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Über die deutsche Schriftsprache – von der Lutherbibel, Frakturschrift und Nazis

Was ist Schwabacher, warum ist Frakturschrift nicht das, was du denkst und warum sollten Neonazis sie nicht benutzen? Ein Überblick über deutsche Schrift.
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Über die deutsche Schriftsprache – von der Lutherbibel, Frakturschrift und Nazis

Sie fällt uns in Antiquariaten auf, wenn wir verstaubte Bücher aus den hinteren Ecken der Regale ziehen. Oder auf altmodischen Schildern an S-Bahnhöfen. Oder auf der Haut von Rappern, verewigt als Tattoo. Und leider auch auf Merchandise-Artikeln für Neonazis: alte deutsche Schriftsprache und gebrochene Schriftarten, teilweise verschnörkelt und schwer zu lesen. Warum diese Schriftarten vielleicht gar nicht Fraktur sind und welche Druckschriften in Deutschland im Laufe der Zeit verwendet wurden, schauen wir uns in diesem Artikel an.

Von welcher Schriftgeschichte sprechen wir, wenn wir uns „deutsche“ Schrift ansehen?

Geschrieben wird auf der Welt schon lange. Die älteste Schrift überhaupt wird von manchen Forschern auf 6600 vor Christus datiert. Es handelt sich dabei um chinesische Zeichen, die in Henan, einer Provinz der Volksrepublik China, gefunden wurden.

Ausgangspunkt der europäischen Schriften ist die griechische Schrift, eine Weiterentwicklung der phönizischen Schrift, die seit etwa 800 vor Christus in Gebrauch ist. Von der griechischen Schrift lassen sich die lateinische Schrift, die kyrillische Schrift und sogar germanische Runen ableiten.

Allein die Zeitspannen, die zwischen den ältesten Schriften, den frühesten europäischen Schriften und der heutigen Zeit liegen, lassen erkennen, dass wir in diesem Artikel unmöglich alle Schriftarten, die je für die deutsche Sprache verwendet wurden, abhandeln können. Wir beschränken unsere Entdeckungsreise der deutschen Schrift stattdessen auf Druckschriften. Und wo könnten wir besser beginnen als mit dem modernen Buchdruck?

Textura (etwa 12. bis 15. Jahrhundert)

Von der Handschrift zur Druckschrift

Relevant für erste Buchdrucke in Deutschland, zum Beispiel für die Gutenbergbibel von 1452/1454, war die Textura (von Lateinisch textura „Gewebe“) oder Textualis („Textschrift“). Kalligraphisch ausgeformt und gitterartig ist diese im Hochmittelalter entstandene Schrift das, woran wir denken, wenn wir uns mittelalterliche Texte vorstellen.

Eine Schriftsprache für liturgische Texte

Die Textura hatte ihren Höhepunkt zur Zeit der Gutenberg-Bibel jedoch bereits überschritten und wurde eher ausgewählt, weil sie als traditionelle Schrift der Bibelcodices und der liturgischen Handschriften passend erschien. Bereits im 15. Jahrhundert wurde die Textura in der Handschriftenproduktion von den kursiven Buchschriften und der Antiqua, einer neuen nichtkursiven Buch- und Druckschrift, zurückgedrängt. Und dann kam da im 16. Jahrhundert noch eine andere Idee, und mit ihr eine andere Schriftart auf …

Schwabacher (etwa 15. und 16. Jahrhundert)

Die Reformation und die Schwabacher – deutsche Bibel, deutsche Schriftsprache?

Als Martin Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzte, verhalf er damit nicht nur neuen Ideen innerhalb eines neuen Religionszweigs, sondern auch einer bestimmten Schriftart zum Aufschwung.

Während die lateinischen Gutenberg-Bibeln in der traditionellen Textura gesetzt waren, wurden für viele Ausgaben der deutschen Lutherbibel die Schwabacher verwendet. Die Herkunft des Namens Schwabacher ist umstritten. Zur Entstehungszeit gab es im fränkischen Ort Schwabach nämlich keine Druckerei. Es ist auch kein Schriftschneider dieses Namens bekannt. Vermutlich ist der Name auf die Schwabacher Artikel zurückzuführen, einer der frühesten lutherischen Bekenntnisschriften aus dem Jahr 1528.

