Die Inuit-Sprachen: Ein Familienporträt

Die Familie der Inuit-Sprachen: einzigartig, schön und schwer zu erfassen.
Häuser im Schnee zum Thema Inuit Sprachen

Was sind die Inuit-Sprachen und wo werden sie gesprochen? Wenn du den Begriff „Inuit“ schon mal gehört hast, weißt du vermutlich, dass diese Sprachfamilie in der nördlichen Hemisphäre beheimatet ist. Genauer: in Alaska, Nordkanada und Grönland. Wie viele Sprachen genau dazu gehören, ist unklar. Das hängt davon ab, ob wir untereinander verständliche Dialekte als eigenständige Sprachen einstufen oder nicht.

Was sich aber mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass die Inuit-Sprachen in vier Gruppen unterteilt werden. Das sind Inupiaq (Nordalaska); Inuvialuktun (Nordwest-Territorien von Kanada und Nunavut), Inuktitut (Quebec und Labrador) und Kalaalisut (Grönland). Jede Gruppe lässt sich in noch mehr Dialekte unterteilen. Für eine kleine Sprachfamilie ist hier also ziemlich viel los!

Wie viele Menschen sprechen eine Inuit-Sprache?

Insgesamt sprechen nur etwa 100.000 Menschen eine Inuit-Sprache, davon lebt die Hälfte in Grönland. Kalaalisut, auch Grönländisch genannt, ist die Amtssprache in Grönland. Es wird also im öffentlichen Raum verwendet. Aber zu Hause sprechen viele Erstsprachler:innen auch unterschiedliche Dialekte. Kalaalisut ist im Großteil der grönländischen Westküste und rund um die Hauptstadt Nuuk beheimatet. Im Osten (in der Nähe der Siedlung Tasiilaq) herrscht der Tunumiisut-Dialekt vor. Und im Nordwesten (rund um Qaanaaq) ist Inuktun der lokale Dialekt.

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Die zweitgrößte Inuit-sprechende Bevölkerung lebt in Kanada. Hier gibt es etwa 40.000 Sprechende. Die Sprachen lassen sich in zwei größere Untergruppen einteilen: Inuvialuktun und Inuktitut. Beide können wiederum in weitere Dialekte unterteilt werden, die in den nördlichen Territorien und Provinzen Kanadas gesprochen werden.

Und dann haben wir noch den alaskischen Zweig der Inuit-Familie, das Inupiaq. Schätzungen zufolge sprechen rund 3.000 diese Sprache als Erstsprache. Da die meisten Menschen älter als 40 Jahre sind, wird Inupiaq wahrscheinlich in ein oder zwei Generationen ausgestorben sein. 

Wie ähnlich sind sich die Inuit-Sprachen?

Weil die Inuit-Sprachen ziemlich ähnlich sind, können sich Sprechende benachbarter Sprachen und Dialekte häufig verstehen. Das sind gute Nachrichten für alle, die eine dieser Sprachen als Erstsprache sprechen. Aber schlechte für Sprachforschende … Denn dadurch ist es ganz schön schwierig zu sagen, wie viele Inuit-Sprachen es genau gibt. Es gibt einfach keine klaren Grenzen zwischen den einzelnen Sprachen. Bei vielen Sprachfamilien werden Unterscheidungen durch politische Grenzen auferlegt (oder verstärkt). Bei Inuit ist das nicht der Fall. 

Um dir die Ähnlichkeiten zu zeigen, möchten wir ein paar Wörter miteinander vergleichen. In Inupiaq und Inuvialuktun ist „Eisbär“ nanuq. In Inuktitut und Kalaallisut ist es nanoq. In Inupiaq, Inuktitut und Kalaallisut ist „Fluss“ kuuk. In Inuvialuktun ist es kuugaq. Es gibt auch Wörter, die in allen vier Sprachen gleich sind, zum Beispiel das Wort „zehn“ – qulit

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Trotz mancher Ähnlichkeiten sind die Inuit-Sprachen nicht komplett austauschbar. Während Sprechende benachbarter Sprachen miteinander kommunizieren können, nimmt die gegenseitige Verständlichkeit mit der Entfernung ab. Wenn du einen Alaska-Inuit-Sprecher in einen Raum mit einer Grönländisch-Sprecherin steckst, werden sie sich wahrscheinlich nicht verstehen! 

