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Wie der Weltfrauentag zu einem weltweiten Ereignis wurde

Seinen Anfang nahm der Feiertag in den USA, obwohl er dort heute interessanterweise weniger bekannt ist als in vielen anderen Teilen der Welt.
Artikel Von Steph Koyfman
Wie der Weltfrauentag zu einem weltweiten Ereignis wurde

Im März feiern wir den Weltfrauentag – einen dieser Feiertage, die man für selbstverständlich hält. Wenn du jedoch noch nie etwas von der Entstehung und Geschichte des Weltfrauentages gehört hast, wird dich sein radikaler Hintergrund ziemlich überraschen. Der Weltfrauentag hat nämlich als eine Initiative für Arbeitsrecht und Gleichberechtigung begonnen und hatte erst mal wenig mit dem Verschenken von Blumen zu tun. Doch eines können wir schon verraten … Rosen spielen auch schon in den Anfängen eine bestimmte Rolle.

Der sozialistische Hintergrund des Weltfrauentages war wahrscheinlich ein wesentlicher Grund dafür, dass er sich in den kommunistischen (bzw. ehemals kommunistischen) Ländern stärker durchsetzte als in den USA, wo er eigentlich zuerst eingeführt wurde. In der Sowjetunion wurden ursprünglich die Verdienste von Frauen beim Aufbau des Kommunismus gewürdigt, während im Westen an die Bemühungen um Gleichberechtigung und den Kampf der Suffragetten um das Wahlrecht erinnert wurde.

In den Vereinigten Staaten und in Deutschland geht es an diesem Tag auch heute hauptsächlich um die Anerkennung von Frauen und den anhaltenden Kampf für Gleichberechtigung. Vielerorts hat sich der Weltfrauentag auch zu einem kommerziellen Ereignis entwickelt, bei dem es vor allem um den Kauf von Geschenken geht.

Ehrlicherweise ist das bei einem Feiertag dieser Größenordnung auch kaum verwunderlich. In diesem Artikel beleuchten wir die Geschichte des Weltfrauentags genauer.

Geschichte des Weltfrauentags: Die Anfänge

Die Geschichte des Weltfrauentags beginnt im Jahr 1908, inmitten zunehmender Unruhen über die Ungleichbehandlung der Geschlechter, die schon seit Jahrzehnten im Hintergrund brodelten. In jenem Jahr demonstrierten einige tausend Frauen in New York City im Rahmen eines Streiks der Arbeiterschaft der Bekleidungsindustrie für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und das Wahlrecht.

Im folgenden Jahr erklärte die Socialist Party of America, dass der erste nationale Frauentag am 28. Februar 1909 begangen werden soll. Er wurde absichtlich auf einen Sonntag gelegt, dem einzigen arbeitsfreien Tag der Woche, damit berufstätige Frauen daran teilnehmen konnten. Hierbei handelte es sich darüber hinaus um eine noch nie da gewesene Verschmelzung des Kampfes um Frauenwahlrechte und die Rechte der Arbeiterschaft.

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Die Rechte der Arbeiterschaft werden in einer anderen gängigen Version der Entstehungsgeschichte, die vermutlich in den 1950er Jahren während der Zeit des Kalten Krieges aufkam, oft nicht erwähnt. Laut dieser wurde der Weltfrauentag bereits 1907 ins Leben gerufen, um den 50. Jahrestag eines Protestes der Textilarbeiterinnen von New York City aus dem Jahr 1857 zu feiern. Es gibt nicht viele Belege dafür, dass der Protest selbst oder die Feierlichkeiten zum Jahrestag 1907 stattgefunden haben. Manche vermuten sogar, dass die Geschichte entstanden ist, um die wahren Ursprünge des Feiertags zu beschönigen.

Nichtsdestotrotz konnte sich der Weltfrauentag im Jahr nach seiner Einführung international etablieren. 1910 fand in Kopenhagen die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz statt, geleitet von Clara Zetkin, einer führenden Vertreterin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Mehr als 100 Frauen aus 17 Ländern nahmen daran teil, darunter die ersten drei Frauen, die ins finnische Parlament gewählt wurden.

In diesem Jahr stellte Zetkin einen Antrag, jedes Jahr weltweit einen Frauentag durchzuführen, um für Frauenrechte zu kämpfen. Bereits im März des folgenden Jahres (1911) wurde der Weltfrauentag in Österreich, Dänemark, Deutschland und der Schweiz von Frauen und Männern gleichermaßen begangen. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurden auch zahlreiche Forderungen laut, etwa die Abschaffung der Diskriminierung am Arbeitsplatz, eine bessere Ausbildung, das Frauenwahlrecht sowie das Recht auf Bekleidung öffentlicher Ämter.

