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Sprache und Farben: Wie unser Vokabular unser Farbsehen beeinflusst

Sehen wir einen Farbton, obwohl wir kein Wort dafür kennen? Wir gehen der Frage nach, inwieweit das Vokabular unserer Muttersprache auch unsere Wahrnehmung bestimmt.

Artikel von: Nuno Marques

Wenn du mit einer neuen Sprache anfängst, gehören die Farbbezeichnungen zu den ersten Wörtern, die du lernst. Rot wird zu rouge auf Französisch, Grün wird im Spanischen zu verde und Blau im Englischen zu blue. Aber was wäre, wenn es in einer Sprache kein Wort für Blau gäbe? Würde diese Farbe dann für die Muttersprachler dieser Sprache gar nicht existieren? Oder könnten sie sie trotzdem erkennen, hätten aber keine Beschreibungen dafür?

Ist Blau eine Sinneswahrnehmung, ein Konzept oder ein Wort?

Historikern zufolge waren die Ägypter die erste Kultur, die es schaffte, die Farbe Blau künstlich herzustellen. Der Farbstoff bestand aus Kieselerde, Kalk, Kupfer und Alkali, also Laugensalz. Er gilt als der weltweit erste synthetische Farbstoff – ein Beleg für die Raffinesse der alten Ägypter. Der blaue Farbstoff wurde häufig in ägyptischen Schriften und der ägyptischen Kunst verwendet und hatte somit einen immensen Einfluss auf die Fähigkeit der Menschen, diese Farbe wahrzunehmen und zu benennen. Aber wie ging das vor den Ägyptern vonstatten? Was, wenn das Konzept der Farbe Blau nicht mehr ist als eine recht junge Entwicklung in der Menschheitsgeschichte?

William Gladstone, Altphilologe und ehemaliger Premierminister Großbritanniens, entwickelte in seinem Buch Studies on Homer and the Homeric Age („Studien zu Homer und zum homerischen Zeitalter“) die These, dass Homer und seine Zeitgenossen Farben nicht so sahen, wie wir sie heute sehen. Homer beschreibt Blut, einen Regenbogen und eine dunkle Wolke als lila oder dunkelrot. Das Meer erinnert ihn an die Farbe von Rotwein. Blau wird in Homers Werken nicht ein einziges Mal erwähnt.

Diese Beobachtung brachte den deutschen Linguisten Lazarus Geiger dazu, den Koran und andere Altertumstexte auf diese Kriterien hin zu untersuchen. Es fand sich so gut wie keine Erwähnung der Farbe Blau. Auch die Linguisten Edward Sapir und Benjamin Whorf sind zu diesem Ergebnis gekommen: Sprache beeinflusst nicht nur, sie bestimmt entscheidend darüber, wie wir unsere Umwelt, insbesondere Farben, wahrnehmen.

Das mag sich erst einmal absurd anhören, aber wenn wir mal einen Moment darüber nachdenken, was für einen enormen Effekt die Art und Weise, wie wir Dinge benennen, darauf hat, wie wir sie wahrnehmen, klingt es gar nicht mehr so abwegig. Nehmen wir zum Beispiel den Mann, der panisch in die Notaufnahme gerannt kommt, weil er Herzrhythmusstörungen hat. Alle Tests sind negativ, aber er besteht darauf, einen Herzinfarkt zu erleiden. Da stellt sein Arzt die Theorie auf, dass sein Patient eine Panikattacke hat – seine Symptome also psychosomatisch verursacht sind. Sofort beruhigt sich der Mann und betrachtet sich selbst aus einer völlig anderen Perspektive: Nicht sein Herz selbst ist schwach, sondern seine gestresste Psyche bringt es aus dem Rhythmus.

Gehen wir nun einen Schritt weiter und wenden dies auf Farben an. Im Deutschen gibt es für Grün und Blau je ein Wort, in anderen Sprachen existiert diese Unterscheidung nicht: Hier wird für beiden Farben das gleiche Wort verwendet. In wieder anderen Sprachen gibt es für jeden Grünton mindestens zwei oder sogar mehr Bezeichnungen. Und damit ist nicht so etwas wie Hellgrün oder Dunkelgrün gemeint, sondern zwei völlig unterschiedliche Wörter für je eine bestimmte grüne Schattierung.

Letzteres trifft zum Beispiel auf den Stamm der Himba in Namibia zu. Die Himba haben keine Bezeichnung für Blau, was sich direkt auf ihre Farbwahrnehmung auswirkt. Tests haben dies bestätigt: Blau und Grün können sie nur sehr schwer unterscheiden. So wurde ihnen ein Farbkreis gezeigt, der elf grüne Quadrate und ein blaues enthielt. Die meisten Mitglieder des Himba-Stammes waren nicht in der Lage, das blaue Quadrat auszumachen. Diejenigen, die es erkannten, brauchten dafür verhältnismäßig lang. In einem weiteren Schritt wurde das blaue Quadrat durch eines ersetzt, das in einem anderen Grünton gefärbt war als der Rest des Kreises. Sämtliche Testteilnehmer erkannten diesen Farbton augenblicklich – weil er in ihrer Sprache durch ein eigenes Wort bezeichnet wird. Dies bestätigt die Annahme, dass es einfacher ist, einen Unterschied zu erkennen, wenn es für diesen eine sprachliche Entsprechung gibt. Können wir etwas benennen, dann können wir es auch leichter wahrnehmen und einordnen.

Wenn du dir einmal die russische Sprache anschaust, wird es noch deutlicher: Im Deutschen unterscheiden wir zwischen verschiedenen Schattierungen von Hell- und Dunkelblau. Im Russischen hingegen gibt es dafür zwei verschiedene Wörter: голубой (goluboj) für Hellblau, синий (sinij) für Dunkelblau. Klingt merkwürdig? Ist es aber gar nicht: Wir machen das gleiche mit Rottönen. Hellrot ist bei uns Rosa – eine Farbe, deren Assoziationen aus feministischer Perspektive alles andere als unproblematisch sind.

Ist Sprache mächtiger als unsere körperliche Sinneswahrnehmung?

Hat Sprache also einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung unserer Welt? Oder nehmen wir alle eigentlich alles auf die gleiche Weise wahr, und Sprache drückt dies nur unterschiedlich aus? Forschungsergebnissen zufolge ist eher Ersteres der Fall. Mit einer neuen Sprache kann sich dir eine ganz neue Welt öffnen. Sie ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Vokabeln; sie kann dir neue Perspektiven ermöglichen, deine Sensibilität anderen Kulturen gegenüber verstärken, dich als Person aufgeschlossener machen.

Erweitere deine Wahrnehmung mit einer neuen Sprache!

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