Aber es gibt auch eine ganze Reihe einzigartiger Merkmale, die den Inuit-Sprachen gemein sind. So benutzt Inuit (wie übrigens auch die Maya-Sprachen) ein sogenanntes Basis-20-Zahlensystem, also ein Zwanzigersystem. Weltweit betrachtet, ist das ziemlich ungewöhnlich. Die meisten Sprachen bevorzugen ein Basis-10-System – sprich, unser gutes altes Dezimalsystem. Die Mehrheit der Inuit-Sprachen verwendet außerdem den stimmlosen lateralen Frikativlaut /ɬ/. Zugegeben, das ist ein ziemlicher Zungenbrecher. Du brauchst eigentlich nur zu wissen, dass es sich dabei um einen Konsonanten handelt, der durch Atemreibung entsteht. Dieser Laut ist übrigens einer der ungewöhnlichsten der Welt – es gibt ihn nur in Inuit, Walisisch und Zulu.

Die meisten Inuit-Sprachen teilen sich außerdem ein einheitliches Schriftsystem, eine modifizierte Form des lateinischen Alphabets. Inuktitut (Kanada) hat außerdem eine Reihe von speziellen Silben, wobei ein Symbol für eine Silbe steht. Das Besondere an diesem Schriftsystem ist, dass es sich nicht organisch im Laufe der Zeit entwickelt hat, sondern gezielt entwickelt wurde. Die derzeitige standardisierte Version wurde in den 1970er Jahren abgesegnet.

Sind die Inuit-Sprachen mit irgendeiner anderen Sprache verwandt?

Da Inuit so isoliert vom Rest der Welt ist, könnte man leicht annehmen, dass es eine ganz eigene Sprachfamilie ist. Tatsächlich aber ist Inuit eine Untergruppe der größeren eskimo-aleutischen Sprachfamilie (auch Eskaleutisch genannt). Diese Sprachfamilie hat zwei Zweige: Das Aleutische besteht aus nur einer lebenden Sprache und wird auf den Aleuten und den Pribilof-Inseln gesprochen, einer Inselgruppe zwischen Alaska und Russland. Der andere Zweig ist die Eskimo-Familie, die sich in Yupik und – du ahnst es schon – Inuit unterteilt. Die Yupik-Sprachen werden im Südwesten Alaskas und auf der anderen Seite der Beringsee, in der Region Tschukotka in Russland, gesprochen.

Darüber hinaus gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass die eskimo-aleutischen Sprachen mit anderen Sprachfamilien verwandt sind. Interessanterweise scheinen diese Sprachen nicht einmal mit den übrigen nativen Sprachen Nordamerikas verwandt zu sein. Trotzdem glauben einige, dass die eskimo-aleutischen Sprachen entfernt mit dem Uralischen verwandt sein könnten, weil es einige Ähnlichkeiten zwischen Kalaalisut (Grönländisch) und Finnisch gibt. Aber wie so oft der Fall in der faszinierenden und komplexen Welt der Sprachwissenschaft: Wir werden es wohl nie ganz genau wissen.

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Sam Wood

Sam ist ein veganer Reiseblogger, freiberuflicher Autor, Social-Media-Manager, ehemaliger Englischlehrer, Linguist und gelegentlicher Gastdozent aus London, der jetzt in Berlin lebt. Ihn fasziniert die Phonetik der vielen Englischvarietäten aus der ganzen Welt, sowohl aus pädagogischer als auch aus historischer Sicht. Außerdem spricht er Deutsch, Spanisch und Französisch sowie ein paar Brocken Schwedisch, Mandarin, Arabisch und Japanisch. In seiner Freizeit schaut er gerne Star Trek, macht Yoga, backt leckere vegane Kuchen und tritt als Drag Queen auf.

Sam ist ein veganer Reiseblogger, freiberuflicher Autor, Social-Media-Manager, ehemaliger Englischlehrer, Linguist und gelegentlicher Gastdozent aus London, der jetzt in Berlin lebt. Ihn fasziniert die Phonetik der vielen Englischvarietäten aus der ganzen Welt, sowohl aus pädagogischer als auch aus historischer Sicht. Außerdem spricht er Deutsch, Spanisch und Französisch sowie ein paar Brocken Schwedisch, Mandarin, Arabisch und Japanisch. In seiner Freizeit schaut er gerne Star Trek, macht Yoga, backt leckere vegane Kuchen und tritt als Drag Queen auf.