In diesem Jahr brach außerdem ein großes Feuer in der Triangle Shirtwaist Factory in New York City aus, welches die Bewegung der Arbeitschaft in den Vereinigten Staaten weiter vorantrieb. Der Leitspruch Brot und Rosen entstand – eine Forderung der Arbeiterklasse für einen über das Lebensnotwendige hinausgehenden Wohlstand.

Wenige Jahre später, 1913, schlossen sich auch russische Frauen der Bewegung an, und 1914 weitete sie sich auf London aus. Zu dieser Zeit brach der Erste Weltkrieg aus, und die Frauenbewegung wurde mit der Antikriegsbewegung verflochten.

So kam es, dass am 23. Februar 1917 vor allem Frauen in Russland für ein Ende des Krieges und gegen die allgemeine Lebensmittelknappheit streikten, mit der Forderung „Brot und Frieden“. Dies geschah zum Ärger einiger männlicher Revolutionäre wie Leo Trotzki, die der Meinung waren, dass dies nicht angemessen war.

Trotzki zufolge sollten die Arbeiterproteste am 1. Mai, dem Maifeiertag stattfinden, einem weiteren Feiertag, der in den Vereinigten Staaten entstanden war und sich im Ausland durchsetzte – und nicht am Frauentag. Den Frauen gelang es jedoch nicht nur, Zar Nikolaus II. zum Verzicht auf den Thron zu bewegen, sondern auch ihr Wahlrecht von der provisorischen Regierung zu erhalten, die an seine Stelle trat. Dies war das formale Ende der jahrhundertelangen zaristischen Herrschaft in Russland und zugleich ein Vorbild für die Wahlrechtsbewegungen, die in anderen Ländern noch im Gange waren.

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So sieht der Weltfrauentag weltweit heute aus

Die Entstehung und Geschichte des Weltfrauentages war noch lange nicht abgeschlossen, doch 1917 war die Bewegung schon relativ gefestigt. Wladimir Lenin, der Premierminister der Sowjetunion, machte den Frauentag in jenem Jahr zum offiziellen sowjetischen Feiertag.

Die Kommunisten in Spanien und China folgten diesem Beispiel kurz darauf. Am Anfang wurde der Weltfrauentag nicht in allen Ländern am gleichen Tag begangen. Schließlich einigte man sich jedoch darauf, ihn einheitlich am 8. März zu feiern, da dieser Tag im gregorianischen Kalender dem 23. Februar im julianischen Kalender entsprach (welcher früher in Russland verwendet wurde).

Jahrzehntelang wurde der Feiertag vor allem in sozialistischen Ländern begangen. 1975 wurde er zum ersten Mal auch von den Vereinten Nationen gefeiert. Und im Jahr 2011 erklärte US-Präsident Barack Obama zur Feier des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentags den März zum Women’s History Month („Monat der Frauengeschichte”).

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Im Jahr 2014 wurde der Weltfrauentag in mehr als 100 Ländern gefeiert. In mehr als 25 Ländern ist er offizieller Feiertag. Die heutigen Traditionen im Rahmen dieses Feiertags sind weit gefächert und reichen von Blumen und Geschenken bis hin zu Festmärschen und Demonstrationen. In Russland ist der Feiertag so etwas wie eine Kombination aus Valentinstag und Muttertag geworden (bei dem natürlich nicht nur Mütter, sondern alle Frauen gefeiert werden). In den USA werden an diesem Tag in einer feierlichen Rede des Präsidenten die Leistungen amerikanischer Frauen gewürdigt. In Italien ist es Tradition, Mimosenblüten zu verschenken.

In einigen Ländern, wie Osteuropa und China, haben Frauen an diesem Tag frei, genauso wie auch seit 2019 im Bundesland Berlin (hier gilt der Feiertag jedoch nicht nur für Frauen). Die Worte von Kristen R. Ghodsee, Professorin für Russland- und Osteuropa-Studien der Penn University, bringen es jedoch auf den Punkt: „Ironischerweise gehen die Frauen danach nach Hause und stellen sich an den Herd – nicht die fortschrittlichste Belohnung – weil das Patriarchat noch immer existiert.“

Das heißt? Lassen wir uns von der Geschichte des Weltfrauentags inspirieren … denn wir haben noch einen langen Weg vor uns.

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