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Die sinotibetischen Sprachen: Ein Familienporträt

Wie hat sich die zweitgrößte Sprachgruppe der Welt, die Familie der sinotibetischen Sprachen, eigentlich entwickelt?
Artikel Von Sam Wood
Die sinotibetischen Sprachen: Ein Familienporträt

Die sinotibetische Sprachfamilie ist eine der größten in der Welt. Mehr als eine Milliarde Personen sprechen eine dieser 400+ Sprachen als Erstsprache. Ganz schön beeindruckend, was? Die meisten sinotibetischen Sprachen werden zwar in Ostasien gesprochen, aber die Sprechenden sind geografisch nicht auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt. Im Gegenteil: Sinotibetische Sprachen kannst du rund um den Globus hören.

In unserem Artikel schauen wir uns an, welche modernen Sprachen zu der Familie gehören, wie viele Menschen sie sprechen und wo sich die Sprachen ähnlich sind. Und wie immer gibt es am Schluss eine kleine Hilfe von uns, falls du überlegst, eine sinotibetische Sprache zu lernen.

Welche sind eigentlich sinotibetische Sprachen?

Es gibt etwa 400 sinotibetische Sprachen. Ganz schön viel … Aber zum Glück für uns lässt sich diese Sprachfamilie in vier etwas kleinere Zweige unterteilen. Der erste Zweig sind die sinitischen Sprachen, zu denen Mandarin und andere chinesische Sprachen wie Wu, Yue, Jin, Min und Hakka gehören. Als Nächstes kommt Birmanisch (oder „Burmenisch“) , ein Zweig mit einer ganzen Reihe von Sprachen, die in Burma und Südwest-China gesprochen werden. Dann kommt Tibetisch: Dieser Zweig umfasst rund 40 Sprachen, die meisten davon werden in Tibet, West-China, Bhutan, Nepal, Nordindien und dem Osten von Pakistan gesprochen. Und zu guter Letzt ist da noch Karenisch. Diese sehr viel kleinere Sprachgruppe wird im Süden von Myanmar und im Westen von Thailand gesprochen.

Die sinotibetischen Sprachen werden auch als Trans-Himalaya-Sprachen bezeichnet. Das macht vielleicht ein bisschen deutlicher, wo genau diese Sprachen gesprochen werden, nämlich in ganz China, in Myanmar, in Tibet und in der Himalaya-Region sowie in kleinen Gebieten in Indien, Nepal und Bhutan.

Wie viele Menschen sprechen eine sinotibetische Sprache?

Wenn es um die Zahl der Sprechenden geht, so ist die sinotibetische Sprachfamilie die zweitgrößte hinter der Familie der indoeuropäischen Sprachen. Die mit großem Abstand am häufigsten gesprochene sinotibetische Sprache ist die sinitische Sprache Mandarin. Sie wird von etwa 920 Millionen als Erstsprache gesprochen. Die Yue-Dialekte des Chinesischen (oft auch als Kantonesisch bezeichnet), die zum selben Sprachzweig gehören, werden von rund 68 Millionen Menschen gesprochen. Der birmanische Sprachzweig wartet mit etwa 33 Millionen erstsprachigen Personen auf. Der tibetische Sprachzweig hat nur 6 Millionen Sprechende, der karenische rund 3 Millionen.

Aber es gibt natürlich auch sehr viele Menschen außerhalb von Ostasien, die diese Sprachen beherrschen. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass in Nordamerika, Südamerika, Australien und Europa bis zu 50 Millionen Menschen eine sinitischen Sprache (meist Kantonesisch) sprechen. Eine ganz schön beachtliche Zahl!

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Wie ähnlich sind sich sinotibetische Sprachen?

Da sie zur selben Familie gehören, liegt die Vermutung nahe, dass sich alle sinotibetischen Sprachen sehr ähnlich sind. Aber die Wurzeln dieser Sprachfamilie reichen viele, viele tausend Jahre zurück und in dieser langen Zeit haben sich die einzelnen Sprachen sehr stark verändert. Das gilt ganz besonders für den sinitischen Sprachzweig, der sich vermutlich vor circa 6.000 Jahren von einem gemeinsamen, größeren Zweig abgespaltet hat. Seitdem haben sich die sinitischen Sprachen sehr stark von den anderen sinotibetischen Sprachen wegentwickelt und sind heute sehr anders.