Ein früheres Beispiel für die Schwabacher ist die Dürersche Apokalypse von 1498 – auch hier nur in der deutschen Ausgabe. Für die lateinische Ausgabe wurde die in Italien entstandene Rotunda, auch Rundgotisch oder Halbgotisch genannt, verwendet.

Wie sieht die Schwabacher Schrift aus?

Die Schwabacher weist im Vergleich zur Textura oder Fraktur eine starke Rundung der Buchstaben auf. So ist das kleine „o“ beidseitig rund, während es in der Textura beidseitig eckig und in der Fraktur halb rund und halb eckig ist. Weitere typische Buchstaben sind das oben gekreuzte kleine „g“ und das große „H“, welches eher s-förmig ist.

Das Ende der Schwabacher – vom sanften Rückgang bis zum gewaltsamen Verbot

Die Schwabacher blieb vom späten 15. Jahrhundert bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts die vorherrschende deutsche Schrift. Ab dem 16. Jahrhundert wurden deutschsprachige Texte dann aber hauptsächlich in Fraktur gedruckt. Die Schwabacher wurde trotzdem bis ins 20. Jahrhundert gerne vereinzelt verwendet – und zwar zur Hervorhebung einzelner Textteile in Frakturtexten. Aufgrunddessen und auch aufgrund ihrer Verwendung in der Lutherbibel war diese Schrift deutschsprachigen Lesern über Jahrhunderte vertraut.

1941 wurde die Verwendung der Schwabacher und anderer gebrochener Schriften schließlich von den Nationalsozialisten verboten – mehr dazu später. Schauen wir uns vorher eine Schrift an, von der du ziemlich sicher etwas gehört hast: die Frakturschrift.

Frakturschrift (etwa 16. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhunderts)

Die Fraktur und Kaiser Maximilian I.

Frakturschrift war ab der Mitte des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts die meistbenutzte Druckschrift im deutschsprachigen Raum und ist den meisten damit zumindest vom Sehen her noch bekannt. Wer Urheber der populären Schriftart ist, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Eventuell wurde sie bereits handschriftlich zum Ende des 15. Jahrhunderts verwendet. Die erste Frakturschrift für den Buchdruck wurde 1513 von Hans Schönsperger in Augsburg entworfen. Die Entstehung und Verbreitung der Fraktur am Anfang des 16. Jahrhunderts ist eng mit Kaiser Maximilian I, ab 1519 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, verbunden. So ist das von Dürer illustrierte Gebetbuch Kaiser Maximilians I. in Fraktur gedruckt. Auch das 1517 in Nürnberg gedruckte Theuerdank, das von Kaiser Maximilian I. in Auftrag gegeben wurde, erzählt eine (möglicherweise von Maximilian selbst verfasste) Geschichte in Frakturlettern.

Was bedeutet eigentlich Frakturschrift – und was sind gebrochene Schriften?

Der Name Fraktur kommt von Lateinisch frangere („brechen“, Partizip Perfekt Passiv fractus – „gebrochen“). Wie der Name schon preisgibt, handelt es sich bei der Fraktur, genau wie bei der Textura und der Schwabacher, um eine gebrochene Schrift. Das meint eine Schriftart, bei der die Bögen der Buchstaben gebrochen sind, da in der Schreibbewegung abrupte Richtungswechsel in der Strichführung sichtbare Knicke in den Bögen hinterlassen.

Zwischen der Fraktur und anderen gebrochenen Schriften liegt ein elefantenrüsselweiter Unterschied

Der bezeichnende Name der Fraktur erklärt, warum dieser in der Umgangssprache oft fälschlicherweise für alle gebrochene Schriften verwendet wird. Unterscheiden kannst du echte Fraktur von anderen gebrochenen Schriftarten durch sogenannte Elefantenrüssel. Dieser niedliche Begriff bezeichnet die ausladenden Anschwünge von Großbuchstaben. Ein Elefantenrüssel ist also das geschwungene, s-förmige Zierelement, das bei einigen Großbuchstaben („A“, „B“, „J“, „M“, „N“, „P“, „R“, „T“, „V“, „W“, „Z“) links oben angehängt wird, beim „L“ rechts. Ansonsten lässt sich die Schriftart, selbst für ungeübte Frakturleser, recht leicht entschlüsseln. Für knifflige Buchstaben gibt es hier eine Lesehilfe.

