8. Letters from Iwo Jima (2006, Japan)*
  9. Liebe (2012, Österreich, Frankreich, Deutschland)
  10. Roma (2018, Mexiko)
  11. Parasite (2019, Südkorea)
  12. Minari (2020, USA)**
  13. Drive My Car (2021, Japan)

*Der Film Babel, in dem ebenfalls andere Sprachen als Englisch vorkommen, war 2006 auch nominiert, verglichen mit den anderen Filmen ist er jedoch relativ amerikanisch, zumal Cate Blanchett und Brad Pitt mitspielen.

**Minari wurde zwar in den USA produziert, der Großteil der Dialoge sind aber auf Koreanisch.

Wir sehen also: Internationale Filme können sich auch für die Kategorie Bester Film qualifizieren. 2020 schrieb Bong Joon-ho schließlich Geschichte, als sein Film Parasite als erster nicht-englischsprachiger Film überhaupt den Oscar für den Besten Film einheimste. Die Antwort lautet also: Ja, internationale Filme können auch in anderen Kategorien gewinnen – aber relativ selten.

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An welche Länder gingen die Oscars für den Besten Internationalen Film?

Auch wenn sich theoretisch jedes Land mit einem Film bewerben kann, gibt es klare Trends, wohin die begehrte Trophäe am häufigsten geht. Von den 74 Filmen, die diesen Oscar bereits gewonnen haben, kamen 58 aus Europa, acht aus Asien, fünf aus Nord- oder Südamerika (nicht USA) und drei aus Afrika. Hier scheint es eine (unbewusste) Voreingenommenheit zu geben.

Auch innerhalb Europas schneiden bestimmte Länder wesentlich besser ab als andere. Italien (14 Oscars) und Frankreich (12 Oscars) führen mit Abstand vor den drittplatzierten Ländern Spanien und Japan (je 4 Oscars). Teilweise ist dieses Phänomen darauf zurückzuführen, dass einige Länder sehr viel mehr Filme eingereicht haben als andere. Jedoch gibt es auch Länder wie Portugal, die es schon dutzende Male probiert und es dennoch nie in die Nominierungen geschafft haben.

Kunst liegt bekanntlich im Auge des Betrachters, deshalb ist es auch so schwer zu sagen, warum gewisse Länder so viel wahrscheinlicher gewinnen als andere. Mehrere Stimmen, darunter auch Steve Rose in einem Interview mit The Guardian, behaupten: Allein die Tatsache, dass es die Kategorie Bester Internationaler Film gibt, führt dazu, dass alle nicht-englischsprachigen Filme in einer ganz anderen Liga spielen als englischsprachige. Obwohl nicht-englischsprachige Filme sich vielleicht für die Kategorie Bester Film qualifizieren können, sind ihre Gewinnchancen eher mau.

Bis heute ist Parasite der einzige nicht-englischsprachige Film, der mit dem Oscar für den Besten Film ausgezeichnet wurde. In Zukunft wird sich zeigen, ob dies einen Trend zu einem internationaleren Kino eingeläutet hat oder eine einmalige Sache bleibt. Aber mal ganz ehrlich: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass englischsprachige Filme schon seit einem Jahrhundert immer die besten Filme der Welt sind? Eher gering. Wenn also Bong Joon-ho die Oscarverleihung als „ziemlich regional“ bezeichnet, dann bezieht er sich damit auf ein System, das englischsprachige Filme immer wieder allen anderen vorzieht. 

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Thomas Moore Devlin
Thomas ist in einer Vorstadt in Massachusetts aufgewachsen und nach New York gezogen, um den krassen Kontrast zu erleben. Er hat Englische Literatur und Linguistik an der New York University studiert und die meiste Zeit seines Studentenlebens damit verbracht, für eine Studierendenzeitung namens Washington Square News zu schreiben. Deshalb ist er auch etwas pedantisch, was Textstandards angeht. In seiner Freizeit liest er gern und regt sich über Tweets auf.
Thomas ist in einer Vorstadt in Massachusetts aufgewachsen und nach New York gezogen, um den krassen Kontrast zu erleben. Er hat Englische Literatur und Linguistik an der New York University studiert und die meiste Zeit seines Studentenlebens damit verbracht, für eine Studierendenzeitung namens Washington Square News zu schreiben. Deshalb ist er auch etwas pedantisch, was Textstandards angeht. In seiner Freizeit liest er gern und regt sich über Tweets auf.

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