Ein Fall für die Grammatik? Nein, die vier Fälle!

Ein Fall ist einfach, aber bekommen wir auch die vier Fälle des Deutschen gelöst? Unsere Grammatik-Detektivin Antonia wagt einen Versuch.
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Ein Fall für die Grammatik? Nein, die vier Fälle!

Zugegeben es gab in letzter Zeit viel Wind um die vier Fälle. Besonders einen hat es hart getroffen. Sätze wie „der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ kursierten in den Medien und sorgten für viel Wirbel. Was ist hier eigentlich passiert und müssen wir von Mord ausgehen? Oder ist es doch „nur“ versuchter Totschlag? Um hier Klarheit zu schaffen, gehen wir geschichtlich einige Jahre zu den Ursprüngen der vier Fälle zurück.

1. Frage nach der Identität: Wer sind die vier Fälle?

Ein erster Blick in die Akten verrät uns, dass die vier Fälle unter mehreren Namen bekannt sind. So nennt man sie auch Kasus. Der Name Kasus geht etymologisch auf das lateinische Wort cāsus zurück, was so viel wie „Fall“ bedeutet (Verb: cadere – „fallen“). Dies wiederum ist eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen. Denn einst hatte ein griechischer Grammatiker die Nomen als „abfallend“ (im Sinne von „abhängig“) von den Verben beschrieben und diese dann „Fall“ benannt. Wir halten also fest, dass die einzelnen Fälle der Nomen eine zentrale Rolle in Satzkonstruktionen spielen.

Wir unterscheiden dabei zwischen folgenden vier Fällen:

  1. Fall: Nominativ (auch Wer/Was-Fall genannt)
  2. Fall: Genitiv (auch Wes(sen)-Fall genannt)
  3. Fall: Dativ (auch Wem-Fall genannt)
  4. Fall: Akkusativ (auch Wen/Was-Fall genannt)

Die Fragewörter hinter den jeweiligen Kasus geben einen Hinweis darauf, wie wir nach den einzelnen Fällen fragen können. Dies könnte für unsere weitere Ermittlungen von Bedeutung sein – also aufgepasst, es geht spannend weiter.

2. Frage nach dem Motiv: Was haben die vier Fälle getan?

Kommen wir zu einer der wichtigsten Fragen. Welchen Zweck erfüllen die vier verschiedenen Fälle in einem Satz und welches Motiv könnte es geben, einen von ihnen zu eliminieren?

Nun, bevor wir mit der Investigation beginnen, müssen wir erst einmal klären, warum es überhaupt vier Fälle gibt. Grundsätzlich zeigt der Kasus eines Nomens an, welche Beziehung es zu anderen Elementen im Satz hat. Dabei wird der jeweilige Artikel oder stellvertretend auch das Pronomen an den Kasus angepasst. Man nennt dies auch deklinieren. Das alles klingt in der Theorie sehr logisch, doch was bedeutet das für unseren Fall oder besser gesagt – für unsere vier Fälle.

Lasst uns dies an einem praktischen Beispiel skizzieren. Wir denken an einen gewöhnlichen Satz aus dem Alltag, der wie folgt lauten könnte:

„Die Frau gibt ihrer Schwester den Spanischordner ihres Kindes.“

In diesem Satz wird ganz klar Wer? Wem? Wessen Ordner (also Was?)? gibt. Alles klar? Wir haben hier ganz unbemerkt den Hinweis von oben aufgenommen und die Fragewörter benutzt, um die verschiedenen Fälle zu definieren.

Anders gesagt: Die Frau ist das Subjekt (im Nominativ), ihrer Schwester das Dativ-Objekt (als Ergänzung im Dativ), das Spanischbuch das Akkusativ-Objekt (als Ergänzung im Akkusativ) und ihres Kindes das Genitiv-Attribut (als Ergänzung im Genitiv).

Theoretisch bildet das Subjekt im Nominativ („die Frau“) mit dem Verb als Prädikat („gibt“) bereits einen vollständigen Satz: „Die Frau gibt.“ Die Objekte und Attribute dienen als ergänzende Informationen. Doch warum braucht man dafür vier Fälle?

Man stelle sich diesen Satz jetzt ohne klare Zuordnung der Objekte beziehungsweise Attribute vor:

„Die Frau gibt ihre Schwester der Spanischordner ihr Kind.“

Hier wissen wir auf einmal nicht mehr, wem genau die Frau den Spanischordner gibt: ihrer Schwester oder ihrem Kind?

Wir sehen also, dass jeder Fall eine wichtige Rolle spielt und nicht nur eine bestimmte Funktion hat, sondern uns auch hilft, den Satz überhaupt zu verstehen. Vielen Dank, Kasus! Doch warum hat es dann der Genitiv so schwer?

3. Frage nach dem Tathergang: Was ist mit dem zweiten der vier Fälle passiert?

In der Debatte um den Genitiv ist besonders ein Beispiel beziehungsweise ein Wort sehr prominent: wegen. Eigentlich verlangt die kleine Präposition den Genitiv, aber es hat sich nach und nach eingebürgert statt „wegen des Regens“ den Dativ zu verwenden und „wegen dem Regen“ zu sagen. Der Duden akzeptiert dies mittlerweile als umgangssprachliche Variante. Auch andere Präpositionen ersetzen im gesprochenen Wort gerne den Genitiv. So sagen wir beispielsweise auch „den Spanischordner von meiner Schwester“ anstatt „den Spanischordner meiner Schwester“.

Doch müssen wir deswegen befürchten, dass der Genitiv tot ist und wir bald eine Grammatikleiche mehr finden? Keinesfalls! Der Genitiv ist nach wie vor lebendig, wie sich in der Präposition „trotz“ zeigt. Hier hat sich der Genitiv behauptet, auch wenn dies nicht immer so war, wie die Wörter „trotzdem“ oder „trotz allem“ beweisen. Auch das besitzanzeigende Genitiv-S bei Eigennamen erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit.

4. Wir schließen den Fall … die Fälle!

Wer sich schon gefreut hatte, dass es nun nur noch drei statt vier Fälle gibt, sei vertröstet. Es gibt nämlich Sprachen, die sich mit noch mehr Fällen herumschlagen müssen. Im Russischen musst du beispielsweise sechs Kasus lernen und auch im Lateinischen gibt es neben den vier üblichen Verdächtigen noch den Ablativ sowie den Vokativ. Daher können wir uns trotz der Umstände (!) glücklich schätzen. Denn die vier Kasus helfen uns dabei, Informationen präzise mitzuteilen und uns auf vielfältige Art und Weise verständlich zu machen.
Da loben wir uns doch unsere vier Fälle im Deutschen!

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