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Bliss-Symbole: Der Versuch einer universal verständlichen Symbolsprache

Könnte eine ausgeklügelte Symbolsprache Menschen aus aller Welt näher zusammenbringen?
Bliss-Symbole: Der Versuch einer universal verständlichen Symbolsprache

Was wäre, wenn Menschen unterschiedlichster Herkunft problemlos miteinander kommunizieren könnten? In der biblischen Erzählung Der Turmbau zu Babel sprachen die Menschen alle dieselbe Sprache. So gelang es ihnen, einen hohen Turm zu bauen, mit dem sie Gott so nahe kamen, dass dieser keinen anderen Ausweg sah, als sie zu entzweien, indem er ihnen verschiedene Sprachen auferlegte. In Star Trek bringt die Erfindung eines Universalübersetzers Weltfrieden. Bei solch erstaunlichen Erzählungen ist es nicht verwunderlich, dass es in der Geschichte der Menschheit immer wieder Versuche gab, eine Art der Kommunikation zu entwickeln, die alle Menschen gemeinsam untereinander nutzen können. Einer dieser Ansätze waren die Bliss-Symbole.

Das sogenannte Bliss-System ist eine reine Symbolsprache, die keine gesprochenen Elemente enthält. Es basiert auf Symbolen, deren Bedeutung intuitiv verständlich sein soll, sodass sie alle Menschen weltweit deuten und verwenden können. Den großen Hoffnungen des Erfinders zum Trotz haben die Bliss-Symbole ihren ambitionierten Zweck leider nicht erfüllen können. Trotzdem ist die Geschichte rund um die Schriftzeichen und ihre Rolle in der Geschichte der Kommunikation wirklich faszinierend.

Die Ursprünge der Bliss-Symbole

Man könnte fast meinen, dass der Name der Bliss-Symbole aufgrund der friedvollen Konnotation bewusst gewählt wurde – bliss bedeutet im Englischen so viel wie „Glück“ oder „Glückseligkeit“. In Wahrheit ist die Symbolsprache aber nach ihrem Schöpfer Charles K. Bliss benannt. Der 1897 geborene Karl Blitz studierte Chemieingenieurwesen in Wien, bis die Nazis Einmarsch in Österreich hielten. Als Jude wurde er 1938 ins Konzentrationslager geschickt, im Jahr darauf aber wieder entlassen. Nach mehreren Ortswechseln in den darauffolgenden Jahren, führte es Blitz letztlich nach Shanghai. Dort ließ er auch offiziell seinen Nachnamen von Blitz zu Bliss ändern, um seine Herkunft zu verbergen, und er begann, an seinem Projekt New World Writing zu arbeiten.

Zu diesem Projekt inspirierten Bliss zwei Beweggründe: Er hatte rohe Gewalt und die Kategorisierung der Menschen am eigenen Leibe erfahren und erachtete das Fehlen einer gemeinsamen Sprache als Faktor, der die Menschheit spaltete. Eine neue Art der Kommunikation würde vielleicht nicht gleich zu Weltfrieden führen, doch sie könnte zumindest das Verständnis der Menschen füreinander verbessern. Zudem entdeckte Bliss während seiner Zeit in Shanghai sein Interesse für die chinesischen Schriftzeichen. Sie brachten ihn auf den Gedanken, dass eine reine Symbolsprache intuitiver sein könnte als eine Sprache, die aus Buchstaben bestand.

1942 begann er offiziell, an seinem Projekt New World Writing zu arbeiten. Bliss feilte jahrelang an seinem Werk und beauftragte sogar einen Journalisten, der ihm mit seinem kritischen Auge helfen sollte, Schwachstellen in seinem Zeichensystem zu erkennen und auszubügeln. Ziel war es, Symbole zu finden, die leicht verständlich waren. Gleichzeitig musste er die Anzahl der Begriffe aber auch möglichst gering halten, damit das System nicht zu kompliziert wurde. Dabei orientierte er sich unter anderem am Basic English („Einfaches Englisch“), eine vereinfachte Form der englischen Sprache, die von Charles Ogden entwickelt wurde. Er schloss unnötige Wörter aus der Sprache aus und erstellte eine Liste von 850 Begriffen, die für die Kommunikation unter den Menschen unabdingbar sind. Indem er sich mit seinen Symbolen am Basic English orientierte, konnte Bliss die Anzahl an Zeichen auf weniger als tausend beschränken (im Vergleich zu den meisten anderen Symbolsprachen, die zehntausende Symbole umfassten).

Im Jahre 1949 veröffentlichte Bliss das erste Handbuch zu seiner Symbolsprache mit dem Titel Semantography (und gab damit den vorherigen Namen New World Writing auf). Trotz all seiner Bemühungen und der Unterstützung vieler anderer, wie beispielsweise des Philosophen Bertrand Russell, traf sein Symbolsystem auf wenig Interesse. Das war zwar noch nicht das Ende der Geschichte, aber ein ziemlich holpriger Start für die Bliss-Symbole.

