Die Sapir-Whorf-Hypothese, oder: Bestimmen Sprachen unsere Sicht der Welt?

Beeinflusst die Sprache, die du sprichst (oder mit Babbel lernst) deine Wahrnehmung der Welt?
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ARTIKEL VON Chris Chriv
Die Sapir-Whorf-Hypothese, oder: Bestimmen Sprachen unsere Sicht der Welt?

In dem auf dem Roman von Ted Chiang basierenden Film Arrival von Denis Villeneuve versucht eine Sprachwissenschaftlerin, die Sprache von Außerirdischen, die auf der Erde gelandet sind, zu entschlüsseln.

Die überraschende Wende tritt ein Achtung, Spoiler! –, als die Sprachexpertin herausfindet, dass die Außerirdischen im Gegensatz zu den Menschen die Formen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig benutzen! Die Sprache der Außerirdischen zu beherrschen würde den Menschen demnach die Möglichkeit bieten, das Universum aus einer völlig neuen Perspektive zu verstehen und Zeit als nicht-lineares Konzept wahrzunehmen, was nicht nur in eine Richtung verläuft.

Die Idee, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Sprache und Denkweise einer Gesellschaft gibt, ist keineswegs neu.  Dank der Forschungsarbeit von Edward Sapir (Linguist und Anthropologe) und Benjamin Lee Whorf (sein Student, der sich sehr für mesoamerikanische Zivilisationen und deren Sprachen interessierte) wurde diese Idee in ein theoretisches Modell verpackt, das den Namen der beiden Wissenschaftler trägt: die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese.

Was ist die Sapir-Whorf-Hypothese?

Die Sapir-Whorf -Hypothese (kurz: SWH) lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Wie ein Mensch die Welt wahrnimmt, hängt davon ab, welche Sprache(n) er verwendet, um seine Realität auszudrücken. Diese Theorie, die ihre Grundlagen in der Anthropologie und der Sprachwissenschaft hat, geht von der Annahme aus, dass es eine Art „mentales Universum“ gibt. Dieses besteht aus Repräsentationen der Welt und aus Sichtweisen auf das Leben, die durch die Struktur der jeweils verwendeten Sprache bestimmt werden – daher auch das Konzept des sprachlichen Determinismus’, das sich aus der SWH ableitet.

Whorf führt dazu das Beispiel der Hopi-Indianer an, ein amerindisches Volk, das im heutigen Bundesstaat Arizona lebt. Tatsächlich weist diese Sprache – wie die der Heptapoden aus dem Film von Denis Villeneuve – keine Zeiten auf. Ebenso wie das Hebräische unterscheiden auch das Aztekische oder die Maya-Sprache nicht zwischen Präteritum, Präsens und Futur.

Um das zu verdeutlichen, hier ein Beispiel: Ein Satz wird im klassischen Hopi nach dem Muster „ich/bleiben/sechs Tage“ gebildet.  Dieser Satz kann auf viele Arten interpretiert werden:

  • „Ich bin sechs Tage geblieben.“
  • „Ich bleibe sechs Tage.“
  • „Ich werde sechs Tage bleiben.“
  • „Ich werde sechs Tage dort bleiben.“
  • „Ich werde sechs Tage hier bleiben.“

Laut Benjamin Lee Whorf ist dieser einfache Satz („Ich bleibe sechs Tage“) für jemanden, der kein Hopi spricht, unverständlich. Tatsächlich impliziert die Sprachstruktur des Hopi, dass dieser „Akt des Sechs-Tage-Bleibens“ ein Ereignis ist, das gleichzeitig schon stattgefunden haben kann, gerade stattfindet oder noch in der Zukunft liegt. Diese für Außenstehende kulturelle Unverständlichkeit  hat sich in vielen Romanen und Filmen – vor allem in Hollywood-Produktionen über indigene Völker in Nordamerika – niedergeschlagen, in denen sich Figuren wie der prototypische Indianerhäuptling auf mysteriöse und geradezu mystisch anmutende Weise über das Leben zu äußern pflegen.

Nehmen wir doch mal eine Sprache, die wir etwas besser kennen: Deutsch. Im Deutschen kann man (genau wie zum Beispiel im Spanischen, Französischen oder Russischen) jemanden entweder siezen oder duzen. Dies geschieht auf der Grundlage von Kriterien, die nicht immer klar durchschaubar sind (nicht einmal für Muttersprachler und Muttersprachlerinnen!). Mit Sie sprechen wir Respektpersonen an, zum Beispiel unsere Schwiegereltern, die Bundeskanzlerin, unsere Vorgesetzte oder den Bäckereiverkäufer. Im Gegensatz dazu benutzen wir du mit unterschiedlichen Absichten, zum Beispiel für unsere Schwiegereltern (um Nähe und Vertrautheit auszudrücken), die Bundeskanzlerin (um Feindseligkeit deutlich zu machen), unsere Vorgesetzte (in einem Start-up), den Bäckereiverkäufer unseres Vertrauens (auch wenn wir ihn zum ersten Mal treffen) und viele andere.