Antiqua (ab dem 19. Jahrhundert)

Ein Irrtum bei der Namensgebung

Genau wie vor ihr die Textura wurde die Frakturschrift im 19. Jahrhundert von einer anderen Schrift abgelöst, die mit neuen Ideen verbunden war: der Antiqua. Der Name Antiqua kommt von lateinisch antiquus („alt“). Er bezeichnet Schriftarten mit gerundeten Bögen, die auf dem lateinischen Alphabet basieren und sich ursprünglich auf Vorbilder der römischen Antike bezogen.

Die Schriftart bildete sich im 15. Jahrhundert in Italien als zunächst handgeschriebene Buchschrift heraus. Die Bezeichnung Antiqua beruht dabei auf einem Irrtum. Die Humanisten der Renaissance kannten antike Texte nämlich nur in Form von Handschriften, die in der karolingischen Minuskel, also einem sehr klaren und einfachen Schriftbild, verfasst waren. Sie nahmen an, dass die Minuskel wie die ebenfalls sehr einfach gehaltenen römischen Schriftarten, die Capitalis, aus der Antike stammte. Daher schrieben die Humanisten in der von der karolingischen Minuskel abgeleiteten humanistischen Minuskel, die sie mit Großbuchstaben der römischen Capitalis kombinierten. Kombiniert ergab das Gemisch die ersten Antiqua-Schriften.

Zweischriftigkeit – die deutsche Schrift und die lateinische Schrift?

Die Antiqua gewann schnell an Bedeutung als Standardschrift für Texte in lateinischer Sprache und den romanischen Sprachen. Anfang des 16. Jahrhunderts wurden darum in deutschsprachigen Gebieten zwei Schriftarten gepflegt: gebrochene Schriften für deutsche Texte, Antiqua für fremdsprachige Texte. Wenn innerhalb eines Textes verschiedene Sprachen vorkamen, wurden dementsprechend auch die Schriftarten gemischt. Im Fraktursatz hält diese Regel bis heute fort. Die Verwendung der Schriftarten für die jeweilige Sprache hat dazu geführt, dass heute umgangssprachlich auch die Begriffe „deutsche Schrift“ und „lateinische Schrift“ verwendet werden, obwohl es sich in beiden Fällen um lateinische Buchstaben handelt.

Trotz ihrer breiten Verwendung im romanischen Raum, in lateinischen Texten und für fremdsprachige Wörter in deutschsprachigen Texten sollte es aber noch mehrere Jahrhunderte dauern, bis die Antiqua schließlich ihren Siegeszug in Deutschland antrat – erst schleichend, dann mit der „Unterstützung“ eines totalitären Regimes …

Der Antiqua-Fraktur-Streit

Neoklassische Ideen und „antike“ Schrift …

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs mit der Aufklärung, dem Klassizismus und der Französischen Revolution das deutsche Interesse an französischer und klassischer griechischer und römischer Literatur. Wer international gebildet war, musste auch international lesen können – das bedeutete Antiqua.

… oder ein aufkommendes Nationalbewusstsein und eine „traditionelle“ Schrift

Traditionalisten und deutsche Nationalisten plädierten dagegen für gebrochene Schriften. Der Streit gipfelte mit der Besetzung Deutschlands durch Napoleon: Die französische Besatzungsmacht stand mit Antiqua gegen die deutschen Nationalisten und ihre gebrochenen Schriften mit deutscher Symbolik.

Auch nach Napoleons Niederlage setzte sich der Streit mit ähnlichen Argumenten (deutsche Sprache braucht deutsche Schrift versus internationale Bildung und eine Schrift für alle Sprachen) über das Deutsche Kaiserreich und die Weimarer Republik bis zur Zeit des Nationalsozialismus fort. 1911 wurde die Schriftfrage sogar ausführlich im deutschen Reichstag verhandelt – allerdings ohne eindeutige Konsequenzen.