Wie funktionieren die Bliss-Symbole?

Das Bliss-System ist aus verschiedenen Gründen einfacher zu erlernen als andere Sprachen. Trotzdem ist es sehr komplex und lässt sich nicht in wenigen Absätzen im Detail erklären. Deshalb findest du hier eine Zusammenfassung des aktuellen Systems – basierend auf einer Definition der Non-Profit-Organisation Blissymbolics Communication International – die dir die Logik hinter dem System veranschaulichen soll.

Das Bliss-System umfasst insgesamt 900 Zeichen. Sie sind die Grundbausteine der Sprache und können allein stehen oder miteinander kombiniert werden, um neue Wörter zu bilden. Dieses Symbol bedeutet zum Beispiel „Gebäude”:

Zeichen für „Gebäude" bei Bliss-Symbolen

Um eine bestimmte Art von Gebäude zu beschreiben, muss man nur die entsprechenden Bliss-Symbole hinzufügen und kreiert auf diese Art einen neuen Bliss-Begriff. Um zum Beispiel das Wort „Krankenhaus” zu bilden, fügt man das Symbol für „Arzt” hinzu.

Zeichen für „Krankenhause" bei Bliss-Symbolen

So lassen sich mit nur 850 Zeichen durch die Kombination verschiedener Grundideen tausende Begriffe bilden. Diese Vorgehensweise ist zwar spannend und deckt jede Menge Begriffe ab. Damit lassen sich aber nur Substantive bilden. Um auch andere Wortarten auszudrücken, müssen Indikatoren – vergleichbar mit den Akzentzeichen – hinzugefügt werden. Ein ^ auf einem Zeichen weist darauf hin, dass es sich um eine Handlung (ein Verb) handelt. Ein ’ über einem Zeichen bedeutet hingegen eine Handlung in der Vergangenheit. Für jede Zeitform gibt es bestimmte Indikatoren, um den Zeitpunkt einer Handlung auszudrücken. Nehmen wir das Symbol für „Beine” und setzen ein ^ darauf, bedeutet das „gehen”. Ergänzen wir es stattdessen mit dem ’ für die Vergangenheitsform, bedeutet es „ging”.

Konjugieren mit Bliss-Symbolen
Beine, gehen, ging

Auch für Adjektive und Adverbien gibt es spezielle Indikatoren. Ein v auf einem Bliss-Symbol weist darauf hin, dass dieses Zeichen ein anderes Zeichen näher beschreibt.

Neben Indikatoren gibt es auch Modifikatoren – Symbole, die die Bedeutung eines Bliss-Begriffs ändern können. Zu den geläufigsten Modifikatoren zählen Zahlen, die in der Bliss-Symbolsprache in halber Größe geschrieben werden. Das Symbol für „Woche” setzt sich aus dem Zeichen für „Tag” und einer vorangestellten kleinen 7 zusammen. Anstatt ein separates Symbol für „Woche” zu haben, wird es also als „7 Tage“ ausgedrückt. Auch Pronomen werden mithilfe des numerischen Systems dargestellt. Wenn du über dich selbst sprechen möchtest, verwendest du das Symbol für „Person” und stellst ihm eine kleine 1 nach. Daraus ergibt sich sozusagen die Bedeutung „erste Person“.

Bliss-Symbol für „Ich"

„Du” besteht aus dem Symbol für „Person” und einer kleinen 2, und so weiter. Darüber hinaus gibt es weitere Indikatoren, wie für den Zeitpunkt oder die Intensität eines Ereignisses, für Unterkategorien anderer Zeichen oder zur Anzeige eines Besitzverhältnisses. Sogar Metaphern oder vulgäre Sprache können mit bestimmten Modifikatoren gekennzeichnet werden.

Während all diese Symbole, Modifikatoren und Indikatoren einen gewissen Lernaufwand bedeuten, bietet das Bliss-System deutliche Vorteile in anderen Bereichen. Über Konjugationen musst du dir zum Beispiel keine Sorgen machen, denn jedes Verb wird mit denselben Modifikatoren konjugiert. Und auch wenn es feste Grundsymbole gibt, bietet das Bliss-System die nötige Flexibilität für Neuschaffungen und Erweiterungen. Trotz seiner Einfachheit ist das System somit in der Lage, einen großen Bereich der menschlichen Kommunikation abzudecken.

Wird das Bliss-System heute noch verwendet?

Wie schon erwähnt, setzte Charles Bliss seine Arbeit an den Bliss-Symbolen fort, auch nachdem die erste Ausgabe von Semantography keinen großen Anstoß fand. Kurz nachdem er 1965 die zweite Ausgabe veröffentlichte, wurde ein Potenzial in seiner Symbolsprache erkannt, das nicht ganz ihrem ursprünglichen Zweck entsprach. So wurde im medizinischen Bereich untersucht, ob Bliss Kindern mit bestimmten Einschränkungen die Kommunikation erleichtern könnte, da das logisch aufgebaute System leichter zu erlernen war als andere Sprachen mit alphabetischen oder anderen Zeichen.