Der Sapir-Whorf-Hypothese zufolge ergibt sich als direkte Konsequenz aus dem Gegensatzpaar Duzen/Siezen, dass Deutsch-, Spanisch-, Französisch- und Russischsprechende die Menschheit in zwei Gruppen einteilen: diejenigen, denen sie sich (kulturell, sozial und gefühlsmäßig) nahe fühlen, und die „anderen“, die nicht so sind wie sie selbst (sei es wegen des Alters, des Berufsstandes oder einfach, weil sie jemanden nicht kennen). In dieser Weltanschauung gibt es demnach also ein „sie“ und ein „wir“, ein kognitives Paradigma, dass die Gesamtheit der sozialen Beziehungen bestimmt. Eine Sichtweise, die englischsprachigen Menschen folglich völlig abstrakt erscheinen muss, da die Unterscheidung zwischen du und Sie im Englischen nicht existiert.

Die Grenzen der Sapir-Whorf-Hypothese

Ist also die Sapir-Whorf-Hypothese die letzte Instanz in Fragen des linguistischen Relativismus? Nicht unbedingt: Es gibt zahlreiche Forschende, die die Grenzen dieser Hypothese aufzeigen.

Zunächst einmal wird das Konzept von sprachlichem Determinismus regelmäßig wegen seines absolutistischen Anspruchs angegriffen. Um auf das oben angeführte Beispiel zurückzukommen: Nur weil das Konzept von Duzen versus Siezen im Englischen nicht existiert, bedeutet das keineswegs, dass Anglophone ihrem Gegenüber keine Nähe oder Feindseligkeit ausdrücken können.  Außerdem ist die Unterscheidung zwischen „sie“ und „wir“ sicherlich kein Phänomen, das ausschließlich auf die deutsch-, französisch- oder spanischsprachige Welt beschränkt ist.

Ein weiteres Argument, das nicht außer Acht gelassen werden darf: Die Abwesenheit eines Wortes oder einer Struktur in einer bestimmten Sprache macht es einem Sprechenden trotzdem nicht unmöglich, das entsprechende Wort oder die entsprechende Struktur in einer anderen Sprache zu verstehen. Die berühmte portugiesische saudade wird im Deutschen umschrieben mit „Traurigkeit, Wehmut, Sehnsucht, Fernweh oder sanfte Melancholie“. Dennoch ist dieses Wort so schwer exakt zu übersetzen, dass das Konzept bereits unter dem portugiesischen Begriff Eingang in Deutsche gefunden hat. Dies bedeutet im Umkehrschluss: Auch wenn es das Wort in einer Sprache nicht gibt, so kann das damit ausgedrückte Gefühl offensichtlich auch von Menschen empfunden werden, die die Ausgangssprache nicht sprechen. 

Im Rumänischen gibt es das Wort dor, das genau dasselbe Gefühl beschreibt wie saudade, nur dass es obendrein einzig und allein durch Gesang ausgedrückt werden kann. Somit kennen eigentlich alle, die schon einmal leidenschaftlich mit gebrochenem Herzen ein Liebeslied geschmettert haben, das Gefühl von dor.

Babbel und die Sapir-Whorf-Hypothese

Auch wenn du bei Babbel (noch) nicht die Sprache der Heptapoden oder der Hopi-Indianer lernen kannst, findest du hier 14 Lernsprachen für insgesamt acht verschiedene Ausgangssprachen.

Schenkt man der Sapir-Whorf-Hypothese Glauben, dann stehen diese Sprachen für eine Vielzahl von unterschiedlichen Weltanschauungen, die aus weit mehr als 14 verschiedenen Kulturen stammen.

Kann dann Sprachenlernen unter derartigen Gesichtspunkten überhaupt neutral sein? Um ehrlich zu sein, wird die Sapir-Whorf-Hypothese trotz der großen Erfolge, die sie in den 1960er und 1970er Jahren feierte, heute von den meisten Sprachwissenschaftler*innen abgelehnt. Dennoch dient sie zahlreichen Science-Fiction-Autor*innen, Literat*innen, Dichter*innen und anderen Kunstschaffenden als Inspirationsquelle, um die unglaubliche Vielfalt der weltweit gesprochenen Sprachen zu unterstreichen – und damit auch den philosophischen Horizont und die metaphysische Sichtweise, die solche sprachlichen Reflexionen in sich bergen.

Mit anderen Worten: Mit Babbel eine neue Sprache zu lernen, wird deinen Blick auf die Welt wahrscheinlich nicht verändern. Über den Unterschied zwischen ser und estar zu grübeln bietet dir trotzdem eine schöne Möglichkeit, einmal über die verschiedenen Aspekte des „Seins“ nachzudenken.

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