Eine kurze Renaissance und ein brutales Ende für die „deutschen Schriften“

Zur Zeit des Nationalsozialismus erlebte die Fraktur als „deutsche Schrift“ zunächst eine Renaissance. 1937 verbot das Propagandaministerium jüdischen Verlagen sogar die Verwendung der Schriftart.

Adolf Hitler selbst betrachtete die Hinwendung zu gebrochenen Schriften als rückwärtsgerichtet. In einem Erlass des NSDAP-Regimes von 1941 wurden gebrochene Schriften schließlich als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnet und die Antiqua zur „Normalschrift“ erklärt. Diese Begründung steht erstens in deutlichem Widerspruch zu allen jemals ausgetauschten Argumenten des Schriftstreits. Zweitens ist sie historisch völlig widersinnig: Zur Entstehungszeit der Schwabacher Lettern war der Besitz von Druckereien Christen vorbehalten. Es kann sich bei ihnen also nicht um „Judenlettern“ handeln. Der wirkliche Hintergrund des (extrem teuren) Schriftartenwechsels mitten in Kriegszeiten war vermutlich, dass die deutsche Sprache nur mit der weitverbreiteten Antiqua zur Weltsprache werden konnte.

Auch nach 1945 bleibt die Antiqua die bevorzugte Schriftart

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Verwendung von Schriftarten von den jeweiligen Besatzungsmächten geregelt. So wurde in den westlichen Besatzungszonen die Verwendung der „deutschen Schriftarten“ oft durch die Alliierten untersagt, weil sie diese nicht lesen konnten. Der Umbruch fand natürlich nicht sofort und abrupt statt: Auf Bestehen von Hermann Hesse wurden seine Werke noch lange nach dem Krieg in Fraktur gedruckt, ebenso wurden viele Klassiker in den 1950er Jahren weiterhin in Fraktur gehalten. Die evangelischen Kirchen hielten noch bis in die 1960er an der „deutschen Schrift“ fest – nicht verwunderlich, wenn wir uns an die Anfänge jener Schriften im Druck zurückerinnern.

Welche deutsche Schriftsprache sehen wir heute?

Heutzutage, wo jeder einen Drucker zu Hause hat, sehen wir im Druck so ziemlich jede Schrift. Antiqua-Schriftarten dominieren jedoch deutlich. Trotzdem hat sich die Fraktur noch in bestimmten Bereichen erhalten.

Einige deutschsprachige Zeitungen (bekannterweise die Frankfurter Allgemeine bis zur Layoutumstellung im Oktober 2007) verwenden die Fraktur weiterhin als Auszeichnungsschrift, so, wie es mit der Schwabacher innerhalb der Frakturschrift geschehen war.

Gebrochene Schriften werden in der Werbung, für Waren und Schilder verwendet, wenn ein heimisches Gefühl von Tradition und Qualität erzeugt werden soll: Gaststätten, Biergärten, Wurstpackungen – alles, was urig und traditionell deutsch ist, fühlt sich mit gebrochenen Schriftarten wohl.

Einen etwas unerwarteten Anklang findet die Frakturschrift (und gotische, ebenfalls gebrochene Schriftarten) in Subkulturen wie Metal, Punk, Gothic oder Hip Hop (hier oft in Tattoo-Form).

Andererseits werden sie trotz der ausdrücklichen nationalsozialistischen Abwendung von gebrochenen Schriften auch von Neonazis verwendet … aber wer erwartet von Neonazis schon historisches Verständnis?

Bonus: Ein deutscher Buchstabe – das „ß“

Wenn wir uns ansehen, wie Deutsch geschrieben wird, kommen wir um einen Buchstaben nicht herum: das „ß“. Es ist der einzige Buchstabe des lateinischen Schriftsystems, der heutzutage ausschließlich zur Schreibung des Deutschen und seiner Dialekte verwendet wird.

Der interessante Buchstabe ist dabei nichts weiter als eine Verbindung aus dem „ſ“ (dem „langem s“, das in gebrochenen Schriften üblich war und einem „f“ sehr ähnlich sieht, allerdings keinen Querstrich auf der rechten Seite hat) und „𝖟“ („z“, welches in gebrochenen Schriften einer „3“ ähnlich sieht). So versteckt sich also auch heute noch in unserer Antiqua-Schrift ein kleines bisschen gebrochene Schrift in Form des „ß“.

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