1971 begann das Ontario Crippled Children’s Center (OCCC) in Kanada in Zusammenarbeit mit der Blissymbolics Communication Foundation (der Vorläufer von Blissymbolics Communication International), ein Programm rund um die Bliss-Symbole zu entwickeln. Dabei arbeiteten sie mit Kindern mit Gehirnlähmung, um ihnen die Symbole als alternative Kommunikationsform anzubieten. Das Programm wurde von Shirley McNaughton geleitet, die den Kindern das Symbolsystem mit viel Herzblut und Begeisterung beibrachte. Es sah auch ganz danach aus, als würden die Kinder die Sprache gut annehmen und besser damit zurechtkommen als mit alphabetischen Zeichen.

👉 Um sprachliche Barrierefreiheit geht es auch bei den Konzepten Leichte Sprache und Einfache Sprache

Doch dann stieß das Projekt auf ein unerwartetes Hindernis, nämlich Charles Bliss höchstpersönlich. Bliss stattete dem OCCC regelmäßige Besuche ab, um sich über den korrekten Einsatz seiner Symbolsprache zu vergewissern – und er war nicht ganz zufrieden mit dem, was er sah. Denn als McNaughton und die Kinder begannen, Bliss für echte Unterhaltungen zu verwenden, wichen sie vom ursprünglichen Konzept ab. Sie fügten neue Symbole hinzu und interpretierten bestehende Symbole seiner Ansicht nach falsch. Auch die Tatsache, dass sie die Bezeichnungen „Substantive, Adjektive und Verben” benutzten, gefiel ihm nicht. Hatte er mit „Dingen, Wertungen und Handlungen” doch seine eigene Terminologie für die Wortarten entwickelt. Bliss befürchtete, dass ihn diese Abweichungen weiter von seinem eigentlichen Ziel entfernten: eine Sprache, die alle Menschen in aller Welt nutzen können.

Wahrscheinlich war dieser Wunsch nach Kontrolle letztendlich der Grund, warum die Bliss-Symbole nie einen Durchbruch erlebten. Bliss traf später zwar eine Vereinbarung mit Blissymbolics Communication International (BCI), die der Organisation das letzte Wort über die Verwendung der Bliss-Symbole zusprach. Doch auch dieser Schritt hat die Verbreitung der Sprache auf lange Sicht möglicherweise eher ausgebremst. Dennoch gibt es heute einige Orte, an denen die Bliss-Symbole zur Kommunikation mit Menschen mit Behinderungen verwendet werden. Laut Schätzungen des BCI gab es 1982 etwa 8.000 Bliss-Lehrende – doch das war die größte Hochphase des Systems. Heute wird die Sprache noch hier und da von einer überschaubaren Anzahl an Menschen verwendet, vor allem in Skandinavien und einigen europäischen Ländern.

Einen kleinen Aufwind erlebten die Bliss-Symbole in den letzten Jahrzehnten durch das Internet, das es möglich machte, mehr über die Sprache und ihre Funktionsweise zu erfahren. Ein wirklich breites Interesse blieb trotzdem aus. Eines der größten Probleme liegt darin, dass die meisten Bliss-Symbole nicht zu den Standardzeichen des Universal Coded Character Set gehören und somit nicht einfach am Computer getippt und mit der Welt geteilt werden können.

Leider sieht die Zukunft der Bliss-Symbole nicht sehr rosig aus. Es ist trotzdem eine spannende Sprache, da sie sich stark von allen anderen Systemen unterscheidet. Obwohl sich Sprachen nicht immer als schwer oder einfach kategorisieren lassen, hat das Bliss-System den Pluspunkt, dass sein Aufbau auf deutlich mehr Logik basiert als zum Beispiel die Kombination der Buchstaben des lateinischen Alphabets. Von Weltfrieden sind wir zwar immer noch weit entfernt, aber immerhin haben die Bliss-Symbole eines geschafft: Sie begeistern, faszinieren und erweitern unseren Horizont.

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Thomas Moore Devlin
Thomas ist in einer Vorstadt in Massachusetts aufgewachsen und nach New York gezogen, um den krassen Kontrast zu erleben. Er hat Englische Literatur und Linguistik an der New York University studiert und die meiste Zeit seines Studentenlebens damit verbracht, für eine Studierendenzeitung namens Washington Square News zu schreiben. Deshalb ist er auch etwas pedantisch, was Textstandards angeht. In seiner Freizeit liest er gern und regt sich über Tweets auf.
Thomas ist in einer Vorstadt in Massachusetts aufgewachsen und nach New York gezogen, um den krassen Kontrast zu erleben. Er hat Englische Literatur und Linguistik an der New York University studiert und die meiste Zeit seines Studentenlebens damit verbracht, für eine Studierendenzeitung namens Washington Square News zu schreiben. Deshalb ist er auch etwas pedantisch, was Textstandards angeht. In seiner Freizeit liest er gern und regt sich über Tweets auf.

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