Die Schriftsysteme

Ein gutes Beispiel für die Unterschiede sind die Schriftsysteme der modernen sinotibetischen Sprachen: Obwohl es zwischen den verschiedenen Schriftsystemen große Unterschiede gibt, verwenden alle sinitischen Sprachen das logografische System der chinesischen Schriftzeichen, das auch Hanzi genannt wird. Das Birmanische und Karenische dagegen nutzen eigentlich immer die birmanische Schrift. Und die tibetischen Sprachen verwenden die tibetische Schrift, Devanagari oder Urdu – je nachdem, wo sie gesprochen werden.

Grammatik

Was die Grammatik angeht, so ist es schwer, allgemeine Aussagen für die gesamte Sprachfamilie zu machen. Aber es gibt trotzdem ein paar Ähnlichkeiten zwischen den sinotibetischen Sprachen, die zum selben Zweig gehören. Sinitische Sprachen zum Beispiel sind das, was wir „analytisch“ nennen: Sie organisieren Wörter und Grammatik nach einer strengen Wortreihenfolge und nicht durch Flexion oder Wortendung.

Die tibetischen Sprachen wiederum neigen zur Agglutination. Das bedeutet, dass sie grammatikalische Beziehungen zwischen Wörtern durch Suffixe, also Endungen, ausdrücken. Ungarisch ist zwar keine sinotibetische Sprache, aber ein gutes Beispiel für eine weitere agglutinierende Sprache, denn es verwendet jede Menge Affixe und kann extrem lange Wörter bilden. Dasselbe gilt für viele tibetische Sprachen.

Sonstige Merkmale

Ein gemeinsames Merkmal von vielen sinotibetischen Sprachen ist, dass sie oft tonal sind, also unterschiedliche Tonhöhen benutzen, um zwischen Wörtern zu unterscheiden. Jede sinotibetische Sprache hat zwar eine andere Anzahl von Tönen, aber dieses Merkmal haben viele von ihnen. Standardtibetisch hat zum Beispiel zwei Töne, Birmanisch drei, Mandarin vier und Kantonesisch neun. 

Weil sich die vier Zweige schon vor so langer Zeit geteilt haben, gibt es nicht viele gemeinsame Wörter. Aber manche gibt es dann doch: Das Wort „Name“ ist in Mandarin (míng), in Standardtibetisch མིང (ming) und in Birmanisch အမည် (əmyi).

Welche sinotibetische Sprache solltest du lernen?

Mandarin ist die am häufigsten gesprochene sinotibetische Sprache – wenn du also eher auf Quantität setzen willst, ist diese bestimmt eine gute Wahl (auch wenn sie nicht unbedingt einfach zu lernen ist). Außerdem gibt es jede Menge Materialien und Ressourcen, die dir beim Mandarin-Lernen helfen. Und du findest überall auf der Welt Medien in Mandarin!

Wenn du dich eher für die Sprechenden interessierst, die in der Diaspora leben, ist Kantonesisch vielleicht die bessere Wahl. Und wenn du nicht unbedingt ein komplexes Schriftsystem lernen möchtest, empfehlen wir dir Standardtibetisch. Es ist etwas leichter zu lernen und eine wirklich tolle Sprache, falls du dich für den tibetanischen Buddhismus in all seinen Details interessierst.

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Sam Wood
Sam ist ein veganer Reiseblogger, freiberuflicher Autor, Social-Media-Manager, ehemaliger Englischlehrer, Linguist und gelegentlicher Gastdozent aus London, der jetzt in Berlin lebt. Ihn fasziniert die Phonetik der vielen Englischvarietäten aus der ganzen Welt, sowohl aus pädagogischer als auch aus historischer Sicht. Außerdem spricht er Deutsch, Spanisch und Französisch sowie ein paar Brocken Schwedisch, Mandarin, Arabisch und Japanisch. In seiner Freizeit schaut er gerne Star Trek, macht Yoga, backt leckere vegane Kuchen und tritt als Drag Queen auf.
Sam ist ein veganer Reiseblogger, freiberuflicher Autor, Social-Media-Manager, ehemaliger Englischlehrer, Linguist und gelegentlicher Gastdozent aus London, der jetzt in Berlin lebt. Ihn fasziniert die Phonetik der vielen Englischvarietäten aus der ganzen Welt, sowohl aus pädagogischer als auch aus historischer Sicht. Außerdem spricht er Deutsch, Spanisch und Französisch sowie ein paar Brocken Schwedisch, Mandarin, Arabisch und Japanisch. In seiner Freizeit schaut er gerne Star Trek, macht Yoga, backt leckere vegane Kuchen und tritt als Drag Queen auf.

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